Schlacht mit Hunderten Toten "Heer des Himmels" im Nebel von Nadschaf

Hunderte Iraker starben am Sonntag nahe Nadschaf. Irakische und US-Truppen sollen vermeintliche Aufständische des schiitischen "Heer des Himmels" angegriffen haben. Doch jetzt wachsen Zweifel an dieser Geschichte: Alles soll ganz anders gelaufen sein als offiziell dargestellt.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Vier Tage sind seit der "Schlacht von Nadschaf" vergangen, in der nach offiziellen irakischen Angaben 263 Menschen umkamen. Doch Klarheit über das, was in den fast 24 Stunden wirklich geschah, gibt es nicht einmal ansatzweise.

Die offizielle Version der irakischen Behörden lautet, dass man gemeinsam mit US-Soldaten eine radikale schiitische Splittergruppe bekämpft habe, die es wahrscheinlich darauf abgesehen hatte, schiitische Gelehrte und Heiligtümer in der Stadt Nadschaf anzugreifen.

Irakischer Soldat, irakische Militante in Nadschaf: Sunniten oder Schiiten?
DPA

Irakischer Soldat, irakische Militante in Nadschaf: Sunniten oder Schiiten?

Ihr Anführer betrachte sich selbst als "Mahdi", was so viel wie Erlöser oder Messias bedeutet. Für ihn sei der Sturz der traditionellen schiitischen Gelehrsamkeit von Nadschaf ein Vorzeichen seines Kommens. Die Gruppe nenne sich "Heer des Himmels", ihr Führer trage den Namen Ahmad bin al-Hassan al-Basri oder Abu al-Hassan al-Yamani.

Doch diese Darstellung stößt mittlerweile auf Widerspruch. Der britische "Observer" berichtet von irakischen Quellen, denen zufolge die "Schlacht von Nadschaf" ganz anders abgelaufen und die Darstellung der offiziellen Quellen eine "Fabrikation" ist. Von einem "Massaker" ist die Rede, das auf Missverständnissen und Fehleinschätzungen der Militärs basiere.

Terroristen - oder unschuldige Stammesmitglieder?

Der Zeitung "al-Zaman" zufolge habe die Katastrophe begonnen, nachdem ein schiitischer Stamm auf dem Weg zur Pilgerfahrt nach Nadschaf im Morgengrauen an einen irakischen Militärcheckpoint kam. Die Irakis sollen, warum auch immer, sofort das Feuer eröffnet und den Stammesscheich, dessen Frau und seinen Fahrer getötet haben.

Der gesamte Stamm - wegen der Nachtreise voll bewaffnet - habe daraufhin zu kämpfen begonnen. Die irakischen Soldaten wiederum, von der Feuerkraft überrascht, hätten Verstärkung angefordert - offenbar mit den Worten, sie würden von al-Qaida angegriffen. Schließlich kamen die Amerikaner dazu und bombardierten die vermeintlichen Aufständischen aus der Luft.

Die Gruppe des Ahmad al-Hassani sei unterdessen nur zufällig in die Kämpfe verwickelt worden, weil sie in der Nähe des Schlachtfeldes campiert hatte. Zu welchem Zweck, bleibt in dieser Erzählung freilich unklar. Nachgereicht wird nur noch, dass die Gruppe, wiewohl ebenfalls schiitisch, in Gegnerschaft zum regierenden Sciri ("Hoher Rat für die islamische Revolution im Irak") stehe und Sciri deshalb wenig Skrupel habe, die Gruppe als Terroristen darzustellen.

Der entsprechende Artikel in der irakischen Zeitung "al-Zaman", die der "Obersever" für glaubwürdig hält, war heute online nicht mehr zu finden. Dafür aber die zweite Quelle für diese Darstellung, die der "Observer" wiedergibt, nämlich die Website "Healing Iraq". Dabei handelt es sich um das Weblog eines irakischen Zahnarztes, der seit Längerem der Presseberichterstattung über den Irak auf den Grund zu gehen versucht.

Ein Mann, viele Namen

Auf "Healing Iraq" sind neben dieser Version noch andere Widersprüchlichkeiten aufgeführt, die sich in die Artikel über die Schlacht von Nadschaf geschlichen haben. So vermutet der Blogger gleich mehrere Verwechslungen, was die Person des (im Kampf getöteten) Anführers des "Heeres des Himmels" angeht.

Der bloggende Dentist dokumentiert zum Beispiel eine Erklärung der Anhänger des inkriminierten Ahmad al-Hassani al-Basri im Faksimile, in der es heißt, ihr Führer sei überhaupt nicht involviert gewesen. Er sei zwar der Bote des Mahdi ("al-Yamani") - aber nicht der Anführer des "Heeres des Himmels". Die Echtheit des Kommuniqués der "Mahdisten" ist freilich nicht ohne Weiteres zu überprüfen.

Aber klar ist eines: In der Tat kursieren ganz verschiedene Namen für den angeblichen Anführer, und keiner wurde bisher bestätigt. Einige Offizielle hatten zum Beispiel einen "Mahdi Ali ibn Ali ibn Abi Talib" genannt, andere Beamte laut der panarabischen Zeitung "al-Scharq al-Awsat" auch "Ahmad Ismail Kati". In den Medien fiel wiederum zusätzlich der Name "Mohammed al-Hassani al-Sarkhi". Diesen Mann gibt es wirklich, er führt auch eine schiitische Splittergruppe an - allerdings nichts das "Heer des Himmels".

Und das ist längst noch nicht alles an Ungereimtheiten. Denn die "New York Times" berichtet heute, auf einer Pressekonferenz hätten irakische Beamte erstens "Ahmad bin al-Hassan al-Basri"als Anführer genannt - und zweites behauptet, dieser sei in Wahrheit gar kein Schiit, sondern ein Sunnit, der sich als Schiit ausgebe. Sein richtiger Name sei "Ahmad Ismail Kati" - mithin der Name, den auch "al-Scharq al-Awsat" nennt, allerdings ohne das angebliche Alias zu erwähnen.

Geld aus Iran - oder Saudi-Arabien?

Am Montag hatten einige irakische Beamte noch berichtet, die Kämpfer seien allesamt Sunniten, und unter ihnen seien auch Ausländer "in pakistanischer oder afghanischer Kleidung" - diese Version wurde mittlerweile offenbar stillschweigend wieder einkassiert.

Ein Teil der Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion der "Schlacht von Nadschaf" beruht darauf, dass es im Irak eine fast unübersehbare Menge schiitischer Kleinst- und Splittergruppen gibt, die mehr oder weniger im Verborgenen ihren Riten nachgehen. Kaum jemand kennt alle ihrer Führer und weiß, wer für was steht.

Hinzu kommt, dass jede Gruppe - Regierung, Armee und konkurrierende Gruppen eingeschlossen - ihre Interessen auf dem Rücken der vermeintlichen Aufständischen von Nadschaf verfolgt. So behaupten die Anhänger des ebenfalls radikalen schiitischen Predigers Muktada al-Sadr, die Bewaffneten aus der Schlacht vom Sonntag seien zwar Schiiten, kooperierten aber mit den sunnitischen Terroristen von al-Qaida und erhielten ihr Geld aus dem sunnitischen Saudi-Arabien. Auch Regierungsbeamte reden nicht mit einer Zunge. Einige unterstellten den Gegnern vom Wochenende, sie würden vom schiitischen Iran gesponsort - während andere parallel streuten, es handle sich um Anhänger Saddam Husseins. Das sei "zu 100 Prozent sicher".

Wo die Wahrheit liegt, wird unter diesen Umständen nur schwierig zu rekonstruieren sein. Gegen die These von den unschuldig ins Visier genommenen Stammesmitgliedern spricht, dass diese offenbar so gut bewaffnet waren, dass sie einen US-Helikopter abschießen konnten - und dass, wie es in vielen Berichten übereinstimmend heißt, die Bewaffneten in ausgehobenen Gräben hockten und Bunker gebaut hatten. Aber auch die "offizielle" Version hat Schönheitsfehler: Wer steht denn nun wirklich hinter dem "Heer des Himmels"? War ein Anschlag auf Nadschaf wirklich geplant?

Für die Presse - und einzig in diesem Detail sind sich alle Berichte einig - ist das Schlachtfeld unterdessen abgeriegelt worden.

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