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Saudi-Arabien: Zwischen Supermann-Kleid und Nikab

Foto: Susanne Koelbl

Saudi-Arabien und das Ende des Schleierszwangs Frauen feiern die neue Freiheit

Jahrzehntelang zwangen religiöse Führer in Saudi-Arabien Frauen unter den schwarzen Schleier. Jetzt erklärt der junge Kronprinz Mohammad bin Salman die religiöse Verfügung für hinfällig. Wirkt das schon?

Die Formulierung "anständig und respektvoll" ist ein dehnbarer Begriff. So hat Prinz Mohammad bin Salman vergangene Woche auf CBS die Kleidung beschrieben, die er für Frauen in seinem Land für angemessen hält. Es muss jedenfalls "keine schwarze Abaya sein oder eine schwarze Verhüllung", erklärte der 32-jährige Kronprinz in der Sendung "60 Minutes".

Seit diesem Satz fallen in Riad die Schleier, im Supermarkt und in den Malls und auf der Tahlia-Straße, dem großen Glitzerboulevard der Hauptstadt. Die weiten Ausgehmäntel der Frauen sind plötzlich aus grüner Wildseide, leuchtend türkis-blau, aus Leinen oder Chiffon, geschnitten wie Kimonos, mit farbigen Kragen und Applikationen auf den Ärmeln.

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Saudi-Arabien: Zwischen Supermann-Kleid und Nikab

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"Trägst du jetzt Vorhang?", wurde meine Freundin Layla von ihrer Mutter kritisiert, als sie mit dem letzten Schrei aus der Royal Mall nach Hause kam, einer Abaya mit Fransen an den Ärmeln und roter Spitze an Kragen und Taschen. Die Royal Mall an der King Fahad Road gilt als heißeste Adresse für Abaya-Moden.

Natürlich ist Saudi-Arabien auch heute noch das konservativste Land der Welt. Frauen verhüllen sich hier üblicherweise von Kopf bis Fuß, sogar noch im eigenen Haus. Selbst die weiblichen Augen müssen vor den Männern verborgen bleiben, glauben viele.

Bis vor gut einem Jahr fürchteten die Abaya-Händler in Riad hier noch täglich Razzien. Religionspolizisten konfiszierten alle Roben, die nicht ausschließlich schwarz und schmucklos waren. Männer sollten durch Frauen keinerlei Reize ausgesetzt werden.

Vorvergangene Woche feierte man in den Religionsschulen noch die "Woche der Abaya". Als Vorbild ausgestellt waren vollverschleierte Frauen im Krieg und die gesichtsverschleierte Königin Jawhara beim Staatsbesuch im Westen.

Saudi-Arabien ist aber auch ein Königreich, und die Worte des Herrschers sind, einmal ausgesprochen, de facto geltendes Gesetz. Ein Teil des Volkes hat das neue Abaya- Gesetz auch augenblicklich umgesetzt. Frauen zeigen jetzt in den neuen Lokalen der Tahlia-Straße offen ihr langes Haar, manche sitzen gemeinsam mit männlichen Freunden und Kollegen am Tisch. Die bodenlange Abaya wird immer häufiger lässig halb offen getragen, darunter blitzen enge Jeans hervor.

"Bin ich schön genug?"

Die Ultrareligiösen sind buchstäblich sprachlos. "Verhülle dein Haar", rufen die Muttawa den Frauen manchmal hilflos nach. Doch die Macht ist der Religionspolizei genommen. Früher verhafteten sie Frauen, wenn die nicht ordentlich verhüllt waren, schleppten sie aufs Revier oder übergaben sie direkt ihrem sogenannten Vormund, Vater oder Ehemann.

Jetzt aber wagt niemand ein öffentliches Wort gegen den König oder dessen mächtigen Sohn, Prinz Mohammad bin Salman, hier nur kurz MbS genannt. Er ist die treibende Kraft hinter den Reformen. Die Tahlia-Straße gibt einen Geschmack darauf, wie die Zukunft im Wüstenreich aussehen könnte. Einige Passanten hier sagen: "Noch ein Jahr und dann 'khalas', dann war es das mit der Abayas."

Nur, was bedeutet das eigentlich alles für ein Land, in dem Frauen jahrzehntelang kein Gesicht hatten, in dem Männer und Frauen säuberlich getrennte Leben führten? Was passiert, wenn die Trennwände in Cafés und Büros plötzlich niedergerissen werden? Aufbruch liegt in der Luft, der neue Stolz der Frauen ist sichtbar. Aber es gibt auch Verunsicherung.

Nicht alle Frauen sind vom rasanten Gesellschaftswandel begeistert. Sie haben ihr Leben lang hinter einem Schleier gelebt und hinter Mauern. Was kommt, wenn ihr Mann künftig auch das Gesicht der Nachbarin sieht oder das der Kolleginnen? Viele sehen sich einem neuen Wettbewerb ausgesetzt und fragen sich: "Bin ich schön genug?"

Es wird dauern, bis Saudi-Arabien sich tatsächlich daran gewöhnt hat, ein moderat-islamisches Land zu sein, wie die Regierung es angekündigt hat.

Doch der Weg dorthin ist unumkehrbar.

ORF
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