Radikalisierung in Saudi-Arabien Wie Herr Siad seine Leichtigkeit verlor

Vor 40 Jahren verwandelte ein Blutbad in Mekka die Kultur Saudi-Arabiens - und damit auch das Leben eines jungen Mannes. Dieses und andere Schicksale erzählt Susanne Koelbl in ihrem neuen Buch. Ein Auszug.

Festgenommene Angreifer nach der Attacke auf die Große Moschee in Mekka (Aufnahme aus Dezember 1979)
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Festgenommene Angreifer nach der Attacke auf die Große Moschee in Mekka (Aufnahme aus Dezember 1979)


In der Ibn-Ammar-Straße im Zentrum von Riad ist es fast so still wie auf einer Alm in Oberbayern, nur der kehlige Gesang der Muezzine dringt regelmäßig durch die Gassen. Es gibt keine spielenden Kinder, keine Autokolonnen, niemand geht spazieren. Das Leben der Menschen hier spielt sich hinter Mauern ab.

Aber diese Stubenhockerei führt inzwischen fast zum nationalen Bewegungsstillstand. Auch ich bin schon ganz häuslich geworden und gehe nur noch vor die Tür, wenn ich Termine habe. Aber nach fast drei Wochen ist es genug. Es drängt mich ins Freie und nach Bewegung, nur wo?

Ich rufe einen deutschen Bekannten an, der immer eine Lösung weiß. Er sagt, er sei Teil einer Männerlaufgruppe, die sich dreimal wöchentlich trifft, auch heute.

Wir fahren zum Treffpunkt in den Norden von Riad. In einem großen Gästezimmer sitzt ein halbes Dutzend saudi-arabischer Gentlemen zusammen. Das Anwesen gehört einem Bauunternehmer.

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Impressionen aus Saudi-Arabien: Teure Essenzen, goldener Käfig

Es gibt Gahwa, Kaffee aus kaum gerösteten Bohnen, in einer bauchigen Silberkanne. Nachgeschenkt wird so lange, bis der Gast die kleine Tasse hin und her schwenkt. Das Ritual stammt aus vergangener Zeit, als die Obrigkeit taube Diener einstellte. Sie sollten keine Informationen aufschnappen, die nicht für ihre Ohren bestimmt waren.

Schließlich brechen wir Sportler auf, ein Brite, ein Saudi-Araber, der Deutsche und ich. Die Männerlaufgruppe.

Eine der wenigen Joggingstrecken unter freiem Himmel in Riad verläuft entlang der Mauern des neu errichteten Erziehungsministeriums. Herr Siad ist einer der langjährigen Mitarbeiter des Bauunternehmers, ein Ingenieur. Er wird im nächsten Monat sechzig und führt die Gruppe mit erstaunlich flottem Schritt an.

Dass ich hier zusammen mit drei mir kaum bekannten Herren um das Ministerium laufe, offenes Haar, kein Gesichtsschleier, nur in Abaja, die ich über der Jogginghose trage, kann getrost als kleine Sensation betrachtet werden. Herr Siad jedenfalls fühlt sich plötzlich schmerzlich an die Unbeschwertheit seiner Jugend erinnert. Sie wurde ihm genommen, als hier die strikten religiösen Regeln eingeführt wurden.


Einen ersten Auszug aus dem Buch von Susanne Koelbl lesen Sie hier:

Er sei damals 19 Jahre alt gewesen, sagt Herr Siad, Student. Man hörte öffentlich Musik, die meisten Frauen gingen unverschleiert. Die Mäntel reichten auf den Oberschenkel, nicht auf den Boden. Er kannte seine heutige Frau bereits, Amira, eine Freundin seiner Schwester.

Geburtsstunde des modernen Dschihadismus

Das Land sei konservativ gewesen, die Religiösen präsent, "aber sie beherrschten unsere Gesellschaft nicht", erzählt Herr Siad schnaufend, während wir zügig an den Rabatten des Ministeriums vorbeilaufen. Anders als heute verlief das Leben der Männer und Frauen nicht vollkommen getrennt voneinander.

Dann geschah etwas, das alles veränderte, viele betrachten das Ereignis als Geburtsstunde des modernen Dschihadismus: Am Morgen des 20. November 1979, einem Dienstag, dem ersten Tag des Jahres 1400 islamischer Zeitrechnung, überfielen Hunderte schwer bewaffnete Islamisten die Große Moschee in Mekka. Mit der Kaaba, dem Haus Gottes, ist sie das wichtigste Heiligtum der Muslime.

Der Anführer der Terrorgruppe hieß Dschuhaiman al-Utaibi. Er war 42 Jahre alt, breite Wangenknochen, dichtes, schwarzes Haar, kräftiger Bart, Sohn einer Beduinenfamilie aus der zentralarabischen Provinz Kassim.

Dschuhaiman al-Utaibi hatte seine akademische Ausbildung an der Scharia-Fakultät der Islamischen Universität Medina erhalten - als Schüler des Abd al-Asis bin Bas, einem der reaktionärsten saudischen Theologen des 20. Jahrhunderts, der 1993 zum Großmufti Saudi-Arabiens aufstieg. An der Universität hatte Dschuhaiman al-Utaibi wütende Schriften gegen die Moderne und gegen den korrupten Staat verfasst. Er behauptete, Telefon, Fernsehen und Automobile entfremdeten den Menschen von seinem Gott. Utaibi verachtete die Herrscherfamilie der Sauds als verdorbene Büttel des Westens und beabsichtigte, einen religiösen Aufstand gegen den König zu provozieren.

Freie Hand, das Volk in Schach zu halten

Die königlichen Wachen nahmen sofort den Kampf auf. Minuten später lagen die ersten Toten auf dem weißen Marmor des Moscheehofs. Aber es dauerte noch zwei Wochen und kostete einige hundert Menschenleben, bis die Kaaba wieder befreit war.

König Khalid, der damals das Wüstenreich regierte, musste seine Macht danach neu absichern, vor allem auch das religiöse Establishment beschwichtigen. Er hoffte, beides zu erreichen, indem er den Klerikern freie Hand gab, das Volk mit ihren strikten Vorschriften künftig in Schach zu halten.

Bald war die Religionspolizei der "Behörde zur Förderung von gefälligen und Verhinderung von verwerflichen Taten" überall auf den Straßen unterwegs. Frauen wurde nur noch gestattet, das Haus in Begleitung des Vaters, Bruders oder Ehemanns zu verlassen, dem Wali, also dem Vormund. Kontakte zwischen Männern und Frauen waren nunmehr haram, verboten.

Das Leben des jungen Herrn Siad nahm damit 1979 eine dramatische Wende. "Aus!", sagt Siad, der Bauingenieur, und macht eine Handbewegung wie ein strenger Vater, der seinen Kindern endgültig etwas verbietet.


Weitere Eindrücke und Geschichten aus Saudi-Arabien finden Sie im neuen Buch von Susanne Koelbl:

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Susanne Koelbl
Zwölf Wochen in Riad: Saudi-Arabien zwischen Diktatur und Aufbruch - Ein SPIEGEL-Buch - Mit zahlreichen farbigen Abbildungen

Verlag:
Deutsche Verlags-Anstalt
Seiten:
320
Preis:
EUR 22,00
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Palmstroem 05.06.2019
1. Am Anfang des Terrors stand die Idee des Gottesstaates
"Dann geschah etwas, das alles veränderte, viele betrachten das Ereignis als Geburtsstunde des modernen Dschihadismus: Am Morgen des 20. November 1979, einem Dienstag, dem ersten Tag des Jahres 1400 islamischer Zeitrechnung, überfielen Hunderte schwer bewaffnete Islamisten die Große Moschee in Mekka. Mit der Kaaba, dem Haus Gottes, ist sie das wichtigste Heiligtum der Muslime." So weit, so richtig - aber der Ausgangspunkt dieser Entwicklung war die Islamische Revolution im Iran wenige Monate zuvor.Da die Schiiten damit einen Gottesstaat hatten, wollten auch die sunnitischen Islamisten ihren Gottesstaat.
tom555 05.06.2019
2.
Ich frage mich immer wieder, ob es bei den SPON Autoren nur reine Informationsdefizite sind, die zu solchen durchaus nicht ohne Unterhaltungswert kommt, oder wie weit es eine manipulative Verengung in diesem Fall der saudischen Geschichte ist. Nichts von einem Muhammad ibn Abd Al Wahab und seinen Ikhwan, die mordend und plündernd bis in den Irak zogen und schiitischen Frauen die Bäuche aufschlitzten und ihnen die ungeboren Föten herusrissen. Nichts von dem Sturm der Entrüstung und den Anschlägen nach Einführung des Fernsehens in den 60ern, nichts vom rassistisch/faschistisch motiviertem Krieg gegen Jemen und die Unterstützung des Terrors, die auf dieser Geschichte fussen... Man könnte diese diese historischen Ereignisse und Fakten noch endlos weitererzählen, aber so klingt diese Geschichte nach, ja Saudi Arabien war und ist etwas konservativ, aber man musste es leider, um den Terror im eigenen Land seine Grundlagen zu entziehen. Man hat ständig den Eindruck Saudi Arabien muss wegen seiner wirtschaftlichen Bedeutung geschont werden, aber andere Nationen wie der Iran, in in jeglicher Hinsicht freier und aufgeklärter sind trifft die ganze Schärfe der Kritik, weil die Amerikaner mit ihnen ein machtpolitisches Problem haben.
pandora14 05.06.2019
3. Das Schicksal wollte es,
dass ich just zu dieser Zeit als Firmenlehrer für einen deutschen Baukonzern in Riad war und die Vorgänge in Mekka via TV und auch über diverse persönliche Kanäle mitbekam. Es muss ein gewaltiges Fiasko für das Königshaus gewesen sein, das seinen eigenen Soldaten nicht mehr traute und der Armee die Schlüssel für die Panzer wegnahm. Es war kein Zufall, dass es keine saudischen Soldaten waren, die die Labyrinthe der Moschee in Mekka Stück für Stück zurückeroberten. Der Mahdi, so wie er sich nannte, wurde mit seinen Getreuen zwar hingerichtet, aber der Schatten blieb,. Wir merkten zwar momentan nichts von alledem, nur die Spannungen mit Teheran wuchsen und das System wurde noch rigoroser. Arabien war voller Koreaner, man munkelte, sie seien die Soldatenreserve, da das Königshaus bis auf die Nationalgarde ihren eigenen Leuten nicht so recht traute. Vor einiger Zeit lief eine Dokumentation über die Geschehnisse...Interessant ist, dass wir gut 90% des Geschehens damals schon wussten. Aber manches schien doch anders gewesen zu sein, als es in dem TV-Bericht beschrieben wurde. Zu unserer Zeit starb auch Khaled und es folgte Fahd. Die Liberalisierung, die man erwartete, fand nicht statt, bis heute.
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