Schießerei bei Bagdad GIs feuerten Hunderte Kugeln auf Sgrenas Auto

Der tödliche Zwischenfall nach der Geiselbefreiung von Giuliana Sgrena im Irak wird immer undurchsichtiger. Die italienische Journalistin widerspricht der Darstellung des US-Militärs, ihr Auto sei zu schnell gefahren, und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Amerikaner. Tausende Italiener trauerten derweil um den toten Agenten.


Sarg des getöteten Agenten Calipari: Seine Familie trauert in der Gruft des unbekannten Soldaten in Rom
AP

Sarg des getöteten Agenten Calipari: Seine Familie trauert in der Gruft des unbekannten Soldaten in Rom

Rom/Bagdad - Die am Freitagabend aus irakischer Geiselhaft freigekommene Reporterin widersprach heute der Darstellung der US-Streitkräfte, wonach ihr Wagen trotz Warnsignalen an einer Straßensperre nicht gehalten habe. "Wir sind langsam gefahren", sagt Sgrena der "Zeit", "nicht schnell, wie es die Amerikaner behaupten." Ein Panzerwagen der US-Armee tauchte auf. Wenige Minuten später belegten die US-Soldaten das Auto mit einem wahren Höllenfeuer. "Es regnete Kugeln. Wir wussten gar nicht, woher sie kamen. Sie haben mehrere Minuten geschossen. Das war der Schlimmste von allem, was ich erlebt habe", sagte Sgrena im Telefoninterview von ihrem Krankenbett aus. Die "Zeit" schreibt in ihrer Online-Ausgabe weiter, dass nur noch 700 Meter bis zum Bagdader Flughafen fehlten, auf dem bereits eine Maschine wartete, um Sgrena nach Hause zu fliegen.

Einer italienischen Nachrichtenagentur sagte sie, dass es keine Warnsignale gegeben habe. Zudem wurde sie mit den Worten zitiert, dass ihr, als der Kugelhagel einsetzte, plötzlich wie "ein Blitzschlag" die Worte ihrer Entführer in den Sinn gekommen seien: Die hätten ihr während ihrer vierwöchigen Geiselhaft einmal gesagt: "Es gibt Amerikaner, die wollen nicht, dass du zurückkehrst."

Der Geheimdienstagent Nicola Calipari, der die Verhandlungen über die Freilassung Sgrenas geleitet hatte, starb im Kugelhael der amerikansichen Soldaten. Die Reporterin, die für die italienische Zeitung "Il Manifesto" und die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" tätig ist, wurde bei dem Beschuss verletzt.

Weder die italienischen noch die amerikanischen Behörden äußerten sich zu den genauen Umständen der Freilassung der 56-Jährigen. Nach Angaben eines irakischen Abgeordneten floss ein Lösegeld in Höhe von einer Million Dollar. Sgrena wollte nicht auszuschließen, dass für ihre Freilassung Lösegeld bezahlt wurde. "Und jeder weiß schließlich, dass die Amerikaner keine Verhandlungen zur Freilassung von Geiseln wollen."

"Trauer, Entsetzen und Fassungslosigkeit"

"Il Manifesto": "Je mehr Verneblung, umso mehr Spekulationen und Verschwörungstheorien"
AP

"Il Manifesto": "Je mehr Verneblung, umso mehr Spekulationen und Verschwörungstheorien"

Der Chefredakteur der "Zeit", Giovanni di Lorenzo, forderte eine schnelle Aufklärung des tödlichen Zwischenfalls. "Das Mindeste, was man verlangen kann, ist eine Aufklärung des Vorfalls. Es darf nicht so aussehen, dass - wie aus italienischen Justizkreisen schon inoffiziell verlautete - die Wahrheit nicht zu ermitteln ist, weil der Hauptzeuge tot ist", sagte di Lorenzo am Sonntag der Nachrichtenagentur dpa.

Zunächst sei die Freude über die Freilassung Sgrenas überwältigend gewesen, sagte die Lorenzo weiter. "Am Abend kam die schöne Nachricht und dann Stunden später das genaue Gegenteil: Trauer, Entsetzen und Fassungslosigkeit. Man muss sich das so vorstellen, dass Giuliana Sgrena um ein Haar von den Amerikanern umgebracht worden wäre, nachdem sie befreit wurde, wahrscheinlich auch mit Hilfe amerikanischer Stellen."

Die ersten Aussagen Sgrenas und des US-Militärs zu dem Vorfall unterschieden sich nach Angaben des Chefredakteurs deutlich. "Sie sagt, dass sie langsam gefahren seien. Der italienische Geheimdienstmitarbeiter habe die ganze Zeit auf Englisch telefoniert, um zu warnen, dass man komme (...) Zeugen sagen, dass 300 bis 400 Schüsse gefallen seien", erklärte di Lorenzo weiter.

Laut amerikanischer Darstellung ist das Auto der Italiener mit hoher Geschwindigkeit auf den Checkpoint zugefahren. Erst auf Lichtzeichen, dann auf Warnschüsse habe der Fahrer nicht reagiert.

Zu der Aussage, die laut Sgrena ihre Entführer während ihrer vierwöchigen Geiselhaft machten - "Es gibt Amerikaner, die wollen nicht, dass Du zurückkehrst" - sagte di Lorenzo: "Ich halte das für nicht überprüfbar. (...) Klar ist, je unklarer, je mehr auf Verneblung die Informationspolitik angelegt ist, umso mehr werden Spekulationen und Verschwörungstheorien ins Kraut wachsen." Die Vorstellung, dass sie mit Vorsatz beschossen worden sind, entbehre jeder Logik, weil nach dem Beschuss des Autos die Überlebenden 20 Minuten unter Aufsicht der Amerikaner gestanden hätten.

"Während der ersten Tage meiner Entführung habe ich keine einzige Träne vergossen. Ich war einfach nur wahnsinnig wütend", schrieb Sgrena heute selbst in "Il Manifesto". Immer wieder habe sie ihre Kidnapper gefragt: "Wie könnt ihr mich entführen, wenn ich doch gegen den Irak-Krieg bin?" Später, als sie fernsehen durfte, habe sie dann einen anderen Albtraum erlebt. "Da kam die Ankündigung des Islamischen Dschihads, dass sie mich hinrichten würden, wenn Italien nicht seine Truppen abzieht." Doch ihre Entführer hätten sie beruhigt - die Forderung sei nicht echt.



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