Saudi-Arabiens Herrscherfamilie 42 Männer haben das Sagen

Rund 5000 männliche Mitglieder gehören zur saudischen Königsfamilie. Sie sind reich genug, um sich auch von Todesurteilen frei zu kaufen. Die Macht teilt sich ein 42-köpfiges Gremium der Saud-Sippe. Doch darin herrscht keineswegs Einigkeit.

Hamburg - Auf den Chop-Chop-Square in Riad, dem Platz für öffentliche Exekutionen hinter der großen Moschee, strömen immer dann die Massen, wenn wieder einmal ein Krimineller vom Henker ins Jenseits befördert wird. An einem Freitag im Mai vergangenen Jahres kamen besonders viele Voyeure: Die Hinrichtung eines Prinzen stand auf dem Programm.

Der damals 18-jährige Prinz Fahd hatte anderthalb Jahre zuvor nach einem Streit zwischen seinem Bruder und dessen 15-jährigem Bekannten zum Gewehr gegriffen, und den Jugendlichen auf offener Straße erschossen. Nun sollte er enthauptet werden. Doch Henker Ahmed Riskullah richtet nach einem alten Brauch einen letzten Appell an die Familie des Opfers, ob sie nicht Gnade vor Recht walten lassen wolle. Der Delinquent müsste bei einer Begnadigung allerdings ein Sühngeld zahlen.

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Wenige Minuten vor dem finalen Schwertschlag wird das Prozedere abgebrochen. Ein Mann tut kund, der Vater des ermordeten Jungen hätte in seiner Güte den Täter begnadigt. Die Schaulustigen sind sich einig: Der Gnade des Vaters wurde mit viel Geld erkauft. Der Prinz ist frei.

Die Familie der Sauds schwimmt in Geld, seit Ende der dreißiger Jahre Öl in ihrem Reich gefunden wurde. Mit dem Geld zementierte sie auch die Macht im Land. Die liegt in den Händen von rund 5000 männlichen Angehörigen der Königsfamilie. Selbst für Mörder wie Prinz Fahd, der nicht zum engsten Führungskreis gehört, ist genug Geld da, um ihn freizukaufen.

Die dominante politische Kraft sind die älteren Prinzen und Söhne von Staatsgründer Abdul Aziz ibn Saud. Unter den so genannten "Sudairi-Sieben" war König Fahd, unter ihnen sind seine sechs Vollbrüder Sultan, Naif, Salman, Abdur-Rahman, Turki und Ahmed.

Diese potenziellen Thronnachfolger gehören alle zur gleichen Generation. Der neue Kronprinz Sultan etwa ist Jahrgang 1927 und ist damit nur vier oder sechs Jahre jünger als der verstorbene Fahd (dessen Geburtsjahr wird mit 1921 oder 1923 angegeben). Auch Fahds Halbbruder, der neue König Abdullah Ibn Abd al-Asis, ist mit 82 Jahren kaum jünger als sein Vorgänger. Abdullah führt die Regierungsgeschäfte im größten Ölförderland der Welt seit einem Schlaganfalls Fahds vor zehn Jahren.

Die US-Regierung ist mit Abdullah in seiner Zeit als Kronprinz nie richtig warm geworden. Er spricht nur Arabisch und gilt als konservativ. Auch gehört er nicht zu den im Westen erzogenen "Sudeiri-Brüdern", die in der Vergangenheit eine Reihe lukrativer Rüstungsgeschäfte mit US-Konzernen abgeschlossen hatten.

Weil Abdullah bereits seit geraumer Zeit fürchtete, nach dem Tod Fahds würde ein Machtkampf ausbrechen, versuchte er im 42-köpfigen Gremium der Saud-Sippe durch Umbesetzungen seine Regierung aufzufrischen. Bandar Ibn Sultan sollte in Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Bandar war langjähriger saudi-arabischer Botschafter in den USA und ist ein Freund der Bushs. Durch diese Beziehung verhinderte er eine Abkühlung des Verhältnisses mit der Supermacht, vor allem seit sich Bush entschieden hatte, den Irak anzugreifen, was man in Saudi-Arabien nicht schätzte.

Da Außenminister Prinz Saud al-Feisal als unumstritten gilt, wollte Abdullah den reformorientierten Bandar zum Geheimdienstchef machen. Doch damit scheiterte er. Innenminister Naif, ein Sudeiri, ein Gegenspieler Abdullahs stellte sich im Familienrat quer. Er wollte sich den Posten des Geheimdienstchefs nicht nehmen lassen.

Großen Einfluss - auch ohne politisches Amt - hat Prinz Talal Ibn abd al-Asis, 72, als inoffizieller Berater Abdullahs. Er kann sich offene Worte leisten, denn er hat den prominentesten aller saudischen Väter: Staatsgründer Ibn Saud. Talal arbeitet karitativ für das Kinderhilfswerk Unicef. Talal gilt als der "rote Prinz". Schon im Alter von zehn Jahren soll er die Freilassung seiner Leibeigenen angeordnet haben. Mit 29 war er vorübergehend Finanzminister seines Landes, überwarf sich jedoch wegen seiner liberalen Ideen mit den übrigen im Herrscherhaus.

Talals Sohn Walid, 47, ist ebenso einer der engsten Berater der Herrscherfamilie. Mit einem Vermögen von mehr als 23 Milliarden Dollar gilt er als viertreichster Mann der Welt. Sein Geld verdient er mit Bankbeteiligungen (Citigroup), im Tourismus und mit Medienunternehmen.

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