Schießerei in Gaza Fatah-Demonstration endet in Blutbad

Schüsse in eine Menschenmenge, Tote und Verletzte: Auf einer Gedenkveranstaltung für Palästinenserpräsident Arafat haben Polizisten und bewaffnete Anhänger der radikalen Hamas das Feuer eröffnet. Die große Beteiligung an der Demo gilt als Signal der Wut des Volkes.

Aus Jerusalem berichtet


Die Gedenkfeier endete im Chaos: Hamas-Sicherheitskräfte eröffneten heute in Gaza-Stadt das Feuer auf Demonstranten, die anlässlich Jassir Arafats drittem Todestag zusammengekommen waren. Wieviele Menschen dabei ihr Leben verloren, ist bisher nicht klar. Die Angaben aus Agenturberichten variieren zwischen drei und neun Opfern. Unklar ist auch, warum die Sicherheitskräfte geschossen haben: War es tatsächlich zur Verteidigung, weil sie zuvor von in der Menschenmenge Deckung suchenden Fatah-Milizionären angegriffen worden waren?

Verzweiflung: Eine Gruppe Palästinenser ruft um Hilfe für ihren verletzten Freund
AFP

Verzweiflung: Eine Gruppe Palästinenser ruft um Hilfe für ihren verletzten Freund

Nach Angaben von Journalisten waren im Demonstrationszug auch bewaffnete Milizionäre, die sich später auch auf Hochhäusern postierten. Doch ob sie von dort aus die Sicherheitskräfte ihres Erzfeindes aufs Korn genommen haben, wie es der Innenminister der Hamas am Nachmittag behauptet, ist nicht verbürgt.

Auch ein anderes Erklärungsmodell der Radikal-Islamisten klingt äußerst fragwürdig: Demnach wollten die Fatah-Leute auf Verkehrspolizisten schießen - und trafen dabei aus Versehen fast nur eigene Leute.

Nicht auszuschließen ist, dass es sich bei den Schüssen in die Menge um ein gezielte Aktion der Hamas handelte - um die Anhänger der wieder erstarkenden Fatah im Gaza-Streifen in Angst und Schrecken zu halten.

Trotz all der Unklarheiten haben die Ereignisse in Gaza eines deutlich gemacht: Das palästinensische Volk ist so tief gespalten, dass man sich fragen muss, wie der Abgrund, der Hamas- und Fatah-Anhänger trennt, jemals überbrückt werden soll.

Derzeit drehen sich die politischen Kader beider Seiten ostentativ den Rücken zu: Die Hamas beschimpft die Fatah als Verräter, die den Kampf um Palästina für einen Schmusekurs mit Israel aufgegeben hätte. Abbas' regelmäßige Treffen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert und gemeinsame Polizeiaktionen der Fatah mit Israel gegen Hamas-Leute im Westjordanland sind für die Hamas ein eindeutiges Zeichen, dass die Fatah zum Feind übergelaufen ist. Dass Abbas anlässlich des Todestages Jassir Arafats zudem versucht, das Andenken des palästinensischen Übervaters für sich zu vereinnahmen und aus Arafats Erbe einen Alleinvertretungsanspruch abzuleiten, erzürnt die Hamas zusätzlich.

Die Fatah nutzt die Gunst der Stunde, die Unversöhnlichen im eigenen Volk in Gaza isoliert zu sehen. Lasst uns schnell einen Frieden zusammenzimmern, so lange wir unter uns sind, heißt ihre Botschaft an den Westen und an Israel. Zumindest Palästinenserpräsident Mahmud Abbas gibt sich hoffnungsvoll, dass ein solcher Expressfrieden schnell zur Staatsgründung führen könnte. Bereits 2009 könnte es so weit sein, verkündete er kürzlich. "Wir ehren und respektieren Jassir Arafat, weil er es abgelehnt hat, die Rechte unseres Volkes in diesem heiligen Land aufzugeben", hielt ein Hamas-Sprecher heute dagegen. Arafat hatte sich im Jahr 2000 in Camp David geweigert, weitreichende Zugeständnisse an Israel zu machen.

Wie ein in Annapolis geschlossener Frieden der Willigen überhaupt halten könnte, darüber spricht man lieber nicht: Man müsste sich der unliebsamen Tatsache stellen, dass es etwa 60 Prozent der Palästinenser waren, die der Hamas bei den Wahlen im Januar 2006 zur Macht verholfen haben. Dass die Fatah ihre Niederlage nicht eingestehen wollte, und sich seit der Wahl im Kampf um die Macht gegen ihre Landsleute auf die Seite der internationalen Gemeinschaft stellte, ist eines der Grundprobleme.

Noch eines haben die Ereignisse von heute gezeigt. Die Friedhofsruhe, die im Gaza-Streifen nach der blutigen Machtübernahme ausbrach, scheint nicht ewig zu währen. Dass Hunderttausende Fatah-Anhänger sich für eine politische Demonstration auf die Straße wagen, war noch vor wenigen Wochen unmöglich. Die Fatah weiß um ihre Stärke, weiß, dass die Hamas im Würgegriff des internationalen Boykotts gegen den Gaza-Streifen die Zeit davonläuft. Täglich verschlechtern sich die Lebensbedingungen in dem Landstrich, der nur durch wenige, zudem nur sporadisch geöffnete Grenzübergänge versorgt wird. Die Menschen, die sich enttäuscht vor knapp zwei Jahren von der als korrupt berüchtigten Fatah abgewandt und Hamas gewählt hatten, sind erneut enttäuscht worden: Die Hamas konnte ihr Leben nicht verbessern.

Ob das durch Unfähigkeit oder die internationale Isolationspolitik begründet ist, interessiert nicht, wenn der Magen knurrt.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.