Schicksale im Irak Plauderei mit Frau Doktor Tod

Ein gutmütiger Aufpasser, ein Propagandadichter und "Chemical Sally": Kurz vor dem Irak-Krieg 2003 traf SPIEGEL-Korrespondent Bernhard Zand hoffnungslose, von ihrer korrupten Führung tief enttäuschte Iraker. Wo sind sie heute, was wurde aus Saddams Getreuen? Versuch einer Kontaktaufnahme.


Sechs Wochen, bevor der Krieg begann, kam ich wieder nach Bagdad. An der Gepäckausgabe am Flughafen schlenderte ein Armeeleutnant herum und hielt wahllos und ungeniert die Hand auf: "20 Dollars, please."

Huda Saleh Amasch: "Doctor Death" oder "Chemical Sally"
REUTERS

Huda Saleh Amasch: "Doctor Death" oder "Chemical Sally"

Am Ausgang wartete Alaa Chalil mit einem Taxi. Aus meinem "Murafik", dem Aufpasser, den mir das Informationsministerium ein halbes Jahr vorher zugeteilt hatte, war nach drei Besuchen ein Freund geworden. "Hast du eine Idee, was ich über deine politische Gesinnung schreiben soll?", fragte er mich auf dem Weg ins Hotel. "Ich muss diese Woche noch einen Bericht über dich schreiben, mir fällt wirklich nichts mehr ein." Ich hatte früh geahnt, dass Alaa die westlichen Journalisten, die er zu betreuen hatte, eigentlich lieber mochte als das Regime, dem er seit 30 Jahren diente. Nach dieser Frage wusste ich es mit Sicherheit.

Ich war zuletzt ein paar Wochen vorher im Irak gewesen, Alaa hatte inzwischen allerhand auf dem Herzen, was er mir am Telefon nicht hatte sagen können: Es waren 150 Dollar Schmiergeld für seine Vorgesetzten fällig, die mir das Visum verschafft hatten, 50 Dollar für den Beamten, den wir jetzt alle zehn Tage für die Verlängerung brauchen würden, 100 Dollar für die Amtsärztin, um dem vorgeschriebenen Aids-Test zu entgehen. Auch mein Zimmer im verwanzten Staatshotel Raschid war kein Ort für solche Unterhaltungen, also gingen wir spazieren. Wir marschierten durch Karrada Dachil, heute von Selbstmordbombern heimgesucht, damals ein freundliches, belebtes Einkaufsviertel. "Wenn er nur verschwinden würde", sagte Alaa, und er musste Saddam nicht beim Namen nennen. "Der Scheich von Abu Dhabi hat ihm das Exil angeboten. Warum nimmt er das Angebot nicht an? Er würde uns viel Ärger sparen."

Ein paar Tage später waren wir zum Abendessen bei Faruk Sallum eingeladen, einem Schriftsteller und Abteilungschef im Kulturministerium. Saddam mochte diesen Mann, den er aus Kindertagen in Tikrit persönlich kannte. Wenn Sallum eine hübsche Ode auf ihn schrieb, ließ er ihn in den Palast kommen, überhäufte ihn mit Geldgeschenken und hängte ihm Medaillen um. "Der große Mann? Trostlos", sagte Sallum; auch er vermied, selbst in der Küche, wo seine Frau gefüllten Schafsdarm für uns kochte, den Namen des Präsidenten. Gerade erst hatte er Saddam getroffen, es war - absurd, so kurz vor Kriegsbeginn - um die Zulassung ausländischer Fernsehsender gegangen. "Der Alte hat keine Ahnung", sagte Sallum. "Er weiß nicht einmal, dass wir schon seit Jahren heimlich amerikanische Spielfilmsender ausstrahlen. Wie will dieser Mann einen Krieg führen? Er weiß doch überhaupt nicht mehr, was vorgeht."

Saddams Irak war innen hohl geworden, und blechern klang in Bagdad, was die Feldherrn in Washington und London predigten. Der Irak ein Feind wie Hitlers Deutschland? Ein totalitärer Machtstaat, aggressiv nach außen und im Würgegriff der Baath-Partei nach innen? Vor fünfzehn, zwanzig Jahren vielleicht. Inzwischen war so gut wie jeder hier bestechlich, vom Hotelportier bis zum General der Republikanergarde. Es war ein Gangster-, Mord- und Schmiergeldstaat, mehr Al Capone als Hitler oder Stalin.

Inbegriff der düsteren Saddam-Getreuen

Allein, das sollte keiner wissen, und deshalb wurde bis zum letzten Tag die Fassade des Totalitarismus aufrechterhalten: Paraden, Märsche, militärisches Getue - genau das Bild, das man im Westen vom Irak hatte.

Eine Woche vor Kriegsbeginn fuhr ein Regierungskonvoi am Palestine-Hotel vor. Einer abgedunkelten Limousine entstieg in grüner Uniform Huda Saleh Amasch, die einzige Frau im Kommandorat der Baath-Partei.

Huda Saleh Amasch nach der Invasion: Herz Fünf im Kartenspiel der Meistgesuchten
AP

Huda Saleh Amasch nach der Invasion: Herz Fünf im Kartenspiel der Meistgesuchten

Ich hatte mich wochenlang um ein Gespräch mit ihr bemüht, denn die studierte Biochemikerin galt als der Inbegriff der düsteren Saddam-Getreuen: Die US-Presse hatte sie zur Chefin des irakischen Chemiewaffenprogramms hochgeschrieben, kein Artikel über sie erschien ohne die zwei Etiketten, die sie inzwischen schon seit Jahren trug: "Doctor Death" und "Chemical Sally". Nun hatte sie eine Viertelstunde Zeit für mich, und als ich an ihrer Seite durch die Lobby schritt, salutierten links und rechts die Männer vor der kleingewachsenen Frau.

Wir wussten beide, dass es jetzt nur mehr Tage dauern würde, bis die ersten Bomben fielen. Statt eines Interviews bat sie um eine "Plauderei", und statt gestanzte Propagandaformeln aufzusagen, erzählte sie von ihrer Mutter und ihren Kindern, die studierten und das laufende Semester wohl nicht mehr zu Ende bringen würden. "Ihr Europäer fragt euch wahrscheinlich, ob ihr in diesem Frühjahr noch Zeit für einen Skiurlaub habt. Bei uns hier fragen sich viele, ob sie in drei Wochen noch am Leben sind."

Was aus "Doctor Death" wurde

Fünf Tage später verließ ich mit einer Gruppe deutscher Journalisten den Irak. Als ich drei Wochen später zurückkam, hatte Alaa neun Kilo abgenommen. Er arbeitet bis heute für den SPIEGEL, doch es hängt vom Thema der Geschichte ab, ob er seinen Namen darunter setzen lässt oder nicht.

Faruk Sallum war abgetaucht. Seine Familie lebt seit Jahren in Damaskus, er selbst, so heißt es, pendelt zwischen Tunesien und Syrien. Mit Journalisten spricht er nicht mehr.

Huda Amaschs Villa am Tigris war geplündert worden, von ihr und ihrer Familie keine Spur. Sie hatte Grund, sich zu verstecken, denn sie zählte zu den "High Value Targets" der US-Armee: Sie war die Herz Fünf im Kartenspiel der 52 Gesuchten. Anfang Mai 2003 stellte sie sich; zweieinhalb Jahre später wurde sie entlassen, ohne jemals angeklagt worden zu sein. Bis vor kurzem arbeitete sie als Laborantin in einem Krankenhaus in Dubai. Interviews, hat sie mir ausrichten lassen, lehne sie grundsätzlich ab. Vielleicht hat sie einmal Zeit für eine Plauderei.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.