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05. April 2013, 06:26 Uhr

Social-Media-Revolte in Saudi-Arabien

"Twitter ist jetzt unser Parlament"

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Das Smartphone ist immer dabei: Saudi-Arabien gilt als das Twitter-verrückteste Land der Welt. Selbst bisherige Tabuthemen wie Frauenrechte und die Rolle der Sittenpolizei werden heftig diskutiert. Die Herrscher in Riad reagieren immer nervöser.

Berlin - Saudi-Arabiens Großmufti hat eine neue Bedrohung für das islamische Königreich ausgemacht. "Twitter ist zu einem Sammelplatz für jeden Clown und Verführer geworden, der die Menschen korrumpieren will mit unmoralischen, falschen Tweets!", wetterte Abdul-Asis al-Scheich nach einem Bericht der regierungsnahen saudischen Zeitung "Al-Watan".

Prompt schlug der höchsten religiösen Autorität Saudi-Arabiens Widerspruch entgegen - natürlich per Tweet. "Auf diesem Sammelplatz tummeln sich auch einige der hochrangigsten islamischen Gelehrten", stellte etwa ein User klar.

Tatsächlich scheint inzwischen halb Saudi-Arabien auf Twitter unterwegs - inklusive Mitglieder der Königsfamilie und einige der bekanntesten konservativen Prediger. Kein Land der Welt sei so Twitter-verrückt wie der Golfstaat, heißt es in einer Analyse der Londoner Beratungsfirma Trendstream. Auf das Gadget-affine Saudi-Arabien kommen bei 28 Millionen Einwohnern über 33 Millionen Smartphones.

"Twitter ist jetzt unser Parlament", sagte der 30-jährige saudische Aktivist Mohammad al-Ojaimi der Autorin einer kürzlich veröffentlichten Studieüber Saudi-Arabiens 20- bis 30-Jährige. Im realen Leben werden in der absoluten Monarchie Menschenversammlungen sofort aufgelöst. Doch nun diskutieren Millionen Saudis miteinander auf Twitter, meist mit ihren Klarnamen, und schrecken dabei auch vor heiklen Themen nicht zurück:

Bisher hat Saudi-Arabiens Establishment dem Treiben auf Twitter wenig Schranken gesetzt. Man schickte die "Eierköpfe" vor: Twitter-Konten, die durch ihre regierungstreuen Parolen auffielen und kein Profilbild hatten, also als Twitter-Standardeinstellung ein Ei als Bild hatten.

Nun scheint die Regierung sich jedoch zu überlegen, wie sie den öffentlichen Meinungsaustausch wieder unter Kontrolle bekommen kann. "Wir beobachten zusammen mit einigen anderen Behörden, was auf Twitter los ist", sagte im Februar Abdul-Asis Khoja, der Informationsminister. "Aber Zensur ist schwierig - es sind einfach zu viele Nutzer." Saudischen Medienberichten zufolge wird überlegt, ob man die Anonymität für Twitter-Nutzer innerhalb Saudi-Arabiens irgendwie aufheben könne.

Bereits jetzt gibt es für Saudis klare rote Linien auf Twitter, die nicht überschritten werden dürfen. Die Tabubrecher haben mit einem Shitstorm zu rechnen, der es in sich hat.

Ungestraft über die Royals zieht der Twitterer "Mujtahidd" her. Das Pseudonym kommt inzwischen auf über 980.000 Follower. Es gilt als saudisches "Wikileaks", da es außerordentlich gut über die Königsfamilie informiert zu sein scheint. Es wird gemunkelt, hinter dem Konto verberge sich ein verärgertes Mitglied der Königsfamilie.

Mujtahidd twittert seit Dezember 2011 - gleich nachdem Prinz Abdulasis bin Fahd anfing zu twittern. Der Prinz schrieb, wenn er Minister für Unterkünfte wäre, würde er so lange in einer Schlammhütte leben, bis jeder Saudi ein Haus besitzen würde. Die Antwort von Mujtahidd kam sofort: "Du hattest mehr Macht als alle Minister zusammen. Doch Du hast nichts getan, um das Wohnproblem zu lösen."

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