Schah-Sohn Resa Pahlewi "Meine Mission endet, wenn Iran befreit ist"

Resa Pahlewi lebt seit 1979 im US-Exil. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE enthüllt der Sohn des letzten Schahs von Iran, wie er von Amerika aus die Opposition in seiner Heimat unterstützt - und warum er überzeugt ist, dass er eines Tages nach Teheran zurückkehrt.

SPIEGEL ONLINE: Stehen Sie in Kontakt mit Reformern und Protestlern innerhalb Irans?

Resa Pahlewi: Ich bin seit 29 Jahren als Gegner des klerikalen Regimes in Iran politisch aktiv. Ich verbringe den Großteil meiner Zeit damit, mit Leuten in Iran zu kommunizieren - nicht nur mit Reformern und Protestlern, sondern auch gewöhnlichen Iranern, die still unter Ungerechtigkeit und sozialem wie wirtschaftlichem Niedergang leiden. Ihnen gilt mein oberstes Anliegen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, dass Sie direkt und persönlich in die derzeitigen Vorgänge in Iran verwickelt sind? Die Demonstranten wollen schließlich ein Regime stürzen, das seinerseits Ihren Vater gestürzt hat.

Pahlewi: Die Bewegung, die am 12. Juni (dem Tag der umstrittenen iranischen Präsidentschaftswahl, Anm. d. Red.) geboren wurde, hat breiteste Unterstützung bei Iranern aller Couleur gefunden. Ich habe meinen Anteil geleistet, diese Volksbewegung zu unterstützen und mitzuhelfen, ihrem Ruf nach Freiheit Gehör zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Neueste, das Sie dabei aus Iran hören?

Pahlewi: Neu ist die Klarheit, mit der die meisten hochrangigen religiösen Anführer nun gegen Ajatollah Ali Chamenei das Wort erheben. Dabei handelt es sich um Glaubensführer, die nicht nur wegen ihres Wissens und ihrer Rechtschaffenheit respektiert werden, sondern auch wegen ihrer Unabhängigkeit von der Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen eine Spaltung unter Irans Klerikern?

Pahlewi: Absolut. Die Regierungskleriker, die die heilige Stadt Ghom und ihre von Geld und gar nicht so verdeckten Staatsmächten unterstützten Seminare betreten, sind den unabhängigen Klerikern ein Dorn im Auge, denn sie interessieren sich weniger für Glauben und Moral als für Macht. In den Anfangstagen dieser Theokratie war dieser Schismus nicht so offensichtlich. Jetzt, mit den Menschenmassen auf den Straßen, die auf Befehl des obersten Regierungsklerikers brutal verfolgt werden, ist die Kluft weit aufgerissen. Die Geistlichen können nicht länger schweigend mit ansehen, wie im Namen des Islam in den Gefängnissen gefoltert und vergewaltigt wird. Anders als die Regierungs-Mullahs werden diese Geistlichen vom Volk unterstützt, sie können sich also nie allzu weit von dessen Gefühlen entfernen.

SPIEGEL ONLINE: Markiert das einen Zeitenwechsel?

Pahlewi: Die Welt kann jetzt offen sehen, wie der Ajatollah und seine machthungrigen Geistlichen den Glauben des Volkes missbraucht haben, um die große Lüge aufrechtzuerhalten, wonach sie ihre Legitimität aus dem Islam ableiten. Vorbei ist die Illusion, dass ein einziger Mann - Chamenei - sich im Namen Gottes die Staatsmacht aneignen kann. Der oberste geistliche Führer hat damit seinen theokratischen Anspruch auf Volkslegitimität verloren. Und weil viele in den Streitkräften und den Revolutionären Garden Anhänger jener religiösen Führer sind, die nun Chamenei in Frage stellen, kann der nicht mal mehr darauf bauen, auf lange Sicht eine typische Militärdiktatur aufrechtzuerhalten.

SPIEGEL ONLINE: Doch das Regime scheint sich durchzusetzen.

Pahlewi: Das beste Wort für den politischen Zustand in Iran ist Patt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Rolle der Ex-Präsidenten Mohammad Chatami und Ali Akbar Haschemi Rafsandschani? Glauben Sie, dass ihre Kritik etwas bewirkt hat?

Pahlewi: Es geht nicht so sehr darum, was sie bewirken, sondern dass sie ihrerseits vom Unmut des Volkes und der Kritik an den Ajatollahs beeinflusst wurden. Doch ich bin froh, dass sie heute erkennen, dass man entweder auf der Seite des Volkes steht oder auf der Seite Chameneis - und dass sie sich in die richtige Richtung bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Könnten sie dabei aber nicht noch mehr tun?

Pahlewi: Ich hoffe, dass sie sich schneller und weiter von ihrer typischen Zweideutigkeit entfernen und klar aussprechen, was falsch ist, nicht nur an Chameneis Entscheidungen, sondern an einem gesamten System, in dem ein Mann sechs andere direkt und sechs weitere indirekt auswählen kann und diese zwölf dann entscheiden können, wer ein Kandidat für das Präsidentenamt oder das Parlament werden kann oder nicht. Dass derselbe Mann die Spitzen der Streitkräfte, der Justiz, des Radios und des Fernsehens sowie viele andere Machtpositionen bestimmen kann.

"Die Medien können den Schleier der Zensur lüften"

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen das Internet und die internationalen Medien in dieser Krise?

Pahlewi: Das Berichtsverbot des Regimes für internationale Medien, die Art und Weise, wie es Reporter behandelt, die drakonischen Einschränkungen ihrer Aktivitäten und seine Vorwürfe, sie seien Agenten des Imperialismus - all das zeugt von der Effektivität dieser Medien.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die Medien aber nicht allzu schnell wieder zurückgezogen? Was wünschen Sie sich von ihnen?

Pahlewi: Zuallererst, dass sie die Menschenrechtsverletzungen in Iran enthüllen. Zweitens könnten die internationalen Medien allein dadurch, dass sie Informationen weiterleiten, jenen Menschen Hoffnung geben, deren Herrscher verzweifelt versuchen, sie im Dunkeln zu halten. Sie können den schwarzen Schleier der Zensur lüften.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dementiert, CIA-Kontakte zu haben. Sie stehen aber trotzdem mit der US-Regierung in Verbindung, oder?

Pahlewi: Teil meiner Pflichten ist es, mich mit politischen Entscheidungsträgern in der ganzen Welt zu beraten, so nötig. In diesem Sinne mache ich von verschiedenen Möglichkeiten Gebrauch, solche Individuen zu informieren und iranische Fragen mit ihnen zu besprechen.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben seit vielen Jahren in Maryland, nennen diesen Zustand aber weiterhin "vorübergehend". Wo sehe Sie Ihr Zuhause?

Pahlewi: Überall in Iran. Das ist meine wahre und einzige Heimat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie heute mehr Hoffnung als vorher, nach Iran zurückzukehren?

Pahlewi: Ich hatte immer Hoffnung! Die Frage war nie, ob ich heimkehren kann, sondern wann.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Rolle würden Sie lieber zurückkehren wollen? Politisch oder privat?

Pahlewi: Meine absehbare Mission endet, wenn Iran befreit ist und meine Landsleute ihre Führung frei wählen und das demokratische, politische System ihrer Wahl bestimmen können. Von da an wird meine Rolle von meinen Landsleuten entschieden werden. Ich werde ihnen dienen, in welcher Funktion sie es auch wollen.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie den unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mussawi eigentlich für besser oder grundlegend anders als Wahlsieger Mahmud Ahmadinedschad?

Pahlewi: Ahmadinedschad betrügt, lügt und fälscht Wahlen. Mussawi hat keine Angst vor den Drohungen des obersten geistlichen Führers. Er hat Mut bewiesen, indem er eine faire und unparteiische Neuauszählung forderte. Natürlich besteht ein enormer Unterschied zwischen den beiden. Aber Sie müssen Mussawis delikate Position verstehen. Im Moment kann er nicht sagen oder tun, was er will, wenn er sicherstellen will, dass der Kampf des Volkes überlebt.

SPIEGEL ONLINE: Sollte es Iran erlaubt sein, ein eigenes Atomprogramm zu haben?

Pahlewi: Sie dürfen nicht vergessen, dass Iran das Recht auf ein ziviles Nuklearprogramm nie abgesprochen wurde, bevor das geistliche Regime auftauchte. Die gleichen Länder, die Iran heute mit Sanktionen bestrafen, wetteiferten miteinander, unserem Land atomare Technologie und Reaktoren zu verkaufen. Keine ausländische Regierung hat tatsächlich gesagt, dass Iran nicht das souveräne Recht auf diese Technologie und ihren friedlichen, zivilen Nutzen habe. Das Problem liegt in der Natur des Regimes und in seinen dubiosen Absichten. Die Welt hat guten Grund, einem Regime zu misstrauen, das Terrorismus im Ausland gesponsert hat und zugleich seine eigene Gesellschaft jahrelang unterdrückt. Besorgnis erregende Äußerungen einiger Schlüsselfiguren in Führungspositionen haben darüber hinaus Öl ins Feuer gegossen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Antwort ist also Ja?

Pahlewi: Meine Position ist einfach: Als Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrags hat Iran das souveräne Anrecht, sein ziviles Nuklearprogramm zu entwickeln. Doch künftige demokratische Regierungen werden das Ausmaß und die Machbarkeit solcher Programme im Kontext unserer Energiebedürfnisse überprüfen müssen und zugleich das volle Vertrauen der internationalen Gemeinschaft sicherstellen.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie eigentlich, dass die Geschichte Ihren Vater und seine Herrschaft unfair beurteilt hat?

Pahlewi: Die Geschichte muss ihr Urteil über diese Periode erst noch fällen. Mangels öffentlicher Debatte ist es bisher unmöglich, die Ansichten und Gefühle in dieser Sache zu messen. Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass viele Iraner, inklusive der jungen Generation, die nie in jener Ära gelebt hat, eine andere Sichtweise haben als das, womit die giftige Propaganda des Regimes ihre Köpfe zu füllen versucht hat.

SPIEGEL ONLINE: Aber es war doch nicht nur Propaganda, die die Vorstellungen von Ihrem Vater geprägt hat.

Pahlewi: Angesichts der organisatorischen und finanziellen Ressourcen, die ein ölreicher, revolutionärer Staat darauf verwandt hat, meinen Vater zu verunglimpfen, kann meiner Meinung nach kein fairer Mensch sagen, dass seine Freunde und seine Feinde bisher gleichen Zugang zum Gericht der öffentlichen Meinung oder den Seiten des Geschichtsbuchs hatten. Ich erwarte kein faires Urteil, so lange beide Seiten nicht auch gleiches Mitspracherecht haben.

Das Interview führte Marc Pitzke
Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.