Saudi-Arabien in der Krise "Mohammed bin Salman hat viele Feinde"

Saudi-Arabien ist wegen des US-Rückzugs aus dem Nahen Osten in Panik. Experte Bernard Haykel über die Krise in Syrien, ihre Folgen für Europa - und einen mysteriösen Mord im Umfeld des saudischen Königs.

Mohammed bin Salman: Saudi-Arabiens Kronprinz
Alexey Nikolsky/ Sputnik/ Kremlin/ Pool/ EPA-EFE/ REX

Mohammed bin Salman: Saudi-Arabiens Kronprinz

Ein Interview von


Seit der persönliche Bodyguard des saudischen Königs Salman Ende September erschossen wurde, halten sich hartnäckig Gerüchte, Kronprinz Mohammed bin Salman (MbS) sei in den Fall verwickelt.

Der Bodyguard, Generalmajor Abdul Asis al-Faghm, wurde auf einem Privatanwesen in der saudi-arabischen Hafenstadt Dschidda nach einem Wortgefecht mit einem Freund erschossen. Mehr ist über den Fall nicht bekannt.

Oppositionelle behaupten, Faghm musste sterben, weil er den König negativ beeinflusst und dadurch die Thronfolge des jungen Prinzen gefährdet habe.

SPIEGEL: Gibt es seriöse Indizien dafür, dass der Kronprinz die Hand im Spiel hatte beim Mord am Leibwächter seines Vater?

Haykel: Abdul Asis al-Faghm diente bereits diesem und dem vorigen König als Bodyguard. Warum sollte es jetzt zu dieser Eskalation kommen? Ich halte nicht viel von dieser Verschwörung. Der König kondolierte der Familie von Faghm gemeinsam mit dem Kronprinzen öffentlich. Das spricht eher für aufrichtige Trauer.

SPIEGEL: Kontrolliert der Kronprinz tatsächlich, wer den König sehen darf?

Haykel: Ich höre das gelegentlich, kann aber nicht erkennen, dass der König Zweifel am Kronprinzen hegt oder verärgert wäre.

SPIEGEL: Was ist der saudische Thronfolger für ein Mensch?

Haykel: Ich habe Mohammed bin Salman bereits vor 2017 kennengelernt, also bevor er zum Kronprinzen ernannt wurde. Ich habe ihn seither etwa einmal pro Jahr getroffen. Er ist eindrucksvoll, charismatisch - und hart.

SPIEGEL: Wie gefestigt ist seine Machtposition, wird er König werden?

Haykel: Mohammed bin Salman hat viele Feinde. Seine Macht scheint mir aber doch gut abgesichert. Es gab angeblich mindestens zwei Versuche, ihn zu töten - einmal durch eine Kampfdrohne über seinem Palast in Riad, ein andermal durch IS- oder Qaida-Terroristen in Dschidda. Beide Anschläge scheiterten. Der Thronfolger ist durch die Königliche Garde außerordentlich gut bewacht.

Zur Person
  • Princeton University
    Bernard Haykel, Jahrgang 1968, ist Professor für Nahost-Studien und Direktor des Instituts für Transregionale Studien des zeitgenössischen Mittleren Ostens, Nordafrika und Zentralasien an der privaten Elite-Universität Princeton in New Jersey. Haykel hat den umstrittenen Kronprinzen Mohammed bin Salman regelmässig getroffen und tauschte mit ihm WhatsApp-Nachrichten.

SPIEGEL: Wer sind die größten Feinde des Thronfolgers?

Hyakel: Einer ist sicherlich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, aber natürlich auch Iran. Viele amerikanische Geheimdienstagenten mögen ihn nicht, weil MbS den früheren Kronprinzen Mohammed bin Najef aus dem Weg räumte, der ihr Kandidat war für den Thron. Die Medien mögen ihn nicht und auch die Menschenrechtsorganisationen kritisieren MbS wegen des Mordes an Jamal Khashoggi und seiner Nähe zu US-Präsident Donald Trump.

SPIEGEL: Droht dem Kronprinzen auch Gefahr aus dem Inneren des Königreichs?

Haykel: Es mag sein, dass einige auf Rache sinnen. MbS hat viele Männer innerhalb der königlichen Familie entmachtet und ihnen, genauso wie vielen Geschäftsleuten und hohen Staatsbediensteten, Privilegien und Milliarden Dollar abgenommen. Es gibt viele ältere Onkel und Cousins, die glauben, sie wären besser geeignet als künftiger König. Aber all diese Prinzen besitzen, so viel Groll sie auch hegen, weder Soldaten, noch Macht.

SPIEGEL: Für wie fähig halten Sie den jungen Herrscher?

Haykel: MbS ist es in kurzer Zeit gelungen, die Macht der religiösen Fundamentalisten zu brechen und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen einzuleiten. Das ist eine große Leistung. Sein Ziel, die saudi-arabische Wirtschaft zu diversifizieren und vom Öl unabhängiger zu machen, ist dagegen weniger erfolgreich. Auch seine außenpolitische Bilanz ist bisher nicht sonderlich rühmlich.

SPIEGEL: Sie sprechen vom Jemen-Krieg?

Haykel: MbS wollte im Jemen den Einfluss Irans stoppen und die Houthi-Rebellen zurückschlagen. Auch beabsichtigte er, das Emirat Katar zu disziplinieren und die Herrscherfamilie in Doha von ihrer Kooperation mit den Muslimbrüdern und Iran abzubringen. Beides ist gescheitert. Mit den jüngsten Angriffen auf die Ölfabriken zeigte Iran, dass man jederzeit in der Lage ist, die globale Ölversorgung zu unterbrechen. Für Riad war dieses Ereignis ein traumatischer Schock, ähnlich wie für den Westen die Anschläge vom 11. September 2001 in New York. MbS erfährt hier gerade die Grenzen seiner Macht.

SPIEGEL: Viele westliche Staats- und Regierungschefs hätten lieber gar nichts mit MbS zu tun, Angela Merkel zum Beispiel.

Haykel: Frau Merkel kann leider nicht wählen, wer Saudi-Arabien regiert. Falls MbS nicht umgebracht wird, wird er König und das sehr lange bleiben. Man wird mit ihm umgehen müssen.

SPIEGEL: Was raten Sie westlichen Politikern, die sich - anders als US-Präsident Donald Trump - mit MbS schwertun?

Haykel: MbS ist nicht einfach. Und ich bezweifle, dass er sein Image rasch umkehren kann. Es bleibt jedem selbst überlassen, darüber zu urteilen, ob er das Glas als halb leer betrachtet oder als halb voll.

SPIEGEL: Raten Sie gerade, dass Politiker über die Menschenrechtsverletzungen hinwegsehen sollten?

Haykel: Ich verteidige MbS nicht. Aber Saudi-Arabien ist auch nicht Norwegen, sondern ein schwieriges Land. Sie haben dort auf der einen Seite den Mord an Khashoggi und die Repression. Der Kronprinz hat einige Hundert Menschen ins Gefängnis geworfen.

SPIEGEL: Nach eigenen Angaben immerhin 1500 Menschen.

Haykel: Aber im Vergleich zu Diktatoren wie Abdel Fattah el-Sisi in Ägypten und Baschar al-Assad in Syrien zeigt er sich nicht vergleichbar brutal.

SPIEGEL: Seit wenigen Tagen gibt es in der Region einen neuen, fürchterlichen Kriegsschauplatz, die türkische Offensive im Norden Syriens. Weit mehr als hunderttausend Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Warum kommt die Region nicht zur Ruhe?

Haykel : Das sind die Folgen des amerikanischen Rückzugs aus dem Nahen Osten, der schon unter Ex-Präsident Barack Obama begann. Die US-geführten Kriege in der Region scheiterten, dabei wurde unendlich viel Geld und Blut verschwendet und Washington ist es trotzdem nicht gelungen, seine militärische Stärke in politische Macht umzusetzen. Jetzt sind die USA einfach erschöpft.

SPIEGEL: Wer wird das Vakuum füllen?

Haykel: Iran zeigt Stärke, die Türkei kreuzt plötzlich am Persischen Golf auf und im Roten Meer - und Russland ist sowieso überall. Wladimir Putin wird in diese Lücke hineinstoßen. Amerikas Verbündete in der Region - darunter auch Saudi-Arabien - geraten umgekehrt natürlich in Panik. Sie stellen fest, dass sie sich auf Washington nicht mehr verlassen können.

SPIEGEL: Wie könnte die Region in zehn Jahren aussehen?

Haykel: Die Konflikte nehmen zu, es gibt dann noch mehr gescheiterte Staaten. Die Folgen werden vor allem die Europäer spüren. In all diesen Ländern leben viele junge Menschen, deren Regierungen ihnen keine Chancen bieten können. Europa hat wohl erst den Anfang von einem viel größeren Flüchtlingsstrom gesehen.

insgesamt 123 Beiträge
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protagon 20.10.2019
1. Bestimmt gut für's Nebeneinkommen
... solcherlei PR-Stücke.
yksas 20.10.2019
2. Mohammed bin Salman
Och, ich mag diesen Mörder auch nicht. Natürlich ist er nur das Produkt seiner religiös und gesellschaftlich degenerierten Familie. Bei so vielen Kindern ist es unumgänglich den Weg an die Macht entgegen den Menschenrechten zu erreichen. Moh glaubt, daß das Allah so gefällt. Wer sollte dem widersprechen wenn er in Mohs Umgebung weiter leben will? Glücklicherweise arbeiten wir hier in Deutschland ja für eine Trennung von Staat und Religion, weil uns die Gefahr bewusst ist. ;)
DCH 20.10.2019
3.
Bei der kurzen Vorstellung des Interviewten hätte man vielleicht noch einfügen sollen, wer die Uni Princeton so alles finanziell unterstützt.
auweia 20.10.2019
4. @#1
Wer hat - nach Ihrer Ansicht - hier PR betrieben - und für wen?
marcanton80 20.10.2019
5.
Ist das der Pressesprecher vom Saudischen Königshaus?Puhh wenn das als Journalismus durchgeht,dann mal gute Nacht, "die Saudis sind garnicht so brutal "aber n Journalisten zersägen und in Koffer packen .Der Mann hat wohl Angst wenn er was falsches sagt ,ihm beim nächsten Treffen das selbe passiert...
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