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02. November 2011, 08:26 Uhr

Scharia-Ausgabe

Anschlag auf französisches Satire-Magazin

Das französische Satire-Magazin "Charlie Hebdo" ist Ziel eines Anschlags geworden: Unbekannte schleuderten einen Molotow-Cocktail in das Büro der Redaktion. Die Zeitschrift zeigt in einem Sonderheft zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien den Propheten Mohammed auf dem Cover.

Paris - Für die Redaktion der satirischen Wochenzeitung "Charlie Hebdo" war es ein kleiner Scherz: Ihre Sonderausgabe zum Wahlsieg der islamistischen Partei al-Nahda in Tunesien hatte sie kurzerhand in "Scharia Hebdo" unbekannt, dazu gibt es auf dem Cover eine Darstellung des Propheten Mohammed. "100 Peitschenhiebe, wenn Sie sich nicht totgelacht haben", steht dazu neben Mohammed in einer Sprechblase. Der Prophet war zudem zu einer Art Chefredakteur ernannt worden. Man habe damit den Sieg der al-Nahda in Tunesien "feiern" wollen, hieß es.

Der satirische Ansatz ging manchen offenbar zu weit: Unbekannte schleuderten in der Nacht zu Mittwoch gegen ein Uhr einen Molotow-Cocktail in die Pariser Redaktion des Magazins auf dem Boulevard Davout im 20. Arrondissement. Der Brandsatz sei in einem Fenster gelandet und sollte offensichtlich die Datensysteme zerstören. Es sei niemand verletzt worden, sagte die Polizei. Auch habe es bisher keine Festnahmen gegeben.

Der unter seinem Künstlernamen Charb auftretende Chefredakteur des Wochenblattes sprach im TV-Sender BFM-TV auch von Droh-E-Mails, die die Redaktion erhalten habe. "Man fragt sich, was man tun muss, um nicht zu beleidigen", sagte Charb laut einem Bericht der französischen Zeitung "Le Monde". Der Zeitung zufolge hatten die Verfasser der Drohbriefe in türkischer und englischer Sprache die Mohammed-Darstellung auf dem Cover verurteilt. Im Islam ist die Verbildlichung des Propheten verboten.

Charb betonte, dass niemand das Scharia-Sonderheft vor dem Brandanschlag gelesen haben konnte, da es erst Stunden später an die Kioske kam. Lediglich die Titelseite war online zuvor im Internet sichtbar.

Bei dem Anschlag sei durch Hitze und Löschwasser ein beträchtlicher Schaden am Computer-System entstanden, sagte Charb. Er werde sich daher für die nächste Ausgabe nach Ersatzräumen umschauen müssen. "Unter diesen Umständen lässt sich keine Zeitung mehr produzieren", erklärte er.

"Alles ist zerstört", sagte der Redakteur Patrick Pelloux der "Libération". Das Layout sei ausgebrannt, überall sei Ruß, die Elektrik zerstört. Laut Pelloux steht der Anschlag "in direkter Verbindung" zu der Ausgabe vom Mittwoch.

Auch auf die Website gab es am Mittwoch zunächst keinen Zugriff mehr, die Seite wurde offenbar gehackt.

Bereits im Jahr 2006 hatte die Redaktion im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen Drohungen erhalten. "Charlie Hebdo" war damals eine der wenigen Zeitschriften, die die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" nachdruckte. Zudem veröffentlichte das französische Magazin damals zusätzlich eigene Karikaturen.

heb/ala/hen/dpa/AFP

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