Machtwechsel in Saudi-Arabien Der letzte Beduine

Verglichen mit Saddam Hussein, Gaddafi oder Assad war König Abdullah ein Diktator mit menschlichem Antlitz. Aus einer persönlichen Empörung heraus hätte der gefühlige Monarch einmal beinahe die Allianz mit den USA beendet.

Von


An einem Nachmittag Ende August 2001 saß Saudi-Arabiens damaliger Kronprinz Abdullah ibn Abd al-Aziz vor dem Fernseher und sah, wie ein israelischer Soldat eine Palästinenserin mit den Füßen trat. Der Anblick machte ihn so wütend, dass er seinen Botschafter in den USA anrief. Er befahl ihm, sofort ins Weiße Haus zu fahren und Präsident George W. Bush zu sagen, dass die historische Allianz zwischen Amerika und Saudi-Arabien Geschichte sei. Von nun an gehe jeder der beiden Partner im Nahen Osten seiner eigenen Wege.

Bush erschrak und schickte Abdullahs Botschafter noch in derselben Woche mit einem versöhnlichen Brief nach Riad: Auch er sei tief besorgt über die Tragödie im Nahen Osten und fühle mit den leidenden Palästinensern. "Ich glaube fest daran, dass das palästinensische Volk ein Recht auf Selbstbestimmung hat und darauf, friedlich und sicher in seinem eigenen Staat zu leben." So weit war kein US-Präsident vor Bush gegangen.

Es war ein Augenblick, der Weltgeschichte hätte schreiben können - entstanden aus einer momentanen, persönlichen Regung eines Monarchen, der sich solche Regungen erlaubte, ja grundsätzlich nach Instinkt regierte. Dafür respektierten seine Zeitgenossen den Greis von Riad, selbst der Präsident der USA.

Fotostrecke

11  Bilder
Saudi-Arabien: Die Welt der Saudis
Doch Abdullahs Wutanfall vom August 2001 hat keine Geschichte geschrieben, denn zwei Wochen später fielen die Türme des World Trade Centers. 15 der 19 Attentäter kamen aus Saudi-Arabien, und der Rest von Abdullahs Regentschaft stand im Zeichen dieser Katastrophe und der Katastrophen, die aus ihr hervorgingen.

Beinahe bescheiden

Insgesamt kann als glückliche Fügung gelten, dass es ein Mann von Abdullahs Alter, Erfahrung und Gemüt war, der Saudi-Arabien in den letzten 20 Jahren regiert hat - von der schweren Erkrankung seines Bruders Fahd 1995 an als Kronprinz und seit 2005 als König.

Gemessen an Egomanen wie Gaddafi und Saddam, Despoten wie Hafis al-Assad und Hasardeuren wie Jassir Arafat war Abdullah ein Staatsmann. Der Libyer Gaddafi war ihm zuwider, Saddam forderte er vergeblich auf, ins Exil zu gehen und dem Irak den verheerenden Krieg zu ersparen, der schließlich doch ausbrach. Husni Mubaraks Ende vor genau vier Jahren traf den inzwischen 86-jährigen Abdullah schwer. Ein robustes Militärregime, fand er, sei genau die richtige Herrschaftsform für die Ägypter - weshalb Saudi-Arabien heute Mubaraks autoritären Nachfolger Sisi stützt und das Königreich auch sonst nirgends im Nahen Osten als Anwalt von Demokraten oder Menschenrechtlern auftritt.

Auch an seinen Brüdern gemessen, war Abdullah eine Ausnahme: Er zählte nicht zum exklusiven, einflussreichen Kreis der "Sieben Sudairis", den Söhnen des saudischen Gründerkönigs Saud ibn Abd al-Aziz und Hasa bint Sudairi, einer von dessen etwa 20 Ehefrauen. Abdullah war der Sohn einer anderen Mutter. Er galt als bescheidener und etwas weniger schillernd als die Sudairis.

Bescheiden jedenfalls nach den Maßstäben des saudi-arabischen Königshauses: Auch Abdullah reiste mit acht Jumbojets, wenn er irgendwo auf Staatsbesuch war, auch für Abdullah wurde ein ganzer Flügel des New Yorker Presbyterian Hospitals freigeräumt, wenn ihm das Kreuz wehtat.

Wahhabit mit menschlichem Antlitz

In seinen Palästen in Riad und Dschidda versammelte sich wöchentlich eine Madschlis, die Versammlung loyaler Stammesführer, zum Palaver. Wer Gelegenheit hatte, einer solchen Audienz beizuwohnen, war erstaunt: Selbst in den Jahren nach 9/11, als sich auch in Saudi-Arabien die Anschläge häuften, wurde man ohne Sicherheitscheck vorgelassen und konnte zwanglos mit dem König ein paar Worte wechseln; Stammesbrüder konnten sich mit den scheinbar banalsten Familiensorgen an den Patriarchen wenden.

Interviews gab er selten - und wenn, dann gaben sie kaum je die emotionale Tiefe wieder, mit der Abdullah die Welt sah und empfand. Er war, seinem Habitus nach, der letzte Beduine unter den Fürsten des Hauses Saud. Wie tief ihm der Paternalismus im Blut lag, war während des Besuchs zu sehen, den er George W. Bush Jahre nach seinem Wutanfall, nach 9/11 und nach dem Irak-Krieg schließlich auf dessen Ranch in Texas abstattete: Da hielt er die Hand des US-Präsidenten minutenlang fest.

Abdullah hat sich gelegentlich mit besonders extremistischen Gelehrten angelegt und ab und zu sogar einen von ihnen gefeuert. Im Grunde aber vertrat auch er die puristische und intolerante Islamauslegung der Wahhabiten, welche die Herrschaft des Hauses Saud festigen.

Aus dieser Haltung resultieren die Konflikte, die Abdullah nicht gelöst hat, und das Erbe, das er Saudi-Arabien hinterlässt - die tiefe Feindschaft mit dem schiitischen Iran, die Unterdrückung der schiitischen Minderheit in Saudi-Arabien und die Unterstützung der sunnitischen Militanten im irakischen und im syrischen Bürgerkrieg. Es spricht für die trostlosen Verhältnisse im Nahen Osten, dass Abdullah ibn Abd al-Aziz als ein Wahhabit mit menschlichem Antlitz erscheint.

Mehr zum Thema


insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
syracusa 23.01.2015
1. eine alte Tradition
Es ist eine alte Tradition, nicht schlecht über Verstorbene zu sprechen. Der SpOn Autor hat sich strikt daran gehalten, und deshalb will auch ich mich hier nicht über den verstorbenen Diktator Abdullah äußern.
mfgkw 23.01.2015
2. Was hat man vom Antlitz?
Wenn er dann insgeheim Militante mit Millionen füttert. Das meinte wahrscheinlich eure Bundeskanzlering mit "ausgewogen": nach außen jovial, unter der Decke Kriegstreiber, wenn es von Sorteil ist.
hschmitter 23.01.2015
3.
Zitat von syracusaEs ist eine alte Tradition, nicht schlecht über Verstorbene zu sprechen. Der SpOn Autor hat sich strikt daran gehalten, und deshalb will auch ich mich hier nicht über den verstorbenen Diktator Abdullah äußern.
Nun ja, man muß es aber auch nicht tränendrüsig schönreden. Wie oft hat man schon gehört, daß Diktatoren ein menschliches Antlitz hätten. Das Gefasel kann man einfach mal rauslassen - das ist eine Verhöhnung derjenigen, die darunter litten, daß der Diktator meist kein menschliches Antlitz hatte.
ffkgmr 23.01.2015
4.
Zitat von syracusaEs ist eine alte Tradition, nicht schlecht über Verstorbene zu sprechen. Der SpOn Autor hat sich strikt daran gehalten, und deshalb will auch ich mich hier nicht über den verstorbenen Diktator Abdullah äußern.
Genau. Deshalb hält sich auch jeder daran. Siehe Berichte über Hitler, Mao, Breivik, Attentäter in Paris, etc. Das Saudi-Arabien eine menschenverachtende Diktatur mit Sklavenarbeitern, Hinrichtungen durch Enthauptung, Steinigung ist, interessiert ja keinen. Sind ja unsere Freunde und demnach auch der Abdullah. Lächerlich.
new_eagle 23.01.2015
5. Was soll die Heuchelei hier?
Ist das nicht derselbe Monarch, der dafür verantwortlich ist, dass ein Blogger 10 Jahre in den Knast und 1.000 Peitschenhiebe aushalten muss, nur weil er die "Religionspolizei" lächerlich gemacht hat? Wäre er der Kalif der IS würde der Artikel wohl einen gänzlich anderen Tenor haben! Dabei sind die unmenschlichen Strafen des IS nahezu identisch mit denen in Saudi Arabien und auch die religiös motivierte Begründung dafür ist nahezu deckungsgleich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.