Saudische Propaganda gegen Kanada Die Wüstentrolle

Saudi-Arabien fährt eine Kampagne gegen Kanada - politisch, wirtschaftlich, diplomatisch. Auch in den Medien versucht das Königshaus, die Nordamerikaner zu diskreditieren. Das geht nach hinten los.
Kronprinz Mohammed bin Salman

Kronprinz Mohammed bin Salman

Foto: Handout ./ REUTERS

Ein Flugzeug der Air Canada steuert auf die Skyline von Toronto zu und nähert sich bedrohlich dem 553 Meter hohen CN Tower. Dazu die Übersetzung eines arabischen Sprichworts: "Wer sich in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen, findet, was ihm nicht gefällt."

Diese Grafik veröffentlichte der Account @Infographic_ksa am Montag auf Twitter. Der Account war verifiziert, zählte mehr als 350.000 Follower und gehört zu den Onlinekanälen des saudischen Königshauses. Der Tweet sorgte schnell für Empörung, schließlich erinnerte das Bild an die Anschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001. 15 der 19 Attentäter waren saudi-arabische Staatsbürger, nun wirkte es fast, als drohte das Regime via Twitter mit einem ähnlichen Szenario in Toronto.

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Bald darauf twitterte @Infographic_ksa eine Entschuldigung. "Das Flugzeug sollte die Rückkehr des Botschafters symbolisieren." Kurz darauf teilte das saudi-arabische Medienministerium mit, man habe die Schließung des Accounts @Infographic_ksa angeordnet. Seitdem ist der Account offline.

Fragwürdige Doku bei Al Arabiya

Die Posse zeigt, wie blank die Nerven in Riad im diplomatischen Streit mit Kanada liegen. (Eine Analyse zum dünnhäutigen Kronprinzen Mohammed bin Salman lesen Sie hier.)

Nachdem die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland die Freilassung der in Saudi-Arabien inhaftierten Frauenrechtlerin Samar Badawi gefordert hatte, wies das Königreich zunächst Ottawas Botschafter aus. Außerdem froren die Saudis ein vor Kurzem geschlossenes Handelsabkommen mit Kanada sowie alle neuen Investitionen ein.

Am Montagabend verkündete die staatliche Fluglinie Saudia dann, sie stelle ab kommender Woche alle Flüge nach Toronto ein. Außerdem will das Bildungsministerium in Kürze alle 7000 saudi-arabischen Studenten aus Kanada abziehen.

Das Regime flankiert seine Kampagne mit einer Medienoffensive gegen Kanada - einerseits über saudi-arabische Fernsehsender, andererseits über Twitter. Der Nachrichtensender Al Arabiya, der einer Gruppe saudi-arabischer Geschäftsmänner mit besten Verbindungen ins Königshaus gehört, strahlte am Montagabend eine kurze Doku über angebliche Menschenrechtsverletzungen in kanadischen Gefängnissen aus. Unter anderem behauptete Al Arabiya, dass zwischen 2015 und 2017 75 Prozent der Gefangenen in Haft gestorben seien, bevor ihnen überhaupt der Prozess gemacht wurde.

Dann stellte Al Arabiya "politische Gefangene" in kanadischer Haft vor, darunter den deutschen Holocaustleugner Ernst Zündel. Zündel hatte von 2003 bis 2005 in kanadischer Haft gesessen, weil seine Aufenthaltsberechtigung abgelaufen war. 2005 wurde er nach Deutschland ausgeliefert, wo er bis 2010 im Gefängnis saß. Im vergangenen Jahr verstarb Zündel.

Als weiteren angeblichen politischen Häftling stellte Al Arabiya den kanadischen Psychologen und Autor Jordan Peterson vor. Er kritisiert zwar ein 2017 verabschiedetes Gesetz, das Transgender-Rechte in Kanada stärkt, ihm droht deshalb aber keine juristische Verfolgung und auch keine Gefängnisstrafe.

Unterstützung für Québec

Via Twitter sieht sich das kanadische Außenministerium einem Ansturm pro-saudischer Trolle ausgesetzt. In nahezu wortgleichen Tweets heißt es da immer wieder: "In Saudi-Arabien sorgen wir uns über den kulturellen Genozid, den Kanada an indigenen Menschen verübt. Wir unterstützen außerdem das Recht Québecs, ein unabhängiger Staat zu werden."

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Diese Tweets lassen Zweifel daran aufkommen, dass es mit dem Interesse der saudi-arabischen Twitterer am Schicksal Kanadas wirklich so weit her ist, schließlich vermengen sie hier zwei Problemfelder. Beim Streit um eine mögliche Unabhängigkeit der Provinz Québec geht es um die Rechte der frankophonen, mehrheitlich katholischen Bevölkerungsgruppe - nicht um die Rechte der Indigenen, die in Québec nur rund zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Das Vorgehen der pro-saudischen Trolle erinnert eher an ihre Russland zugewandten Pendants. Mit wortgleichen Tweets in fehlerhaftem Englisch versuchen sie, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und Politik und Medien unter Druck zu setzen. Die Trolle aus der Wüste allerdings sind dabei bislang weniger erfolgreich als ihre Konkurrenz aus St. Petersburg.