Saudi-Arabien und Israel In Feindschaft gegen den schiitischen Halbmond vereint

Im Nahen Osten bröckelt ein altes Feindbild: Saudi-Arabien und Israel machen aus ihrer immer engeren Zusammenarbeit kein Geheimnis mehr. Denn sie haben einen gemeinsamen Freund - und einen gemeinsamen Rivalen.
Strategisches Ziel Teherans: der schiitische Halbmond vom Libanon bis Iran

Strategisches Ziel Teherans: der schiitische Halbmond vom Libanon bis Iran

Foto: SPIEGEL ONLINE

…Israels Generalstabschef Gadi Eizenkot gibt selten Interviews, mit ausländischen Journalisten hat er seit seinem Amtsantritt 2015 noch nie gesprochen. Dafür sind Politiker zuständig, nicht der oberste Militär Israels. Die PR-Strategen der Armee präsentieren den bulligen Berufssoldaten lieber als Strategen, der Übungsmanöver observiert oder als Vorbild für die Truppe, der sich beim Kraftsport verausgabt.

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Umso bemerkenswerter ist es, dass der 57-Jährige in diesem Monat der saudi-arabischen Nachrichtenseite "Elaph" ein Interview gegeben hat . Das wahhabitische Königreich und der jüdische Staat unterhalten keine diplomatischen Beziehungen.

Eizenkot erklärte, Israel sei bereit, Geheimdienstinformationen mit Saudi-Arabien auszutauschen und hob hervor, dass beide Länder "viele Interessen" teilten. Im Klartext heißt das: Jerusalem und Riad hegen weiterhin keine Zuneigung zueinander, sie eint gegenwärtig aber die Furcht vor einem Erstarken der Islamischen Republik Iran, die Entscheidungsträger in beiden Hauptstädten als Erzfeind betrachten. "Iran versucht, die Kontrolle im Nahen Osten zu übernehmen, einen schiitischen Halbmond vom Libanon bis nach Iran und dann vom Persischen Golf bis zum Roten Meer zu schaffen", sagte Eizenkot.

Damit wiederholte der israelische Generalstabschef praktisch wortgleich die Befürchtungen, die Saudi-Arabien und seine Verbündeten in Ägypten und den arabischen Golfstaaten seit Jahren immer wieder äußern.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman

Foto: FAYEZ NURELDINE/ AFP

Der Zeitpunkt für das Interview ist kein Zufall. Es dürfte mit dem Segen Netanyahus erfolgt sein. Und auch maßgebliche Entscheidungsträger in Saudi-Arabien müssen ihre Erlaubnis erteilt haben - andernfalls wäre das Gespräch nie erschienen.

USA wollen sich mittelfristig zurückziehen

Israelische Politiker träumen seit der Staatsgründung 1948 davon, als Partner von der arabischen Welt angenommen zu werden. Saudi-Arabien hat mit seiner Geste den Weg hierzu geebnet. Riad agiert aus machtpolitischem Kalkül heraus. Auch wenn US-Präsident Donald Trump und Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman ihr gutes Verhältnis demonstrativ zur Schau stellen: Das saudische Herrscherhaus hat genau registriert, dass sich die Vereinigten Staaten mittelfristig aus dem Nahen Osten zurückziehen wollen. Also sucht Mohammed nun die Annäherung an die militärisch und wirtschaftlich stärkste Regionalmacht: Israel.

Die israelischen Sicherheitsstrategen arbeiten seit langem eng mit ihren ägyptischen und jordanischen Kollegen zusammen. In den vergangenen Jahren kam es auch zu einer - heimlichen - Annäherung mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, der stillen Großmacht am Golf.

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Nach Eizenkots Interview legte Juval Steinitz, Israels Energieminister und Mitglied im Sicherheitskabinett von Premier Netanyahu, nach. Im israelischen Rundfunk erklärte er, sein Land unterhalte bereits geheime Kontakte mit Saudi-Arabien. Mehr noch, Steinitz sagte: "Im Verborgenen haben wir tatsächlich Verbindungen mit vielen muslimischen und arabischen Ländern und meist sind wir die Partei, die sich dafür nicht schämt." Ein anderer israelischer Offizieller charakterisierte das Verhältnis zu Saudi-Arabien kürzlich so: "Wir sind wie die Geliebte. Wir geben den Saudis, was sie brauchen. Wir müssen aber durch die Hintertür kommen und gehen."

Netanyahu hofft offenbar auf Entgegenkommen Saudi-Arabiens

Israels beispielloser Vorstoß dürfte jedoch nicht nur vor dem Hintergrund sicherheitspolitischer Erwägungen erfolgt sein. Hinzu kommen diplomatische Motive: US-Präsident Trump lässt seine Berater seit Monaten an einem möglichen Plan zur Befriedung des israelisch-palästinensischen Konflikts arbeiten. In israelischen Regierungskreisen wächst laut Medienberichten die Befürchtung, Trump könne sich an der Friedensinitiative der Arabischen Liga von 2002 orientieren.

Unter Führung Saudi-Arabiens hatten die arabischen Staaten damals folgendes Angebot gemacht: Die islamischen Staaten erkennen Israel an und normalisieren ihre Beziehungen zum jüdischen Staat. Im Gegenzug müsste sich Israel aus den 1967 besetzten Gebieten zurückziehen und einen palästinensischen Staat mit Ostjerusalem als Hauptstadt anerkennen. Zudem müsse es "eine gerechte Lösung" für die palästinensischen Flüchtlinge und deren Nachkommen geben.

…Die israelische Regierung lehnt diesen Plan entschieden ab. Offenbar hofft Netanyahu darauf, dass Saudi-Arabien im Gegenzug für israelische Unterstützung im Konflikt mit Iran von einigen Forderungen im Sinne der Palästinenser abrückt. Jedenfalls hat man in Israel wohlwollend registriert, dass Kronprinz Mohammed in diesem Monat den palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas empfing. Die Hoffnung ist, dass der starke Mann in Riad seinen Gast schon einmal auf eine Kursänderung einstimmte.