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04. Juni 2019, 21:49 Uhr

Radikalisierung in Saudi-Arabien

Wie Herr Siad seine Leichtigkeit verlor

Vor 40 Jahren verwandelte ein Blutbad in Mekka die Kultur Saudi-Arabiens - und damit auch das Leben eines jungen Mannes. Dieses und andere Schicksale erzählt Susanne Koelbl in ihrem neuen Buch. Ein Auszug.

In der Ibn-Ammar-Straße im Zentrum von Riad ist es fast so still wie auf einer Alm in Oberbayern, nur der kehlige Gesang der Muezzine dringt regelmäßig durch die Gassen. Es gibt keine spielenden Kinder, keine Autokolonnen, niemand geht spazieren. Das Leben der Menschen hier spielt sich hinter Mauern ab.

Aber diese Stubenhockerei führt inzwischen fast zum nationalen Bewegungsstillstand. Auch ich bin schon ganz häuslich geworden und gehe nur noch vor die Tür, wenn ich Termine habe. Aber nach fast drei Wochen ist es genug. Es drängt mich ins Freie und nach Bewegung, nur wo?

Ich rufe einen deutschen Bekannten an, der immer eine Lösung weiß. Er sagt, er sei Teil einer Männerlaufgruppe, die sich dreimal wöchentlich trifft, auch heute.

Wir fahren zum Treffpunkt in den Norden von Riad. In einem großen Gästezimmer sitzt ein halbes Dutzend saudi-arabischer Gentlemen zusammen. Das Anwesen gehört einem Bauunternehmer.

Es gibt Gahwa, Kaffee aus kaum gerösteten Bohnen, in einer bauchigen Silberkanne. Nachgeschenkt wird so lange, bis der Gast die kleine Tasse hin und her schwenkt. Das Ritual stammt aus vergangener Zeit, als die Obrigkeit taube Diener einstellte. Sie sollten keine Informationen aufschnappen, die nicht für ihre Ohren bestimmt waren.

Schließlich brechen wir Sportler auf, ein Brite, ein Saudi-Araber, der Deutsche und ich. Die Männerlaufgruppe.

Eine der wenigen Joggingstrecken unter freiem Himmel in Riad verläuft entlang der Mauern des neu errichteten Erziehungsministeriums. Herr Siad ist einer der langjährigen Mitarbeiter des Bauunternehmers, ein Ingenieur. Er wird im nächsten Monat sechzig und führt die Gruppe mit erstaunlich flottem Schritt an.

Dass ich hier zusammen mit drei mir kaum bekannten Herren um das Ministerium laufe, offenes Haar, kein Gesichtsschleier, nur in Abaja, die ich über der Jogginghose trage, kann getrost als kleine Sensation betrachtet werden. Herr Siad jedenfalls fühlt sich plötzlich schmerzlich an die Unbeschwertheit seiner Jugend erinnert. Sie wurde ihm genommen, als hier die strikten religiösen Regeln eingeführt wurden.


Einen ersten Auszug aus dem Buch von Susanne Koelbl lesen Sie hier:

Er sei damals 19 Jahre alt gewesen, sagt Herr Siad, Student. Man hörte öffentlich Musik, die meisten Frauen gingen unverschleiert. Die Mäntel reichten auf den Oberschenkel, nicht auf den Boden. Er kannte seine heutige Frau bereits, Amira, eine Freundin seiner Schwester.

Geburtsstunde des modernen Dschihadismus

Das Land sei konservativ gewesen, die Religiösen präsent, "aber sie beherrschten unsere Gesellschaft nicht", erzählt Herr Siad schnaufend, während wir zügig an den Rabatten des Ministeriums vorbeilaufen. Anders als heute verlief das Leben der Männer und Frauen nicht vollkommen getrennt voneinander.

Dann geschah etwas, das alles veränderte, viele betrachten das Ereignis als Geburtsstunde des modernen Dschihadismus: Am Morgen des 20. November 1979, einem Dienstag, dem ersten Tag des Jahres 1400 islamischer Zeitrechnung, überfielen Hunderte schwer bewaffnete Islamisten die Große Moschee in Mekka. Mit der Kaaba, dem Haus Gottes, ist sie das wichtigste Heiligtum der Muslime.

Der Anführer der Terrorgruppe hieß Dschuhaiman al-Utaibi. Er war 42 Jahre alt, breite Wangenknochen, dichtes, schwarzes Haar, kräftiger Bart, Sohn einer Beduinenfamilie aus der zentralarabischen Provinz Kassim.

Dschuhaiman al-Utaibi hatte seine akademische Ausbildung an der Scharia-Fakultät der Islamischen Universität Medina erhalten - als Schüler des Abd al-Asis bin Bas, einem der reaktionärsten saudischen Theologen des 20. Jahrhunderts, der 1993 zum Großmufti Saudi-Arabiens aufstieg. An der Universität hatte Dschuhaiman al-Utaibi wütende Schriften gegen die Moderne und gegen den korrupten Staat verfasst. Er behauptete, Telefon, Fernsehen und Automobile entfremdeten den Menschen von seinem Gott. Utaibi verachtete die Herrscherfamilie der Sauds als verdorbene Büttel des Westens und beabsichtigte, einen religiösen Aufstand gegen den König zu provozieren.

Freie Hand, das Volk in Schach zu halten

Die königlichen Wachen nahmen sofort den Kampf auf. Minuten später lagen die ersten Toten auf dem weißen Marmor des Moscheehofs. Aber es dauerte noch zwei Wochen und kostete einige hundert Menschenleben, bis die Kaaba wieder befreit war.

König Khalid, der damals das Wüstenreich regierte, musste seine Macht danach neu absichern, vor allem auch das religiöse Establishment beschwichtigen. Er hoffte, beides zu erreichen, indem er den Klerikern freie Hand gab, das Volk mit ihren strikten Vorschriften künftig in Schach zu halten.

Bald war die Religionspolizei der "Behörde zur Förderung von gefälligen und Verhinderung von verwerflichen Taten" überall auf den Straßen unterwegs. Frauen wurde nur noch gestattet, das Haus in Begleitung des Vaters, Bruders oder Ehemanns zu verlassen, dem Wali, also dem Vormund. Kontakte zwischen Männern und Frauen waren nunmehr haram, verboten.

Das Leben des jungen Herrn Siad nahm damit 1979 eine dramatische Wende. "Aus!", sagt Siad, der Bauingenieur, und macht eine Handbewegung wie ein strenger Vater, der seinen Kindern endgültig etwas verbietet.


Weitere Eindrücke und Geschichten aus Saudi-Arabien finden Sie im neuen Buch von Susanne Koelbl:

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