Saudi-Arabien Sympathie für Landsmann Bin Laden

Fast die Hälfte der Saudis stimmt den Hasspredigten von Osama Bin Laden zu. Laut einer Umfrage hegen die Untertanen des konservativen Königs offen Sympathie für den al-Qaida-Chef und seine Verschwörungstheorien. Die brodelnde Stimmung in dem Ölstaat könnte zur Gefahr für die ganze Region werden.

Hamburg - "Was ist Ihre Meinung über die Predigten und die Reden von Osama Bin Laden?" wurden 15.000 Saudis gefragt. Ihre Antworten dürfte für die "Hüter der heiligen Stätten" in Mekka und Medina niederschmetternd sein: Fast die Hälfte der Untertanen von König Fahd Ibn Abd al-Asis und seinem Halbbruder Kronprinz Abdullah stimmen den Worten ihres Landsmannes und Chefs des Terrornetzwerkes al-Qaida Osama Bin Laden zu.

"Sie mögen, was er über den Irak und Afghanistan sagt. Oder das über Amerika und eine zionistische Verschwörung", erklärt Nawaf Obaid, ein Regierungsberater des Ölstaates für Nationale Sicherheit. Allerdings würden die Saudis zwischen Bin Ladens Worten und seinem Tun unterscheiden, meint Obaid. Er muss das wohl sagen, denn er selbst überwachte die Erhebung im staatlichen Auftrag. Umso logischer, dass manche der Angesprochenen argwöhnisch bei der Beantwortung der Fragen waren, wie Obaid gegenüber dem US-Nachrichtensender CNN einstand.

Deshalb ist das Ergebnis der Umfrage durchaus mit Vorsicht zu genießen. Denn möglicherweise wären ohne Beobachtung durch staatliche Sicherheitsorgane die Ergebnisse noch erschreckender ausgefallen. Ein extremistischer Bodensatz ist in dem radikal-islamischen Königreich zweifellos vorhanden: 15 der 19 Attentäter des 11. Septembers 2001 waren Saudis. Ein Großteil der Finanzierung von al-Qaida stammt von den mit höchsten Regierungskreisen verbundenen saudischen "Wohlfahrtsverbänden", wie der SPIEGEL kürzlich abermals berichtete. Und derzeit brodelt es im Königreich wie kaum zu einer anderen Zeit seines 72-jährigen Bestehens. Fast täglich kommt es in Saudi-Arabien zu Anschlägen.

Doch anhand der Umfrage können die Saudis nun behaupten, dass es um den Bestand des Königreiches gar nicht so schlecht bestellt ist, wie gerne im Westen behauptet und befürchtet wird. Schließlich können sich laut der Befragung nur weniger als fünf Prozent der Bewohner des Königreiches mit der Idee anfreunden, dass der Chef des Terrornetzwerkes al-Qaida auch die arabische Halbinsel beherrscht. Zudem haben weniger als ein Drittel der Befragten eine positive Meinung von militanten Klerikern.

Kein Vertrauen in die eigenen Streitkräfte

Die Saudis wurden bereits zwischen August und November vergangenen Jahres befragt, berichtet CNN. Doch gerade auch deshalb zeigte sich Obaid gegenüber CNN überrascht von manchen Ergebnissen der Befragung - zumal sie noch unter dem Eindruck von mehreren gleichzeitigen Anschlägen durchgeführt wurde, bei denen im Mai vergangenen Jahres 36 Menschen ermordet wurden. So haben lediglich 39 Prozent der Befragten eine gute Meinung von der saudi-arabischen Armee. "Sie vertrauen ihren eigenen Streitkräften nicht", sagte Obaid.

Ein weiteres überraschendes Ergebnis, das den anderen Aussagen zu widersprechen scheint: 41 Prozent der Saudis haben durchaus nichts gegen die enge Beziehungen, die die Herrscherfamilie in Riad zu Amerika pflegt. Allerdings zeigt die Umfrage eine starke Unterstützung für politische Reformen wie die Einführung von Wahlen im Königreich - und das es Frauen erlaubt seien sollte, eine bedeutendere Rolle in der Gesellschaft einzunehmen. Besonders letzter Punkt ist revolutionär für die konservativen Scheichs: Fast zwei Drittel der Befragten wollen Frauen etwa das Recht zugestehen, alleine einen Wagen zu steuern. Bislang ist das den saudischen Frauen unter Strafe verboten.

Lars Langenau

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