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16. Dezember 2004, 19:40 Uhr

Saudi-Arabien

Staatsfeind Nummer zwei

Von Florian Peil

Es war ein schwarzer Tag für die saudische Königsfamilie. Erst verdammte Osama Bin Laden die Herrscher auf einem heute veröffentlichten Tonband, dann gingen Hunderte von Regimegegnern trotz Demonstrationsverbots in Riad und Dschidda auf die Straße. Das saudische Herrschergeschlecht gerät immer stärker unter Druck.

Staatsfeind Nummer Zwei: Der saudische Dissident Saad al-Faqih
AP

Staatsfeind Nummer Zwei: Der saudische Dissident Saad al-Faqih

Berlin - Polizisten mit Schlagstöcken, Helmen und Schilden hatten sich im Zentrum der saudischen Hauptstadt Riad postiert. Hubschrauber kreisten am Himmel, die Ein- und Ausfallstraßen waren gesperrt. Bereits um 16 Uhr, nur drei Stunden nach dem geplanten Beginn des Protestmarsches, war kein Demonstrant mehr zu sehen. Das harte Vorgehen der Polizei hatte Wirkung gezeigt.

In der Hafenstadt Dschidda griffen die saudischen Sicherheitskräfte noch härter durch: Augenzeugen berichteten den Agenturen, dass Polizisten auf die Demonstranten geschossen hätten. Mehrere Menschen seien dabei verletzt worden. Der arabische Nachrichtensender "al-Dschasira" berichtete, dass die Polizei drei Personen verhaftet habe. "Die Soldaten des Teufels haben sich in großer Zahl in den Gebäuden verschanzt", kommentierte ein Besucher eines islamistischen Internetforums die Lage in Dschidda. "Die Polizisten sind überall und kontrollieren die ganze Stadt."

Zehntausende von Teilnehmern hatte Saad al-Faqih, Chef der in London ansässigen "al-Haraka al-Islamiya lil-Islah" oder "Movement for Islamic Reform" (MIRA), zu den Kundgebungen erwartet. Gekommen waren jedoch nur einige hundert Männer und Frauen. Denn obwohl der Islamist mit seiner Radiosatellitenstation "al-Islah" und seiner Webseite ein Millionenpublikum in Saudi-Arabien erreicht - direkt Einfluss nehmen kann er von London aus nicht. Der "Staatsfeind Nummer Eins", als den sich al-Faqih selber gern bezeichnet, bleibt doch nur die Nummer Zwei hinter dem Terrorpaten Osama Bin Laden.

Dessen militante Methoden lehnt al-Faqih zwar ab - seine Ziele sind jedoch dieselben. Beide werfen den saudischen Herrschern einen unislamischen und korrupten Lebensstil vor. Sie wollen das Regime stürzen und durch einen islamistischen Staat ersetzen. Doch obwohl der Unmut über das saudische Königshaus im Lande wächst, lehnen die meisten Saudis aufrührerische Aktivitäten ab. Erst am Mittwochabend hatten 35 einflussreiche Religionsgelehrte vor den geplanten Demonstrationen gewarnt und al-Faqih als Unruhestifter verdammt. Dieser gefährde die "Stabilität und Sicherheit des Landes", hieß es in ihrer Stellungnahme.

Al-Faqih hatte zwar ausdrücklich zu "friedlichen Kundgebungen" aufgerufen, seine Anhänger waren aber dennoch auf mögliche Konfrontationen eingestellt. Im Internetforum von MIRA wurde im Vorfeld eifrig debattiert, welche Ausrüstung notwendig sei. Ein Besucher riet zu schwerer Kleidung und Plastikjacken, um sich gegen die Elektroschockgeräte der saudischen Polizei zu schützen. Gegen scharfe Munition helfen die freilich wenig.

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