Riad und der Fall Khashoggi Das Ende der Legende

Saudi-Arabiens Regime behauptet, Jamal Khashoggi sei bei einer "Schlägerei" gestorben - und will die Debatte damit beenden. Dabei fängt sie erst an: Aus der Türkei werden neue Enthüllungen erwartet.
Journalist Khashoggi vor saudi-arabischer Botschaft in Ankara (Foto aus Überwachungsvideo)

Journalist Khashoggi vor saudi-arabischer Botschaft in Ankara (Foto aus Überwachungsvideo)

Foto: REUTERS/ TRT World

Das Regime verspricht ein Spektakel: Spitzenpolitiker und Wirtschaftsführer sollen kommen. Saudi-Arabiens de facto Machthaber, Kronprinz Mohammed bin Salman, träumt von einem "Davos in der Wüste".

Nun aber könnte die Investorenkonferenz in Riad, die am Dienstag beginnt, eine einsame Veranstaltung werden. Etliche Teilnehmer, darunter IWF-Direktorin Christine Lagarde, die Finanzminister Frankreichs, Großbritanniens und der USA, sowie die Chefs der Großbanken HSBC, Standard Chartered und Crédit Suisse, haben abgesagt. Sie wollen sich nicht Seite an Seite zeigen mit einem Diktator, der womöglich für den Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul verantwortlich ist.

Fast drei Wochen lang hat die Regierung in Riad behauptet, nichts mit seinem Verschwinden zu tun zu haben. Als der Druck aus dem Ausland zu groß wurde, schwenkte das Regime am Wochenende um. Nun heißt es, Khashoggi sei bei einer "Schlägerei" im Konsulat gestorben. König Salman hofft, mit dieser Erklärung die Debatte über das Königshaus zu beenden. Doch es sieht so aus, als finge sie nun erst an.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat für Dienstagvormittag, pünktlich zum Beginn der Konferenz in Riad, eine Erklärung angekündigt. Es ist durchaus möglich, dass er neue Details zum Tathergang präsentiert. Seine Regierung soll, laut Medienberichten, über ein Tonband verfügen, das den Mord dokumentiert.

Erdogan kommt im Fall Khashoggi eine Schlüsselrolle zu. Türkische Behörden haben das Verschwinden des Journalisten am 2. Oktober öffentlich gemacht. Seither hat Erdogan den Druck auf Riad immer weiter erhöht, indem er Informationen über den mutmaßlichen Mord von Vertrauten an Medien hat durchstechen lassen. "Die Informationen haben den Fall zu einem internationalen Thema gemacht", sagt Präsidentenberater Yasin Aktay gegenüber dem SPIEGEL.

"Es war wie bei Tarantino"

Khashoggi hatte das Konsulat aufgesucht, um Hochzeitsdokumente zu holen. Nach Angaben der türkischen Polizei soll dort ein 15-köpfiges Mordkommando aus Riad bereits auf ihn gewartet haben. Die Männer hätten Khashoggi unter Drogen gesetzt und verprügelt. Dann sollen sie ihm, er war noch bei Bewusstsein, die Finger abgehackt haben. Und schließlich hätten sie ihn enthauptet. "Es war wie bei Tarantino", sagt ein türkischer Ermittler.

Das Regime in Riad wälzt die Verantwortung auf untergeordnete Beamte ab. Der Vizechef des Geheimdiensts wurde entlassen, 18 Beamte wurden festgenommen. König Salman versucht, seinen Sohn, Kronprinz Mohammed bin Salman (kurz MbS), aus der Schusslinie zu nehmen.

Bislang schien MbS, 33 Jahre alt, mit seinem ruchlosen Politikstil ungestraft davonzukommen. Er konnte einen zerstörerischen Krieg im Jemen führen, den libanesischen Premier Saad Hariri kidnappen, eine Blockade gegen Katar verhängen und Widersacher in Saudi-Arabien reihenweise wegsperren, ohne dass irgendetwas davon für ihn oder sein Regime Folgen gehabt hätte.

Saudischer Kronprinz Mohammed bin Salman

Saudischer Kronprinz Mohammed bin Salman

Foto: AFP/ SAUDI ROYAL PALACE

Der Fall Khashoggi könnte nun ein Wendepunkt sein. Erste Staaten erwägen Sanktionen gegen Saudi-Arabien. "Der Westen und vor allem Europa dürfen nicht wegsehen aus Angst vor diplomatischen oder wirtschaftlichen Drohungen", sagt der frühere deutsche Außenminister Sigmar Gabriel im SPIEGEL. Selbst US-Präsident Donald Trump, der enge politische und geschäftliche Beziehungen zum Königshaus unterhält, hat seinen Ton gegenüber MbS am Wochenende verschärft.

Riads Schlägerei-Variante halten die allermeisten Beobachter für unglaubwürdig. "Warum haben die Saudis Offizielle, darunter einen Forensiker, nach Istanbul geschickt, wenn sie Khashoggi nur vernehmen wollten?", fragt ein türkischer Ermittler. "Wie konnten sie Khashoggi innerhalb von zwei Stunden töten und seine Leiche beiseiteschaffen, wenn sie das nicht vorhatten?"

"Wir werden nicht zulassen, dass irgendetwas verschleiert wird"

Die regierungsnahe türkische Zeitung "Sabah" hat eine Liste mit Namen und Fotos der 15 Männer veröffentlicht, die am 2. Oktober aus Riad nach Istanbul eingeflogen sind. Mindestens zwölf von ihnen haben Verbindungen zum saudi-arabischen Sicherheitsapparat. Und vor allem gehören viele dem direkten Umfeld von Mohammed bin Salman an. Das mutmaßliche Killerteam setzte sich zusammen aus jüngeren Leibwächtern des Kronprinzen. Ihnen zur Seite gestellt waren ältere Sicherheitsbeauftragte, von denen zwei direkt im Büro des Kronprinzen tätig gewesen sein sollen. Einer der Männer soll laut Medienberichten unmittelbar vor dem mutmaßlichen Mord noch mit MbS telefoniert haben.

(Eine umfangreiche Rekonstruktion des Falls aus dem aktuellen SPIEGEL finden Sie hier.) 

Präsident Erdogan könnte die Legende der saudi-arabischen Regierung nun endgültig entkräften, sollte er am Dienstag das Tonband aus dem Konsulat veröffentlichen, dessen Existenz bislang nicht bewiesen ist. "Wir werden nicht zulassen, dass irgendetwas verschleiert wird", sagt Omer Celik, der Sprecher der türkischen Regierungspartei AKP. Am Montag sprach er zudem über den Fall als "komplizierten Mord", der "auf blutrünstige Weise geplant" worden sei und von "beachtlichen Bemühungen, dies zu vertuschen".

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Verschwundener Journalist Khashoggi: Verzweifelte Suche nach Jamal

Foto: OSMAN ORSAL/ REUTERS

Das Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und der Türkei war bereits vor dem Verschwinden des Journalisten angespannt. Beide Staaten ringen um Einfluss im Nahen Osten. Ankara unterstützt die Muslimbrüder, die von Riad als Terrororganisation eingestuft werden. Im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Katar schlug sich Erdogan auf die Seite des Emirats. Mohammed bin Salman bezeichnete die Türkei als Teil eines "Dreiecks des Bösen".

Beobachter vermuten, Erdogan wolle von Saudi-Arabien Zugeständnisse bei Machtfragen in der Region erzwingen, etwa im Katar-Konflikt. Denkbar ist auch, dass Ankara von Riad Hilfsgelder für die angeschlagene türkische Wirtschaft einfordern wird. "Wir können Mohammed bin Salman einen Ausweg aus der Affäre bieten, oder ihn durch Enthüllungen noch weiter unter Druck setzen", sagt ein türkischer Regierungspolitiker dem SPIEGEL. "Die Frage ist, was ist dem Prinzen sein Ruf wert?"

Im Video: "Kein Versehen, sondern ein brutaler Mord"

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