Angriff auf Ölraffinerie in Saudi-Arabien Ins Herz getroffen

Der Raketenangriff auf die größte Ölraffinerie der Welt setzt Saudi-Arabien schwer zu. Das Land demonstriert Widerstandsfähigkeit - und will Vergeltung.

Susanne Koelbl/ DER SPIEGEL

Aus Abkaik berichtet


Das Beweisstück ist eine dicke Stahlplatte, fünf Mal fünf Meter groß, um die der saudi-arabische Ölingenieur Khalid Al-Ghamdi jetzt aufgeregt herumläuft. Er zeigt in der Mitte auf ein gewaltiges Loch mit Stahlspitzen, die nach außen gebogen sind, wie die Reißzähne im Maul eines Raubtiers.

Die Öffnung ist so groß, dass ein Mensch hindurchgehen könnte.

Das Loch wurde im Morgengrauen durch eine Rakete in die Außenhaut eines sogenannten Sphäroids gerissen, am 14. September um genau 3.51 Uhr. Sphäroide sind riesige Speichertanks in Kugelform, zwei Dutzend Meter hoch, in dem zum Beispiel Rohöl entgast oder entwässert wird. Das bauchige Gefäß, das hier gerade repariert wird, ist einer von elf Tanks, die an jenem Samstagmorgen in Abkaik durch Marschflugkörper angegriffen wurden. Zehn Ziele standen in Flammen, sagt Al-Ghamdi.

Al-Ghamdi ist der Betriebsleiter der größten Ölraffinerie der Welt. Er ist verantwortlich dafür, dass alles läuft. Und es lief.

4,7 Millionen Barrel Öl verarbeitete Abkaik täglich. Mit dem Anschlag, der noch eine zweite Fabrik traf - Khurais, ebenfalls im Osten des Landes -, legten die Attentäter fünfzig Prozent der Ölproduktion im Königreich lahm. Damit zielten sie auch auf das Herzstück der internationalen Energieversorgung. Der Ölpreis stieg daraufhin um fast zwanzig Prozent.

Al-Ghamdi ist nicht besonders groß, drahtig, Ende vierzig, volles, graues Haar. Seit zwanzig Jahren arbeitet er bei Saudi Aramco, der größten Ölfirma der Welt. Al-Ghamdi trägt ein beiges Hemd, braune Hose, Firmen-Uniform, sein Haus steht weniger als 100 Meter von der Raffinerie entfernt. "Ich habe sie Tag und Nacht im Blick," sagt er fast liebevoll.

Brutalität und Bösartigkeit

Nie zuvor hat Al-Ghamdi Fremde in seine Anlage gelassen, schon gar nicht mit Kameras, aus Sicherheitsgründen. Er wirkt wie ein Bankdirektor, der den Ermittlern den Tresorraum zeigt, nachdem dieser von Kriminellen ausgeräumt wurde. Al-Ghamdi will den internationalen Reportern zeigen, mit welcher Brutalität und Bösartigkeit die Feinde in Abkaik vorgegangen sind.

Er will aber noch etwas anderes klarmachen: dass, so groß die Zerstörung auch ist, die Staatsfirma Aramco sich nicht kleinkriegen lässt. "Ich habe 200 Sicherheitsdrills hinter mir, sagt der Manager, "alles lief hundertprozentig nach Plan".

Al-Ghamdi war schon wach, bevor die Raketen einschlugen. Er sprach sein erstes Gebet, Fadschr, als er einen infernalischen Lärm wahrnahm. "Ohrenbetäubend" sei das gewesen. Drei Minuten später war er bereits am Ort des Geschehens.

Schwarzer Rauch stieg auf über Abkaik. Das Öl in den Sphäroids hatte sich entzündet. Dicke Feuerschwaden bauschten sich am Himmel über der Stadt. Zwanzig Minuten später hatten Al-Ghamdi und seine Leute bereits die 110 Arbeiter der Schicht im Werk evakuiert. Sieben Stunden später waren alle Feuer gelöscht.

Nur einen Tag nach der Katastrophe nahm Al-Ghamdi die Produktion bereits wieder auf, gedrosselt. Jetzt produziert er zwei Millionen Barrel Erdöl am Tag. Bis Ende September will die Firma wieder voll einsatzfähig sein.

Der Schaden ist dennoch immens. Aramco will demnächst an die Börse gehen. Kronprinz Mohammed bin Salman, 34, der das Land de facto regiert, setzte den Wert des Staatsunternehmens mit zwei Billionen Dollar an, höher als für jede andere Firma zuvor.

Doch manche Analysten werden jetzt fragen, was es bedeutet, wenn die Sicherungssysteme gegen Angriffe aus der Luft bei dem Konzern komplett versagen können und Terroristen mit nur einem Anschlag innerhalb von Minuten die Wirtschaft des Landes weithin lahmlegen können?

Ein böses Meisterstück

Am schmerzhaftesten ist vielleicht die Professionalität, mit der diese Attacke ausgeführt wurde. Saudi-Arabien ist überzeugt davon, dass der Erzfeind Iran dahintersteckt. Teheran verneint dies vehement. Die schiitischen Huthi-Rebellen aus Jemen reklamieren das böse Meisterstück bisher allein für sich.

Für die Behauptung der Saudis allerdings spricht, dass die eingesetzten Drohnen und Cruise Missiles für einen Langstreckeneinsatz auf dem letzten Technikstand sein müssen. Jemen liegt 1000 Kilometer vom Ziel entfernt. Nach Iran sind es nur 300 Kilometer.

Zur Aufklärung, der Zielauswertung, Zielauswahl und Programmierung der Drohnen sind erfahrene Profis nötig. Üblicherweise werden solch komplexe Angriffe vom Generalstab einer modernen Armee organisiert.

Preisabfragezeitpunkt:
11.12.2019, 22:55 Uhr
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Verlag:
Deutsche Verlags-Anstalt
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Das stärkste Argument der Saudis ist bisher die Richtung, aus der die Raketen einschlugen, aus Nordwest. Der Jemen allerdings liegt südlich des Königreichs.

Die Abschusspositionen konnten aber noch nicht eindeutig aufgeklärt werden. Denn die Lenkung von Drohnen ist flexibel, sie können ihre Flugrichtung ändern.

Drohnen-Fabrik in Jemen?

Für die Möglichkeit, dass die Huthis tatsächlich nicht nur Handlanger der Iraner sind, sondern selbst über die notwendige Technologie und das Know-how verfügen, spricht wiederum, dass die Rebellen schon vor dem Krieg Waffen über das Mittelmeer ins Land schafften, behaupten Beobachter in Sanaa, die nicht dem Huthi-Lager angehören. Ein Waffenexperte in der jemenitischen Hauptstadt, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, sagte dem SPIEGEL, er selbst habe ein Jahr vor dem Krieg, 2014, im Hafen von Salif nahe Hudaida gesehen, wie zwei iranische Schiffe anlegten. Große Mengen an Waffen seien damals Richtung Sanaa geschafft worden. Jemen verfüge selbst über zwei Produktionsstätten für Drohnen und Missiles.

"Ein gutes Land und ein böses Land"

In Saudi-Arabien ist die Wut über die Aggression groß. Die Ölanlagen sind so etwas wie die Kronjuwelen des Königreichs. US-Außenminister Mike Pompeo sprach bei seinem Blitz-Besuch beim Kronprinzen in Jeddah vergangene Woche von einem "Kriegsakt".

Doch was folgt daraus? In Riad ist man um Contenance bemüht. Man sieht sich als Opfer einer brutalen Anschlagsserie. "Es gibt ein Land, das Gutes will und ein anderes Land, das Böses will," sagte der Staatsminister für Außenpolitik, Adel Al-Jubeir, am Samstag in Riad vor Medienvertretern.

Das verwundete Königreich

Die Regierung will die internationale Verurteilung der Täter. Wie die Strafe aussehen könnte, hatte US-Senator Lindsey Graham bereits kurz nach dem Anschlag formuliert: Graham plädierte dafür, die iranischen Öl-Einrichtungen zu bombardieren.

Doch Riads bisher wichtigster Verbündeter, US-Präsident Donald Trump, zieht nicht mit. Striktere Sanktionen gegen Teheran, ja, mehr US-Truppen im Königreich, aber "wir wollen keinen Krieg mit Iran", sagte Trump vergangene Woche in Washington. Er lässt die Wüsten-Monarchen in ihrem tiefen Schmerz allein.

Saudi-Arabien kann und wird die ihm zugefügte Wunde nicht ohne Antwort lassen. Am Donnerstag bombardierten die Koalitions-Kräfte schon mal den jemenitischen Hafen von Hudaida. Damit dürfte der dort mühsam ausgehandelte Waffenstillstand zerbrochen sein.

In der Ölfabrik von Abkaik arbeiten Al-Ghamdis Männer rund um die Uhr, um den Schaden schnellstmöglich zu beheben. "Wir werden aufstehen und stärker sein als zuvor," sagt der Ingenieur. Es klingt wie eine Kampfansage.

insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
mckberlin 22.09.2019
1. Erst Menschen töten
Und dann rum heulen. Erstmal selbst an die nase fassen
Joachim Kr. 22.09.2019
2. Huthis im Besitz von derart wirksamen Drohnen?
irgendwie habe ich da Zweifel. Und vor allem: Geheimdienste müssten davon, wie von weiteren Fähigkeiten, etwas wissen. Auf die amerikanischen 'Erkenntnisse' möchte ich jedoch verzichten, die sind nicht mehr glaubwürdig. Aber es gibt ja genügend andere!
memyselfeandi 22.09.2019
3. Nordwest?
Wenn die Raketen aus Nordwest kamen, wie kann es dann der Iran gewesen sein? Warum wurde die Anlage nicht besser gesichert? Taugen die Patriots nichts? Gibt es keine Radaraufzeichnungen? Die Rebellen behaupten die hätten Hilfe innerhalb von Saudi-Arabien gehabt? Darauf hätte ich gerne Antworten.
protagon 22.09.2019
4. Geradezu obszön,
wie dieser Artikel einen erfolgreichen Gegenschlag der Jemeniten gegen saudische Infrastruktur versucht zu skandalisieren, sowie die mögliche Beteiligung Irans als Lieferanten der eingesetzten Drohnen und/oder Marschflugkörper. Der Jemen wird seit Jahren von den Saudis flächenbebombt ist ist heute Heimat einer der schlimmsten humanitären Katastrophen seit Dekaden. Und die militärische Hardware hierzu stammen aus den USA und Europa, auch Deutschland immer fleissig mit dabei. Zynischer geht's gar nicht mehr.
einerkeiner 22.09.2019
5. Ein land das gutes will?
Bisher dachte ich immer, Saudi-Arabien wäre ein Land, das für die größte humanitäre Katastrophe zurzeit, im Jemen, verantwortlich ist. Ein Land, das mit Dissidenten in seinen Botschaften um die Welt mit Knochensägen zerstückelt. Ein Land, in dem kritische Blogger und Demonstranten die Todesstrafe erhalten, und mit Schwertern geköpft werden. Ein Land, das mit seinen riesigen Geldmengen, die es allein der Ausbeutung natürlicher Ressourcen verdankt, den radikalen Islam rund um die Welt, insbesondere in Europa, verbreitet. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Die Erdöl-Drosselung ist das beste was unserem Planeten passieren kann, die bringt mehr als hundert Klima-Päckchen aus Berlin...
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