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09. November 2011, 13:55 Uhr

Scheidender Premier

Berlusconi vergleicht sich mit Diktator Mussolini

Silvio Berlusconis politische Karriere mag zu Ende gehen, doch er tritt weiter in jedes Fettnäpfchen. In einem Zeitungsinterview verglich sich Italiens Noch-Regierungschef nun mit dem Diktator Mussolini. Seltsam mutete auch eine "Verräter"-Liste an, die er im Parlament anlegte.

Rom - Er hat seinen Rückzug angekündigt, aber die Entscheidung ist Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi offenbar nicht leichtgefallen. In einem der ersten Interviews nach seiner Ankündigung, sein Amt niederlegen zu wollen, signalisierte Berlusconi, dass er sich hilflos fühle - und bemühte dazu einen zweifelhaften Vergleich: Er erinnere sich an ein Buch mit Briefen des faschistischen Diktators Mussolini an seine Geliebte Claretta, sagte Berlusconi der Zeitung "La Stampa". An einer Stelle schreibe Mussolini: "'Verstehst du denn nicht, ich zähle hier gar nichts mehr. Ich kann nur noch Empfehlungen abgeben'. Tja, und so fühle ich mich auch."

Natürlich sei er selbst aber "kein Diktator", fügte Berlusconi auf eine entsprechende Frage des Journalisten hinzu, "auch wenn Sie das jahrelang geschrieben haben".

Berlusconi hatte am Dienstag angekündigt, dass er sein Amt niederlegen wolle, sobald das Parlament seine Spar- und Reformpläne verabschiedet habe. Mit den Reformen soll verhindert werden, dass Italien noch tiefer in die europäische Schuldenkrise hineingezogen wird. Es hatte tagelang Druck auf Berlusconi gegeben, zuletzt auch von der Lega Nord, Berlusconis wichtigstem Koalitionspartner - offenbar trauten immer weniger Italiener Berlusconi zu, das hochverschuldete Land aus der Krise zu führen.

Es ermüde ihn, "nicht mehr die Leitlinien diktieren und die Politik dazu bringen zu können, zu tun, was ich möchte", sagte Berlusconi der Zeitung. "Als freier Bürger fühle ich mich mächtiger als als Ministerpräsident."

Es ist nicht das erste Mal, dass Berlusconi Mussolini zitiert. Im Mai 2010 hatte er bei einem Besuch in Paris Bezug auf den "großen und mächtigen Diktator" genommen, gleichfalls um zu verdeutlichen, dass seine Macht beschränkt sei. 2003 hatte sich Berlusconi bereits für die Aussage entschuldigen müssen, Mussolini habe "niemanden getötet".

Acht "Verräter" - Berlusconi notiert im Parlament

Benito Mussolini, der sich "Duce" ("Führer") nennen ließ, übernahm ab 1922 die Macht in Italien und verbündete sich mit Hitler. Er wurde 1943 abgesetzt. Italienische Widerstandskämpfer erschossen ihn 1945, als er nach Deutschland fliehen wollte.

Am Dienstag hatte Berlusconi bei einer Abstimmung im Parlament über den Rechenschaftsbericht 2010 keine Mehrheit bekommen. Acht Abgeordnete seines Lagers hatten sich der Stimme enthalten. Nach der Niederlage notierte der wütende Premier nach einem Bericht der "Tagesthemen" auf einem Zettel die Zahl acht. Daneben schrieb er das Wort "Verräter".

Einen Nachfolger hat Berlusconi bereits auserkoren. Angelino Alfano werde bei den nächsten Wahlen für seine Partei kandidieren, sagte der Premier. Berlusconi hatte den früheren Justizminister Alfano vor einigen Monaten als Chef seiner Partei Volk der Freiheit vorgesehen. Der 41-jährige Alfano repräsentiert eine neue Politikergeneration am Ende der 17 Jahre langen Berlusconi-Ära.

Berlusconis Rücktrittsankündigung zeigte am Mittwoch keine beruhigende Wirkung auf die Märkte. Die Renditen italienischer Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit stiegen auf über sieben Prozent. Griechenland, Irland und Portugal mussten bei diesem Renditeniveau unter den Rettungsschirm schlüpfen.

hen/dpa/AFP

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