Schlacht um Sirt Revolutionstruppen rücken in Gaddafis Heimatstadt ein

In der umkämpften Küstenstadt Sirt gewinnen Gaddafis Gegner offenbar die Überhand: Nach eigenen Angaben haben sie den Hafen in der Heimatstadt des Ex-Machthabers eingenommen - dessen Anhänger verhandeln nun offenbar über eine Waffenruhe.

Anti-Gaddafi-Kämpfer bei Sirt: Hafen unter Kontrolle
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Anti-Gaddafi-Kämpfer bei Sirt: Hafen unter Kontrolle


Tripolis - Muammar al-Gaddafi ruft unbeirrt zum Märtyrertod auf - doch in der libyschen Küstenstadt Sirt verhandeln seine verbliebenen Kämpfer offenbar über einen Waffenstillstand: Nach Angaben eines Kommandeurs des Übergangsrats sind sie möglicherweise bereit, ihre Waffen niederzulegen. Man befinde sich in Gesprächen über eine Waffenruhe, sagte Brigade-Kommandant Tuhami Sadschani. Die Verhandlungen gingen auf eine Initiative von Ältesten des Gaddafi-Stammes zurück.

Die Gaddafi-Anhänger forderten freien Abzug für Angehörige des Stammes sowie der bewaffneten Milizen aus Sirt, das von den Truppen des Übergangsrats belagert wird. Den Zivilisten sei bereits die Erlaubnis erteilt worden, die belagerte Stadt zu verlassen, sagte Sadschani. Derzeit liefen Verhandlungen über die Bedingungen für eine Aufgabe der Milizen.

Hintergrund der neuen Verhandlungsbereitschaft könnten die jüngsten militärischen Erfolge der neuen libyschen Führung sein. Deren Truppen haben nach eigenen Angaben den Hafen Sirts unter ihre Kontrolle gebracht. Das Gelände sei in der Nacht zum Dienstag besetzt worden, sagte ein Kommandeur. Der Nachrichtensender al-Dschasira berichtet, die Milizen hätten am Dienstag nach harten Gefechten zudem den Ostteil der Stadt erobert.

Aus der Luft werden die Soldaten des Übergangsrats durch die Nato unterstützt. Die Kämpfer bereiteten sich nach eigenen Angaben nun auf die weitere Einnahme der Stadt vor.

Sirt, etwa 360 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis, ist eine der letzten Hochburgen der Gaddafi-Getreuen. Nach Angaben der Vereinten Nationen flohen rund 2000 der 70.000 Bewohner aus der Stadt. In Sirt soll es laut Augenzeugen an Wasser, Strom und Nahrungsmitteln mangeln. Die Kämpfer des Übergangsrats gehen davon aus, dass sich Gaddafis 36-jähriger Sohn Mutassim, ein Arzt und Soldat, in Sirt aufhält und den Widerstand befehligt.

Der gestürzte Diktator selbst ruft dagegen weiterhin zum Kampf auf - und kündigte an, als Märtyrer sterben zu wollen. "Ich bin bei euch an der Front", sagte er in einer Audiobotschaft an seine letzten Getreuen. "Widerstand und Märtyrertum sind für Helden, und wir warten auf das Märtyrertum", führte er weiter aus. Die Botschaft wurde von einem Radiosender der Gaddafi-Milizen in Bani Walid ausgestrahlt und tauchte auch auf Pro-Gaddafi-Web-Seiten auf. Ihre Echtheit konnte nicht überprüft werden.

Seit seiner Vertreibung aus Tripolis durch einen bewaffneten Volksaufstand vor mehr als einem Monat ist der ehemalige Despot untergetaucht. In einigen Bastionen wie Bani Walid und seiner Heimatstadt Sirt halten sich noch letzte Aufgebote Gaddafi-loyaler Truppen.

fdi/AFP/dpa/Reuters

insgesamt 144 Beiträge
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zauberer1, 27.09.2011
1. Gaddafis Aufenthalt ist bekannt....
....jedoch können bis auf weiteres noch alte Militärbomben entsorgt werden^^. Auch bei Saddam kannte man schon Wochen vorher seinen Aufenthaltort. Aber es muss auch an die Rüstungsindustrie gedacht werden.
sukowsky, 27.09.2011
2. Frage mich nur der hohe Blutzoll war es nicht wert
Frage mich nur der hohe Blutzoll war es nicht wert! Uns wurde immer gesagt wir stehen für Menschenrechte oder ist es durchtränkt vom Erdöl und Geschäftemacherei.
Jean P. v. Freyhein 27.09.2011
3. Kein Titel
Damit dürfte der Krieg Gaddafis gegen sein Volk wohl endlich zu Ende gehen. Meine Gratulation an das libysche Volk und den Übergangsrat.
Akbatur 27.09.2011
4. Oh je...
Zitat von sysopIn der umkämpften Küstenstadt Sirt gewinnen die Milizen des Übergangsrats offenbar die Überhand: Nach eigenen Angaben haben sie den Hafen von Gaddafis Heimatstadt eingenommen - dessen Anhänger verhandeln nun offenbar*über eine Waffenruhe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,788650,00.html
Es muss "Oberhand" heißen nicht "Überhand". Etwas "nimmt" Überhand bedeutet etwas ganz anderes. Schon nicht so optimal, wenn die Sprache der größte Feind eines Online-Redakteurs ist.
syracusa 27.09.2011
5. @ sukowsky: die Zinsen auf den Blutzoll
Zitat von sukowskyFrage mich nur der hohe Blutzoll war es nicht wert! Uns wurde immer gesagt wir stehen für Menschenrechte oder ist es durchtränkt vom Erdöl und Geschäftemacherei.
Wenn es dem Westen (zu dek Deutschland ja nicht mehr zählt) nur ums Öl gegangen wäre, dann hätte er weiter auf Gaddafi gesetzt - der war schließlich der Garant dafür, dass die Schätze Libyens an den Westen verschleudert wurden. Es ging und geht um Freiheit und Menschenrechte. Dafür lohnt sich jeder Kampf, und dafür haben auch die Europäer einen irrwitzig hohen Blutzoll bezahlt, von dessen Zinsen wir heute alle friedlich in Wohlstand leben.
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