Social-Media-Revolte in Saudi-Arabien "Twitter ist jetzt unser Parlament"

Das Smartphone ist immer dabei: Saudi-Arabien gilt als das Twitter-verrückteste Land der Welt. Selbst bisherige Tabuthemen wie Frauenrechte und die Rolle der Sittenpolizei werden heftig diskutiert. Die Herrscher in Riad reagieren immer nervöser.

Pilger in Mekka: 28 Millionen Einwohner, 33 Millionen Smartphones
REUTERS

Pilger in Mekka: 28 Millionen Einwohner, 33 Millionen Smartphones


Berlin - Saudi-Arabiens Großmufti hat eine neue Bedrohung für das islamische Königreich ausgemacht. "Twitter ist zu einem Sammelplatz für jeden Clown und Verführer geworden, der die Menschen korrumpieren will mit unmoralischen, falschen Tweets!", wetterte Abdul-Asis al-Scheich nach einem Bericht der regierungsnahen saudischen Zeitung "Al-Watan".

Prompt schlug der höchsten religiösen Autorität Saudi-Arabiens Widerspruch entgegen - natürlich per Tweet. "Auf diesem Sammelplatz tummeln sich auch einige der hochrangigsten islamischen Gelehrten", stellte etwa ein User klar.

Tatsächlich scheint inzwischen halb Saudi-Arabien auf Twitter unterwegs - inklusive Mitglieder der Königsfamilie und einige der bekanntesten konservativen Prediger. Kein Land der Welt sei so Twitter-verrückt wie der Golfstaat, heißt es in einer Analyse der Londoner Beratungsfirma Trendstream. Auf das Gadget-affine Saudi-Arabien kommen bei 28 Millionen Einwohnern über 33 Millionen Smartphones.

"Twitter ist jetzt unser Parlament", sagte der 30-jährige saudische Aktivist Mohammad al-Ojaimi der Autorin einer kürzlich veröffentlichten Studieüber Saudi-Arabiens 20- bis 30-Jährige. Im realen Leben werden in der absoluten Monarchie Menschenversammlungen sofort aufgelöst. Doch nun diskutieren Millionen Saudis miteinander auf Twitter, meist mit ihren Klarnamen, und schrecken dabei auch vor heiklen Themen nicht zurück:

  • Sittenpolizei: Beliebtes Spottobjekt sind immer wieder die bärtigen Sittenwächter. Als sie im Januar eine Dinosaurier-Ausstellung in der Stadt Dammam schlossen, machten sich die Saudis einen Spaß daraus, auf Twitter über ihre Gründe zu rätseln, etwa: "Warum machen sie die Ausstellung dicht? Wir sehen doch jeden Tag Dinosaurier in der Regierung.", "Ich habe einen nackten Dinosaurierschenkel gesehen und war danach erregt", "Man sollte die Sittenpolizei ausstopfen und zukünftigen Generationen als ausgestorbene Spezies zeigen", "Nein, nein, der lange Wedel ist nicht, was ihr denkt", "Hallo, Steinzeit? Wir haben ein paar Leute, die abgeholt werden können."
  • Frauenrechte: Kaum etwas führt auf Twitter zu heftigeren Debatten zwischen Saudi-Arabiens Liberalen und Konservativen wie dieses Thema. Ob es Frauen erlaubt werden sollte Auto zu fahren, an den Olympischen Spielen teilzunehmen oder Mitglied der Schura-Ratsversammlung zu werden - in diesen Fragen regnet es regelmäßig Beleidigungen. So beschimpften die Konservativen etwa die Frauen, die König Abdallah jüngst in den Schura-Rat wählte, als "Schlampen", "Abschaum der Gesellschaft" und "Ergebnis von Korruption" und "Verwestlichung". Als Riad erstmals Athletinnen zu den Olympischen Spielen nach London entsandte, vereinten sich die Konservativen unter einem "Schlampen!"-Hashtag. Da waren die Antwort-Tweets einiger Liberalen im Vergleich noch höflich. "Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen."

Bisher hat Saudi-Arabiens Establishment dem Treiben auf Twitter wenig Schranken gesetzt. Man schickte die "Eierköpfe" vor: Twitter-Konten, die durch ihre regierungstreuen Parolen auffielen und kein Profilbild hatten, also als Twitter-Standardeinstellung ein Ei als Bild hatten.

Nun scheint die Regierung sich jedoch zu überlegen, wie sie den öffentlichen Meinungsaustausch wieder unter Kontrolle bekommen kann. "Wir beobachten zusammen mit einigen anderen Behörden, was auf Twitter los ist", sagte im Februar Abdul-Asis Khoja, der Informationsminister. "Aber Zensur ist schwierig - es sind einfach zu viele Nutzer." Saudischen Medienberichten zufolge wird überlegt, ob man die Anonymität für Twitter-Nutzer innerhalb Saudi-Arabiens irgendwie aufheben könne.

Bereits jetzt gibt es für Saudis klare rote Linien auf Twitter, die nicht überschritten werden dürfen. Die Tabubrecher haben mit einem Shitstorm zu rechnen, der es in sich hat.

  • Islam: Nachdem der damals knapp 23-jährige Hamsa Kaschgari vergangenes Jahr über ein imaginäres Zusammentreffen mit dem Propheten Mohammed twitterte, prasselten über 30.000 Tweets auf ihn ein. Konservative forderten die ihrer Meinung nach blasphemischen Aussagen seinen Tod. Kaschgari löschte seine Tweets, floh nach Malaysia und entschuldigte sich. Er wurde jedoch von den Malaysiern an Saudi-Arabien ausgeliefert und sitzt seitdem in Haft. Auch der saudische Literat Turki al-Hamad sitzt im Gefängnis, seit er im Dezember 2012 unter anderem twitterte: "Unser Prophet Mohammed kam, um den Glauben Abrahams zu korrigieren. Nun ist an der Zeit, dass jemand kommt und den Glauben Mohammeds korrigiert."
  • Königsfamilie: Will man die Herrscher attackieren, macht man dies besser anonym. Seit der Saudi Bader Thawab "Nieder mit dem Haus Saud!" im September twitterte, muss er sich nach einem Artikel der internationalen Bloggerplattform "Global Voices" wegen Störung der nationalen Einheit und Ungehorsam vor Gericht verantworten. Ihm drohen fünf Jahre Haft und eine Geldstrafe von bis zu knapp einer Million Dollar.

Ungestraft über die Royals zieht der Twitterer "Mujtahidd" her. Das Pseudonym kommt inzwischen auf über 980.000 Follower. Es gilt als saudisches "Wikileaks", da es außerordentlich gut über die Königsfamilie informiert zu sein scheint. Es wird gemunkelt, hinter dem Konto verberge sich ein verärgertes Mitglied der Königsfamilie.

Mujtahidd twittert seit Dezember 2011 - gleich nachdem Prinz Abdulasis bin Fahd anfing zu twittern. Der Prinz schrieb, wenn er Minister für Unterkünfte wäre, würde er so lange in einer Schlammhütte leben, bis jeder Saudi ein Haus besitzen würde. Die Antwort von Mujtahidd kam sofort: "Du hattest mehr Macht als alle Minister zusammen. Doch Du hast nichts getan, um das Wohnproblem zu lösen."



insgesamt 9 Beiträge
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batmanmk 05.04.2013
1. Nichts zu fürchten
Zitat von sysopREUTERSDas Smartphone ist immer dabei: Saudi-Arabien gilt als das Twitter-verrückteste Land der Welt. Selbst bisherige Tabuthemen wie Frauenrechte und die Rolle der Sittenpolizei werden heftig diskutiert. Die Herrscher in Riad reagieren immer nervöser. http://www.spiegel.de/politik/ausland/saudi-arabien-selbst-tabuthemen-werden-auf-twitter-diskutiert-a-892343.html
Keine Sorge, die Bundesregierung hat schon die Lieferng von "urban warfare" Leos (Räumschild, Schallkannone, fernbedienbare MG, usw.) in die Region schon zugesagt.
musikimohr 05.04.2013
2. Auch unsere Regierung
führt nun Einschüchterungsversuche durch: Nachdem Bundesinnenminister zunächst im SPIEGEL für einen generellen Klarnamenszwang warb, drückte er nun durch, dass sogar bei kleinsten Ordnungswidrigkeiten gleich heimlich die Identität ermittelt werden darf. Ohne Richter. Die Im-Nachhinein-Benachrichtigung des Betroffenen lief schon bisher leer. Willkommen im Einschüchterungsstaat. Bis das Bundesverfassungsgericht diese offenbare Untat wieder beseitigt hat, werden die Deutschen gelernt haben, dass man besser brav ist.
KurtKnutson 05.04.2013
3. Nein wie toll.
Zitat von sysopREUTERSDas Smartphone ist immer dabei: Saudi-Arabien gilt als das Twitter-verrückteste Land der Welt. Selbst bisherige Tabuthemen wie Frauenrechte und die Rolle der Sittenpolizei werden heftig diskutiert. Die Herrscher in Riad reagieren immer nervöser. http://www.spiegel.de/politik/ausland/saudi-arabien-selbst-tabuthemen-werden-auf-twitter-diskutiert-a-892343.html
Das sind also unseren neuen "Freunde" & "Verbündete". Ein Land, in dem man für die "Störung der nationalen Einheit" mit bis zu "5 Jahren Haft und einer Geldstrafe von bis zu knapp einer Million Dollar" bedroht wird. Wo Frauen jederzeit von jedermann als "Schlampen" oder besser noch als "Abschaum der Gesellschaft" beschimpft werden dürfen. Natürlich ohne Strafe. Wie der Spiegel bei "28 Millionen Einwohnern (und) über 33 Millionen Smartphones" darauf kommt, daß "inzwischen halb Saudi-Arabien auf Twitter unterwegs" ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Mich wundert hier beim Spiegel mittlerweile garnix mehr.
lebmah 05.04.2013
4. JaJaJa
Das Saudische Volk ist viel anders als das Regime in Riad und deren Whabatischen Sittenwächter .Das Land ist kurz vor eine Revolution und das Wissen die Machthaber .Mal sehen wie das Endet ....
siamkatze79539 05.04.2013
5. Die Saudis
die Steinzeitreligion - Islam - wird durch das Internet etc. endlichmal aufgeweicht! Da können weder die Saudis, noch Erdogan etc. was dagegen machen, sie werden immer verlieren, langsam, aber stetig! Diese drecksreligion bzw. Steinzeitreligion - Islam - zum kotzen!!!!
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