Schewardnadse zu Georgien-Krise "Alle haben Fehler gemacht"

Wer ist schuld an der Kaukasus-Krise - und wie kann sie überwunden werden? Eduard Schewardnadse, Ex-Staatschef Georgiens und ehemaliger sowjetischer Außenminister, spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über vertane Chancen seines Landes, Russlands Taktik und Deutschlands Fehler.


SPIEGEL ONLINE: Herr Schewardnadse, wie lässt sich die Krise in Georgien überwinden?

Schewardnadse: Ich habe den russischen Regenten Dmitrij Medwedew und Wladimir Putin einen direkten Brief geschrieben und sie um den Abzug ihrer Truppen gebeten. In diesem Brief steht, dass wir immer eine besondere Nachbarschaft hatten und dass die Verantwortlichen nun verpflichtet sind, wiederherzustellen, was gut war zwischen Russland und Georgien.

SPIEGEL ONLINE: Russland möchte den Nato-Beitritt Georgiens verhindern.

Schewardnadse: Natürlich ist der Nato-Beitritt Georgiens für Russland nicht angenehm. Aber der Westen hat das Recht, Georgien zu unterstützen, wenn er das will. Und jedes Land kann sich orientieren, wie es das für richtig hält. Was kann Russland am Ende schon dagegen unternehmen? Georgien muss der Nato beitreten.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll Georgien mit dem schwierigen, mächtigen Nachbarn umgehen?

Schewardnadse: Ich hatte immer gute Beziehungen zu Wladimir Putin, ich kenne ihn lange und schätze ihn auch persönlich. Als es um die Flüchtlingsfragen in Abchasien ging, habe ich eng mit ihm zusammengearbeitet, und er war kooperativ. Ich habe ihm aber auch unsere Pläne, mit den USA zusammenzuarbeiten, nie verborgen. Ich erzählte ihm, dass die Amerikaner unsere Grenztruppen ausbilden und unsere Armee beraten. Er sagte, das Gleiche könnte Russland doch auch tun. Ich antwortete ihm, dass die Amerikaner mehr Geld hätten als er. Wir arbeiteten also gleichzeitig mit Putin und mit den Amerikanern zusammen. Das ist nicht leicht, aber es geht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Nachfolger im Amt des Präsidenten, Micheil Saakaschwili, ist vor wenigen Tagen aus Protest aus der GUS ausgetreten. War das richtig?

Schewardnadse: Noch mal: Die Verbindung mit Russland abzubrechen, ist in jedem Fall ein Fehler. Ein kleines Land muss Verbündete haben, im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden.

SPIEGEL ONLINE: Was führte zum Krieg?

Schewardnadse: Viele beschuldigen den Präsidenten Georgiens, das geschieht zum Teil zu Unrecht, enthält jedoch einen wahren Kern. Rechtlich kann man ihm nichts vorwerfen, es war legal, nach Zchinwali einzumarschieren. Er hätte es jedoch besser unterlassen. Wenn es denn schon nicht zu vermeiden war, hätte Saakaschwili den Roki-Tunnel, durch den die Russen kamen, blockieren müssen. Dies nicht zu tun, war ein militärischer Fehler. Er hat die Sache nicht zu Ende gedacht, er rechnete nicht damit, dass die Russen Gori, Poti und Senaki einnehmen würden, vielleicht sogar bis nach Tiflis kommen. Ich wäre an seiner Stelle auf keinen Fall einmarschiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Russen haben gezielt provoziert. Wäre der Konflikt überhaupt friedlich zu lösen gewesen?

Schewardnadse: Seit zehn Jahren behaupten wir, dass wir den Konflikt mit den autonomen Republiken friedlich lösen wollen. Inzwischen hatten wir auch viele Menschen in Abchasien und Süd-Ossetien davon überzeugt - noch nicht alle, aber sehr viele. Wir hätten das Prinzip der friedlichen Vermittlung einfach nicht aufgeben dürfen. Früher oder später werden sich diese Konflikte lösen. Der Krieg verzögert dies nun um mindestens zehn weitere Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Anfang einer neuen Eiszeit zwischen Ost und West?

Schewardnadse: Hier in Georgien kann die Lage kaum mehr verhärtet sein, als sie jetzt ist. Der Westen machte einen entscheidenden Fehler, als er uns im April den Membership Action Plan verwehrte, also die Eintrittskarte in die Nato. Das haben die Russen als Ermutigung gedeutet, auch wenn es nicht so gemeint war. Heute versuchen die gleichen Länder, die den Membership Action Plan für Georgien verhinderten, also Deutschland und Frankreich, unserem Land die Tür in die Nato zu öffnen. Hätten sie das früher getan, wäre es gar nicht erst zum Krieg gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum provozierte Russland aus Ihrer Sicht den Krieg?

Schewardnadse: Die Russen fühlen sich und ihre Ansprüche ignoriert. Zum Teil ist es aber auch eine persönliche Angelegenheit zwischen Wladimir Putin und Micheil Saakaschwili. Unschöne Dinge wurden gesagt. Das ist unprofessionell. Politiker verzeihen persönliche Beleidigungen nicht. Aber auch Russland hat Fehler gemacht, zum Beispiel, als es forderte, erst müsse Saakaschwili als Präsident gehen, dann würden sie mit seinem Nachfolger verhandeln. Die Konsequenz ist, dass Saakaschwili dadurch nur gestärkt wurde und ihn die hier durchaus starke Opposition jetzt sogar noch unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Wird Präsident Saakaschwili diese Krise politisch überstehen?

Schewardnadse: Der Präsident ist ohne Zweifel ein begabter Mann, der Vieles gelernt hat. Ein Sprichwort sagt, aus Fehlern wird man klug. Aber besser ist es wohl, sie zu vermeiden.

Das Interview führte Susanne Koelbl



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