Angriff auf Saudi-Arabien Öl ins Feuer

Iran und Saudi-Arabien liefern sich seit Jahren ein Fernduell. Die Attacke auf die Ölanlagen der Wüstenmonarchie fordert Mohammed bin Salman heraus - und stellt US-Präsident Trump vor ein Problem.
Mohammed bin Salman: Saudi-Arabiens Kronprinz

Mohammed bin Salman: Saudi-Arabiens Kronprinz

Foto: Susan Walsh/ AP

Es scheint, als habe Hassan Rohani Wort gehalten. "Falls sie eines Tages den Export von iranischem Öl verhindern wollen, dann wird gar kein Öl aus dem Persischen Golf ausgeführt", versprach der Präsident der Islamischen Republik in einer TV-Ansprache vergangenen Winter mit Blick auf die Wirtschaftssanktionen der USA.

Am Wochenende wurde nun die weltweit größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien offenbar mit Drohnen und Raketen angegriffen, die Ölproduktion musste massiv gedrosselt werden.

Das sunnitische Königreich Saudi-Arabien ist der Erzfeind des schiitischen Gottesstaats Iran. Die beiden Länder führen einen Schattenkrieg im Nahen Osten, unter anderem im Bürgerkriegsland Jemen. Dort kämpft eine Allianz unter Führung Saudi-Arabiens gegen die schiitischen Huthi-Rebellen, die von Iran unterstützt werden.

Wer steckt hinter dem Angriff?

Zwar haben sich am Samstag die Huthis zu dem Angriff auf die Anlagen des saudi-arabischen Staatskonzerns Aramco bekannt. Und aus Riad heißt es, die Huthi-Rebellen hätten iranische Drohnen benutzt. Doch ob die von Teheran unterstützten Kämpfer tatsächlich hinter den mindestens 17 Einschlägen stecken, zumal viele hundert Kilometer fernab ihres Herrschaftsgebiets, ist offen.

Der "New York Times" zufolge gehen US-Regierungsbeamte davon aus, dass die präzisen und umfangreichen Attacken aus dem nördlichen Persischen Golf und damit aus Iran oder Irak kamen. Doch noch gibt es dafür keinen Beweis.

Klar ist nur: Bislang haben sich Iran und Saudi-Arabien ein Fernduell geliefert. Sollte Iran tatsächlich hinter dem Angriff stecken, dann wäre das ein Novum - und die Gefahr eines Krieges zwischen den beiden Staaten akut.

Was bedeutet der Angriff für Kronprinz Mohammed bin Salman?

Einer aber schweigt bislang: Mohammed bin Salman, kurz MbS. Saudi-Arabiens junger Kronprinz investiert viel Zeit und Geld in seine eigene Imagepflege: Er stellt sich als Reformer dar, der Frauen neue Rechte gibt und das Land aus der Abhängigkeit vom Öl führt.

Der Mord an dem Journalisten und Regimekritiker Jamal Kashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul vor einem Jahr hat seinen Ruf bereits schwer beschädigt. MbS gilt vielen seither als ruchloser Herrscher, der bei der Verfolgung von Kritikern vor archaischen Mitteln nicht zurückschreckt.

Der Drohnenangriff auf die Ölanlagen wird für ihn nun ebenfalls zum Problem. MbS, der sich gerne als starker Mann darstellt, sieht plötzlich aus wie ein Machthaber, der nicht in der Lage ist, sein eigenes Volk zu schützen. Der Kronprinz steht nun unter Druck. Es ist ein Stresstest: Will er nicht schwach erscheinen, muss er auf die Attacke reagieren.

Wie reagiert US-Präsident Donald Trump?

Die USA stünden "Gewehr bei Fuß". Das sagte Donald Trump schon einmal, nachdem iranische Revolutionswächter im Juni eine unbemannte US-Spionagedrohne in der Golfregion abgeschossen hatten.

Einen Vergeltungsschlag blies Trump damals in letzter Minute ab. Zu groß sei die Gefahr gewesen, Zivilisten zu treffen, behauptete er. Nun hat er seine Drohung beinahe wortgleich erneut.

Video: Trump droht mit Vergeltung

SPIEGEL ONLINE

Einerseits will Trump keinen neuen Krieg im Nahen Osten. Er hat seinen Wählern versprochen, Soldaten aus dem Ausland in die USA zurückzuholen. Eine militärische Auseinandersetzung - nur gut ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen 2020 - könnte, so fürchtet er offenbar, seine Chancen auf eine Wiederwahl schmälern.

Andererseits hat der iranisch-amerikanische Konflikt schon jetzt eine Eigendynamik entwickelt, die jederzeit zu einer plötzlichen Eskalation führen kann. US-Beamte berichteten der "Washington Post", die Trump-Regierung diskutiere einen Militärschlag. Trump traf sich am Sonntag mit seinem Verteidigungsminister Mark T. Esper.

Wie wirkt sich der Vorfall auf mögliche Nuklearverhandlungen zwischen den USA und Iran aus?

Zuletzt standen die Zeichen im amerikanisch-iranischen Verhältnis auf vorsichtiger Entspannung: Trump signalisierte seine Bereitschaft, sich mit seinem iranischen Amtskollegen Hassan Rohani zu treffen. US-Außenminister Mike Pompeo bekräftigte, dass es bereits am Rande der Uno-Generalversammlung in New York Ende des Monats zu einem solchen Gespräch kommen könnte.

Davon ist nun keine Rede mehr. Trump behauptet, er habe niemals Verhandlungen mit der iranischen Führung ohne Vorbedingungen zugestimmt, was nachweislich falsch ist. Und auch das iranische Regime bekräftigte am Montag: Ein Treffen mit Trump in New York werde es nicht geben.

Trump verfolgt eine Strategie des "maximalen Drucks" gegenüber Iran. Unter ihm sind die Vereinigten Staaten aus dem Atomabkommen ausgestiegen, das sein Vorgänger Barack Obama mit dem Land ausgehandelt hatte. Stattdessen sollte das Regime in Teheran unter anderem durch Sanktionen vom Bau einer Atombombe abgehalten werden. Bislang blieb diese Politik erfolglos.

Der Abgang von US-Sicherheitsberater John Bolton aus der Regierung vergangene Woche weckte Hoffnung, dass USA und Iran neu ins Gespräch kommen könnten. Diese Hoffnung ist nun erst einmal dahin.