Schiitenführer Sadr Iraks starker Mann hält sich alle Türen offen

Der irakische Schiitenführer Muktada al-Sadr zieht seine Minister zurück. Das Ende der Regierung – und seiner eigenen politischen Karriere? Keineswegs: Sadr verfügt über riesige Unterstützung und ist ein flexibler Politiker.

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Dubai - Keiner im Nachkriegs-Irak trägt so viele und so griffige Etiketten wie er: Muktada al-Sadr, der "gefährlichste Mann des Irak". Der Tribun des irakischen Pöbels. Der Erfüllungsgehilfe Irans. Der ruchlose Schiitenführer, der seinen Konkurrenten umbringen läßt. Der große Taktiker, der plötzlich zum Politiker wird. Der unreife, hilflose Milizenführer, dem seine Truppe davonläuft.

Muktada al-Sadr: Seinen Anti-Amerikanismus kann man ihm getrost abnehmen
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Muktada al-Sadr: Seinen Anti-Amerikanismus kann man ihm getrost abnehmen

Keines der Urteile ist wirklich bewiesen, keiner der voreiligen Abgesänge hat sich bestätigt. Gestern gab Muktada al-Sadr den Rückzug seiner sechs Minister aus der irakischen Regierung bekannt. Was lehrt Sadrs neueste Finte über die Motive eines der wichtigsten politischen Akteure des Nachkriegsirak, was bedeutet sie für den trostlosen Fortgang der Dinge in Bagdad?

Zunächst: Ein starker Abgang war es nicht. "Im Interesse der Öffentlichkeit" ziehe er seine Minister zurück, so Nasser al-Rubaie, der Chef von Sadrs Parlamentsblock. Man gebe ihre Posten an die Regierung zurück, in der Hoffnung, sie besetze sie mit qualifizierten Technokraten. Mit dieser Rhetorik verabschieden sich Manager aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat; es ist nicht die Sprache, mit der man eine Regierung stürzt. Und halbherzig ist Sadrs Schritt auch in anderer Hinsicht: Seine 30 Abgeordneten bleiben im Parlament und in Premierminister Nuri al-Malikis Koalition, nur die Minister gehen – wobei niemand den sechs Herren hinterhertrauert: Keiner von ihnen hat als fähiger Politiker von sich reden gemacht.

Gegen die Amerikaner

Zwei Motive dürften hinter Sadrs Entscheidung stehen. Eines hat er selbst angesprochen: Er ist unzufrieden mit Premierminister Maliki und seiner Weigerung, einen festen Zeitplan für den Abzug der Amerikaner zu nennen. In diesem Punkt war Sadr immer unmissverständlich, seinen Anti-Amerikanismus kann man ihm getrost abnehmen. Schon im November hatten die Sadristen ihre Mitarbeit "suspendiert" – nachdem Maliki sich in Amman mit US-Präsident George W. Bush getroffen und auf eine neue Sicherheitsoffensive geeinigt hatte.

Keine von Malikis Maßnahmen ist unter Sadrs Anhängern so unpopulär wie diese Sicherheitsoffensive. Warum schlägt die Regierung mit den Amerikanern auf unsere eigene Miliz, die Mahdi-Armee, ein – anstatt die Terroranschläge der sunnitischen Qaida zu beenden? Dieses Sentiment aller Schiiten ist vor allem unter Sadrs Leuten verbreitet, und hier liegt sein zweites, noch stärkeres, Motiv: Sadr selbst hat Maliki vor einem Jahr an die Macht gebracht, er stellte gewissermaßen den paramilitärischen Flügel des milizlosen Parteipolitikers Maliki.

Heute ist Sadr selbst abgetaucht, und seinen Milizführern hat er zu verstehen gegeben, auch sie sollten einer Auseinandersetzung mit den Amerikanern lieber aus dem Wege gehen. Wie kann es sein, dass wir uns verstecken müssen, während unsere eigene Regierung mit den Amerikanern gemeinsame Sache macht? Diese Frage muss Sadr seinen eigenen Leuten beantworten, und deshalb hat er nun seine Minister zurückgezogen.



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