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24. Oktober 2011, 17:22 Uhr

Saudi-Arabische Thronfolge

Prinz Hardliner

Von Yassin Musharbash

Kronprinz Sultan ist tot, nun wird das saudi-arabische Königshaus rasch einen neuen Thronfolger präsentieren. Es gilt als sicher, dass Prinz Najef ernannt wird, der Bruder des Verstorbenen. Der 78-Jährige ist ein konservativer Reformgegner - in Zeiten des Arabischen Frühlings eine brisante Personalie.

Saudi-Arabien ist kein Land, in dem Staatsfragen öffentlich diskutiert werden. Jüngstes Beispiel: die Frage der Thronfolge. Am Samstag verstarb nach schwerem Krebsleiden der Kronprinz Sultan Bin Abd al-Asis Al Saud, nun wird vermutlich schon am Dienstag ein neuer Thronfolger bestimmt. In den turbulenten Zeiten, in denen die arabische Welt sich befindet, ist das eine wichtige Personalie - doch in der saudi-arabischen Presse finden sich keine Analysen oder Kommentare zu dem Thema, nicht einmal Vermutungen darüber, wen die königliche Kommission ernennen könnte. Die Thronfolge ist eben exklusive Angelegenheit der Königsfamilie der Al Saud.

In den Blättern finden sich stattdessen Anekdoten über den Verstorbenen, Loblieder auf seinen Charakter und Preis für seine selbstredend hocheffiziente Arbeit im Regierungsapparat zum Wohl des Landes.

Tatsächlich, vermuten Beobachter innerhalb und außerhalb Saudi-Arabiens, wird es wohl auf Prinz Najef hinauslaufen - einen Bruder des Verstorbenen sowie des amtierenden Königs Abdullah. Ein wichtiges Indiz dafür ist seine Ernennung zum Vize-Premier vor zwei Jahren: ein Posten, der als Präjudiz für die Thronfolge gilt. Hinzu kommt, dass sich Najef, seit über 35 Jahren Innenminister des Wüstenreichs, in den vergangenen Jahren zunehmend als kommender Mann der Macht gezeigt hat. Als König Abdullah vergangenes Jahr einen längeren krankheitsbedingten Auslandsaufenthalt absolvierte, zeigte sich Najef fast schon als heimlicher Herrscher. Der jetzt verstorbene Kronprinz Sultan war da bereits nicht mehr arbeitsfähig.

Najef ist mit vermutlich 78 Jahren knapp zehn Jahre jünger als sein Halbbruder, der König. Doch während der Monarch in den vergangenen Jahren vorsichtige Signale in Richtung Reformen gesetzt hat - zuletzt erklärte er, dass Frauen bei Kommunalwahlen das aktive und passive Wahlrecht haben sollen -, gilt Najef als konservativ. In einem Portrait beschreibt ihn die "New York Times" als jemanden, der Schiiten, Iran und den islamistischen Muslimbrüdern gegenüber sehr feindselig eingestellt sei. Najef halte es für am wichtigsten, dass sich möglichst wenig ändere. Er sei vollständig darauf ausgerichtet, jede vermeintliche oder tatsächliche Bedrohung der Herrschaft der Al Saud zu bekämpfen.

Die liberale saudi-arabische Opposition sieht der wahrscheinlichen Ernennung Najefs zum Thronfolger deshalb mit Sorge entgegen. "Und das ist auch gerechtfertigt", sagt Guido Steinberg, Nahostexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. "Die Politik der kleinen Reformschritte des Königs Abdullah wäre zumindest bedroht, sollte Najef ihm eines Tages tatsächlich als König folgen."

Allerdings könnte die Ernennung auch dazu führen, dass die liberale Opposition erstarkt. So sagte der Aktivist Mohammad al-Qahtani dem britischen "Telegraph", die Königsfamilie solle jemanden ernennen, der den Weg der Reformen weitergehen würde. "Prinz Najef hat diese Eigenschaft gewiss nicht." Mit der Beförderung eines Hardliners tue sich die Monarchie jedenfalls keinen Gefallen: "Die Ablehnung in der Gesellschaft wächst, und irgendwann wird sie sich Bahn brechen."

Ein unmarkiertes Grab

Saudi-Arabien hat sich bislang als Bollwerk gegen den Arabischen Frühling erwiesen. Als im benachbarten Minikönigreich Bahrain ein Aufstand losbrach, schickte Riad Panzerwagen und half beim Niederschlagen. Prinz Najef liegt voll auf dieser Linie: Die revolutionären Tunesier habe er kürzlich als De-facto-Franzosen geschmäht, berichtet die "New York Times", die Kairoer als Stadtmenschen. Nur die Saudis seien echte Araber, die ihr traditionelles Herrschaftssystem zu schätzen wüssten.

Andererseits hat sich Najef in den vergangenen Jahren als Pragmatiker erwiesen. Hatte er direkt nach dem 11. September 2001 noch von einer jüdischen Verschwörung schwadroniert, arbeitet sein Innenministerium in Sicherheitsfragen mit internationalen Partnern mittlerweile professionell und ehrlich zusammen, sagt Guido Steinberg. Das allerdings dürfte damit zu tun haben, dass Saudi-Arabien ab 2003 selbst ins Visier von al-Qaida geriet und sich die Einstellung zur Gefahr, die von Dschihadisten ausgeht, auch solchen aus Saudi-Arabien, entsprechend änderte.

Der Thronfolger wird formell von einem Familiengremium der Al Saud gekürt, aber nicht einmal die Mitgliederzahl ist genau bekannt. Nichts deutet darauf hin, dass Najef übergangen werden könnte. Zwar ist ein Generationswechsel mittelfristig unausweichlich, aber noch scheint es nicht so weit zu sein.

Die Bestattung des verstorbenen Sultan wird am Dienstag stattfinden - unter Teilnahme zahlreicher arabischer und islamischer Amts- und Würdenträger, aber auch internationaler Partner wie beispielsweise US-Vizepräsident Joe Biden. Laut "Gulf News" wird Sultan auf einem Friedhof beigesetzt, auf dem sowohl Mitglieder des Königshauses als auch einfache Saudis ihre letzte Ruhestatt haben. In Einklang mit den Traditionen des puritanischen wahhabitischen Staatsislams Saudi-Arabiens werde sein Grab unmarkiert bleiben.

Beobachter vermuten, dass Najef am Dienstag schon zum neuen Thronfolger gekürt sein könnte - denn das böte einigen Trauergästen die Gelegenheit, ihm neben ihrem Beileid auch gleich die Gefolgschaft zu bekunden.

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