Scharia in Nordwestpakistan Islamabad beugt sich den Taliban

Mit einem Friedensabkommen für das Swat-Tal, einst Touristen-Mekka und heute Taliban-Hochburg, versucht Pakistan den Terror der Militanten zu stoppen. Der Preis ist hoch: Mit dem Frieden hält die Rechtssprechung der Islamisten wieder Einzug - die Scharia.

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Berlin - Lauschte man am Wochenende dem Taliban-Sprecher Muslim Khan, erschien eine Lösung für das Swat-Tal im Nordwesten Pakistans sehr einfach. "Wenn einmal das islamische Recht angeordnet ist", sagte der Meinungsmacher der Radikalislamisten Reportern von Nachrichtenagenturen, "wird es keine Probleme mehr im Swat-Tal geben". Die Taliban, so jedenfalls die Ankündigung, würden umgehend "ihre Waffen niederlegen" und die fast täglichen Attacken auf alle Vertreter der pakistanischen Regierung einstellen.

Taliban-Krieger von Mullah Fazlullah im Swat-Tal (November 2007): Deal mit den Militanten
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Taliban-Krieger von Mullah Fazlullah im Swat-Tal (November 2007): Deal mit den Militanten

Die Aussagen des Sprechers begleiten einen heiklen Deal, den die pakistanische Regierung mit den Taliban im Swat-Tal geschlossen hat. Aufgerieben von der Gewalt der Militanten gegen Regierung und Armee ist Islamabad bereit, den Dschihadis weitgehende Zugeständnisse zu machen.

Teil dieses Friedensabkommens ist es, im Swat-Tal die Scharia wiedereinzuführen und so die gesamte Justiz sehr streng an den Koran und die Wünsche der Taliban anzupassen. Im Gegenzug erklärten die Taliban eine begrenzte Waffenruhe.

Das Abkommen, das in Washington und Europa nicht gut ankommen wird, illustriert, wie bedroht die pakistanische Regierung mittlerweile im eigenen Land ist. Nach monatelangen Militäroperationen im Swat-Tal, einer unzugänglichen Bergregion im Nordwesten des Landes, kapituliert Islamabad endgültig. Anstatt die Taliban weiter zu bekämpfen, beugt sich der Staat um des Friedens Willen den Wünschen der Radikalen.

Sie werden das Abkommen, aus ihrer Sicht zu Recht, als Sieg feiern.

Kritiker werfen der Regierung vor, mit dem Deal die Tür zu immer neuen Forderungen der Taliban aufgestoßen zu haben. "Dies ist definitiv ein Aufgeben", kommentierte ein politischer Beobachter. Ein pensionierter Richter ging im pakistanischen Fernsehen noch weiter: "Der Deal bedeutet, dass es kein übergreifendes Gesetz mehr in diesem Land gibt. Das Land wird auseinanderfallen. Wenn man diesem Pakt zustimmt, muss man weitere Zugeständnissen an die Taliban machen."

Im Land von Mullah FM

Die Lage im Swat-Tal ist seit mehr als zwei Jahren verzweifelt. Unter der Führung des charismatischen Anführers Mullah Fazlullah, wegen seines Radiosenders auch "Mullah FM" genannt, entwickelte sich in dem Gebiet eine Hochburg der Taliban. Schon im November 2007 war eine Reise in diese Terror-Zone eine hochgefährliche Angelegenheit. Nur getarnt mit landesüblicher Kleidung, teils versteckt im Auto, gelang es SPIEGEL ONLINE, sich ein Bild der Lage zu machen.

In seiner Gesetzlosigkeit und Anarchie ist das Swat-Tal ein Sinnbild für Pakistan geworden. Doch diesmal sind es nicht die Stammesgebiete wie Waziristan an der Grenze zu Afghanistan, wo radikale Islamisten die Macht des pakistanischen Staates untergraben. Beim Swat-Tal geht es um ein Gebiet nur einige Autostunden von Islamabad entfernt. Der Dschihad der Krieger von Mullah Fazlullah richtet sich damit direkt gegen Pakistans Regierung, die die Kämpfer noch immer für Marionetten hält.

Keine vier Jahre ist es her, dass der heute um die 30 Jahre alte Koranschüler Fazlullah im malerischen Iman Deri, einer kleinen Ortschaft gleich am Swat-Fluss, eine islamistische Koranschule aufbaute. Die Menschen hier kennen den jungen Mann, der heute einen schwarz-grauen Bart trägt, der ihm bis zum Bauch reicht, und seit einer Polio-Infektion das rechte Bein nachzieht. In Mingora ging er noch in den Neunzigern zur Schule, scheiterte und endete wie viele Hoffnungslose in einer Madrassa der Islamisten.

Aufstieg eines Koran-Schülers

Dort schloss sich Fazlullah der "Bewegung für die Einführung der islamischen Gesetze" an. Es war der Beginn seiner rasanten Karriere.

Die Koranschule entwickelte sich zum Anlaufpunkt für Islamisten aus Pakistan und vielen anderen Ländern. Hunderte Freiwillige halfen mit. Geld war kein Problem. Schnell patrouillierten um den roten Ziegelbau vermummte Bewaffnete, jede Woche kamen Männer mit Waffen hinzu. Der Aufbau der Fazlullah-Miliz hatte begonnen. Heute gilt er als Kommandeur von Hunderten Kämpfern. Die politischen Verhandlungen für den aktuellen Friedens-Deal handelte sein Schwiegervater aus.

Über Fazlullah gibt es im Swat-Tal mehr Heldengeschichten, als in das Leben eines 90-jährigen Mannes passen. Es existiert kein Foto von ihm - und doch tratschen Anwohner über seine brutalen Gesichtszüge oder wie er auf einem schwarzen Pferd galoppiere. In Afghanistan, tuscheln sie, kämpfte er gegen die Russen. Danach saß er mit dem geistigen Anführer der Scharia-Bewegung im Knast. Dass all das nicht zusammenpasst, ist unerheblich. Fazlullah ist das gelungen, was Taliban-Anführer brauchen - er ist ein Mythos geworden, der Angst verbreitet.

"Wir kämpfen um das Überleben von Pakistan"

Die pakistanischen Behörden im Tal sahen tatenlos zu, wie der junge Fazlullah in seinen Predigten offen jedem drohte, der sich nicht an die Scharia hielt und das Swat-Tal schon Anfang 2007 als "Islamisches Emirat" bezeichnete. "Niemand fühlte sich zuständig", so ein Professor aus Mingora. "Keiner wollte Ärger." Faktisch errichteten Fazlullah und seine Mannen schon vor dem Abkommen eine streng am Koran orientierte Gesellschaft. CD-Shops wurden abgebrannt, Mädchenschule geschlossen. Die Angst vor den Taliban schüchterte die Bewohner ein.

Das Eingeständnis der Regierung in Islamabad wird diesen Trend verfestigen. Nach dem Gesetz der Scharia werden in Zukunft Urteile nur noch nach dem Koran gesprochen werden und die Koranschüler von Mullah Fazlullah werden Richtern beratend zur Seite stehen. Genau dies hatte Fazlullah jahrelang in seinen Radiosendungen gefordert. Konkret setzte er außerdem durch, dass Frauen mehr oder minder zu Hause eingesperrt werden. Bisher hat er sich nicht zu dem Abkommen geäußert. Anzunehmen aber ist, dass es recht bald als Erfolg gefeiert wird.

Islamabad bemühte sich heute, die Relevanz des Abkommens, das im Westen durch einen größeren Bericht im britischen "Guardian" Aufmerksamkeit erregte, herunterzuspielen. Pakistans Außenminister wollte von einem schmerzlichen Eingeständnis oder gar einer Niederlage nichts wissen. "Wir einigen uns nicht mit Militanten, vielmehr versuchen wir, die Radikalen zu isolieren", so Minister Shah Mahmood Qureshi in einer ersten Stellungnahme. Die USA, das steht jetzt schon fest, wird dies nicht überzeugen.

Pakistan hingegen scheint schlicht keine Alternative zu den heiklen Deals mit den Militanten zu sehen. In einem Interview mit dem US-Sender CBS, das erst heute ausgestrahlt werden soll, beschrieb Regierungschef Asif Ali Zardari seine Lage in sehr offenen Worten. Demnach hätten die Taliban "weite Teile" des Landes bereits unter ihrer Kontrolle. Was die Militanten vorhaben, beschönigte Zardari nicht. "Wir wissen, dass die Taliban den Staat übernehmen wollen", sagte er, "doch wir kämpfen für das Überleben von Pakistan."

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