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26. Oktober 2013, 07:36 Uhr

Frauenfahrverbot in Saudi-Arabien

"Es geht um alles"

Von Andreas Spinrath

Protest hinterm Lenkrad: Saudische Aktivistinnen wollen das Frauenfahrverbot in dem Land brechen - trotz der Androhung körperlicher Strafen. Im Interview erläutert Organisatorin al-Jami ihre Motivation und warum sie Peitschenhiebe nicht fürchtet.

Dschidda - Frauen in Saudi-Arabien wollen mehr als den Beifahrersitz. Feministinnen planen einen Aktionstag und fordern Frauen in dem Land auf, sich an diesem Samstag demonstrativ hinter das Steuer zu setzen. Ihr Ziel ist die Aufhebung des Frauenfahrverbots in dem absolutistischen Königreich. Bereits seit Wochen benutzen einige der Aktivistinnen ihr Auto trotz des Verbots und veröffentlichen in sozialen Netzwerken Videos sowie Bilder von den illegalen Fahrten.

Gegen die geplante Demonstration hatten 150 saudische Gelehrte ihre Bedenken im Palast von König Abdullah vortragen. Es sei eine Schande, dass die Behörden bislang zu den Bestrebungen der Frauen, das Verbot zu kippen, geschwiegen hätten. Einer von ihnen erklärte, der Frauen-Aktionstag sei eine "amerikanische Produktion".

Auf der Webseite der Aktion haben bislang mehr als 16.500 Menschen eine Petition gegen das Fahrverbot unterzeichnet. Am Samstagvormittag war die Seite gehackt. Tamador al-Jami ist eine der Aktivistinnen hinter der Bewegung #Oct26Driving. Im Interview spricht al-Jami über ihre persönliche Motivation zum Protest.

SPIEGEL ONLINE: Frau al-Jami, worum geht es bei Ihrem Protest?

Al-Jami: Ich nehme an, dass Sie in Deutschland zumindest ein vernünftiges Verkehrssystem haben. U-Bahnen, Taxen, Busse. In Saudi-Arabien haben wir das nicht. Wenn wir Frauen irgendwo hinwollen, sind wir auf unseren Ehemann, Vater oder Sohn angewiesen. Wenn die keine Zeit haben, sind wir wie gelähmt.

SPIEGEL ONLINE: Also geht es um Unabhängigkeit?

Al-Jami: Es geht um alles: um das Gefühl, sein Leben und seine Entscheidungen selbst treffen zu können und im Alltag niemanden um Hilfe bitten zu müssen. Um persönliche Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind extra nach Kalifornien geflogen, um Ihren Führerschein zu machen. Was haben Sie gedacht, als Sie ihn in den Händen hielten?

Al-Jami: Ich hatte gespaltene Gefühle. Auf der einen Seite war es großartig, endlich Auto fahren zu dürfen. Auf der anderen Seite wusste ich, dass ich den Führerschein zu Hause nicht benutzen darf.

SPIEGEL ONLINE: Aber am 26. Oktober werden Sie sich wie viele andere Frauen über das Verbot hinwegsetzen. Was planen Sie für den Tag?

Al-Jami: Es gibt keinen richtigen Plan. Wir als Bewegung rufen jede saudische Frau dazu auf, mit dem Auto zu fahren - jede, die einen Führerschein hat und unabhängig sein will. Ich mache das schon jetzt: Wann immer ich irgendwo hinmuss, fahre ich selbst. Und das werde ich hoffentlich auch nach dem Protesttag tun - wenn alles gutgeht.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn die Situation für Frauen in Saudi-Arabien?

Al-Jami: Für saudische Frauen ist es ein gutes Jahr: Erstmals hat der König Frauen als Mitglieder des Schura-Rats ernannt, wir haben jetzt ein Wahlrecht für die Kommunalwahlen und dürfen dort auch als Kandidatinnen antreten. Außerdem wurde Frauen erlaubt, als Anwältin zu arbeiten. Der Wandel ist so nah wie nie. Wir Frauen haben Rechte zugestanden bekommen, die größer und komplizierter zu erreichen waren als Autofahren. Warum sollten wir also nicht fahren dürfen?

SPIEGEL ONLINE: Welche Argumente gibt es denn für das Verbot?

Al-Jami: Manche Männer sagen, dass sich Frauen ermutigt fühlen zu rebellieren, wenn sie einfach rausgehen und mit dem Auto fahren können. Es gibt auch die, die sagen: "Es gibt so viel Verkehr. Wenn jetzt auch noch die Frauen fahren, wird es viel zu voll." Wieder andere finden, dass Frauen am Steuer in Gefahr sind. Irgendwelche schlimmen Jungs würden sie belästigen, sie bis nach Hause verfolgen, sie vergewaltigen. Und natürlich gibt es auch Männer, die Frauen für so verletzlich halten, dass sie immer von einem Mann beschützt werden müssen - auch im Auto. Eine Frau darf in deren Augen nie allein sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind verheiratet. Was sagt Ihr Mann dazu?

Al-Jami: Er hat kein Problem damit, dass ich fahre. Ich besitze ja mein eigenes Auto, einen Kia. Nur offiziell benutzen darf ich es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Beim letzten Protest haben Sie noch nicht mitgemacht, warum?

Al-Jami: Damals habe ich die Aktion nur von zu Hause aus unterstützt. Gefahren bin ich nicht. Vor zwei Jahren war ich im neunten Monat schwanger und hatte Angst um mein ungeborenes Kind. Ich hatte gehört, dass Menschen verhaftet und ausgepeitscht werden sollten. Als Schwangere geschlagen zu werden, konnte ich nicht riskieren. Jetzt ist mein jüngster Sohn zwei Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Und die Strafen schüchtern Sie nicht mehr ein?

Al-Jami: Ich bin bereit.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, Sie haben Erfolg. Wohin würden Sie fahren, wenn das Fahrverbot aufgehoben wird?

Al-Jami: An keinen besonderen Ort. Ich würde meine Kinder zur Schule bringen und einkaufen gehen - Alltag eben. Ich würde das Haus verlassen und einfach dahin fahren, wo ich gerade etwas zu erledigen habe.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll Saudi-Arabien denn sein, wenn Ihre Söhne erwachsen sind?

Al-Jami: Sie sollen niemanden mehr um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie etwas wollen. Zum Glück habe ich nur Söhne. Manchmal sage ich meiner Familie, dass ich mir auch eine Tochter wünsche. Aber wenn ich dann sehe, wie wir Frauen in Saudi-Arabien leiden, um unsere Rechte durchzusetzen, danke ich Gott dafür, keine Tochter zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je darüber nachgedacht, Saudi-Arabien zu verlassen?

Al-Jami: Nein, es ist meine Heimat, es ist mein Land. Hier gehöre ich hin. Ich kann nicht weglaufen, sondern muss hier für Veränderung kämpfen. Das Land ist es wert.

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