Schlacht vor Bagdad Verwirrung um irakische Gegenoffensive

In der Nacht gab es erneut schwere Luftangriffe auf Bezirke der irakischen Hauptstadt. Derweil gibt es widersprüchliche Meldungen über einen Gegenschlag von Saddams Truppen. Nach Medienberichten sollte ein großer Kampfverband der Republikanischen Garden auf Stellungen der US-Truppen bei Nadschaf zurollen. Doch das Pentagon dementiert.


Panzereinheit der Republikanischen Garde Saddam Husseins: Zweifelhafte Anzeichen für Gegenoffensive bei Nassirija
AFP

Panzereinheit der Republikanischen Garde Saddam Husseins: Zweifelhafte Anzeichen für Gegenoffensive bei Nassirija

Bagdad - Mindestens acht schwere Explosionen haben sich gegen Mitternacht in den Außenbezirken von Bagdad ereignet. Die Einschläge erfolgten innerhalb von zehn Minuten. Zudem seien die Geräusche von Flugzeugen zu hören gewesen. Über die Ziele und Schäden wurde zunächst nichts bekannt.

Gleichzeitig sollte eine rund 5.000 Mann starke Einheit der Republikanischen Garde mit etwa 1.000 Fahrzeugen Richtung Süden rollen, meldeten amerikanische Aufklärer laut der Nachrichtenagenturgentur AP. Offiziere der 1. Expeditionseinheit der Marine-Infanteristen berichteten, die Elite-Einheit von Staatschef Saddam Hussein habe sich auf zwei Straßen in Richtung der Stadt Nassirija bewegt, wo sich die Kriegsparteien seit Tagen heftige Kämpfe liefern.

Laut CNN sei der Kampfverband auf dem Weg in die Gegend um Nadschaf, wo US-Truppen sich den Weg nach Bagdad freizukämpfen versuchen - hieß es zunächst. Im Verlauf der Nacht korrigierte ein CNN-Reporter im Pentagon diese Sicht. Es habe keine Truppenbewegung von der angegebenen Größe gegeben. Es scheine sich nur um eine Absetzbewegung in andere Stellungen zu handeln. Generalstabschef Richard Myers sagte, es seien anscheinend nur "ein paar" leichtere Fahrzeuge unterwegs.

Zu der Kolonne sollten den Angaben zufolge Panzer sowjetischer Bauart zählen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass es noch in der Nacht zu Angriffen komme, sagte am Mittwoch ein CNN-Reporter, der die 7. US-Kavallerie begleitet. Die Einheit steht etwa 150 Kilometer südlich der irakischen Hauptstadt zwischen den Städten Nadschaf und Kerbela.

Mitarbeiter des Pentagon räumten unterdessen ein, die US-Führung sei von der Hartnäckigkeit der irakischen Milizen überrascht worden und habe ihre Taktik für den Marsch auf Bagdad "angepasst": Statt hastig in Richtung der irakischen Hauptstadt vorzustoßen, werde die Invasion verlangsamt, um einzelne irakische Widerstandsnester auszulöschen.

"Wir gehen jetzt auf die Jagd", sagte ein Oberst der US-Marineinfanterie. Man werde die Milizionäre verfolgen, anstatt ihnen die "leichten Schüsse" zu ermöglichen - eine Vorgehensweise, die fatal an die Taktik des "Suchens und Zerstörens" ("search and destroy") der US-Armee im Vietnamkrieg erinnert. Dabei stehe das Schlimmste den alliierten Truppen noch bevor, warnte ein Pentagon-Mitarbeiter: Die irakischen Milizen würden erst in Bagdad das "größte Problem" darstellen.

Die "Fedajin"-Selbstmordtruppen Saddam Husseins, nach Informationen amerikanischer Geheimdienste 30.000 bis 60.000 Mann stark, sicherten in speziell eingeteilten Regionen die Loyalität gegenüber Saddam Hussein. Auch Aktivitäten anderer Milizen, unter anderem der regierenden Baath-Partei, wurden gemeldet.

Sandstürme stellen Alliierte vor Probleme

US-Truppen im Sandsturm: Menschen und Material leiden unter widrigem Wetter
AP

US-Truppen im Sandsturm: Menschen und Material leiden unter widrigem Wetter

Zum unerwartet heftigen Widerstand der Iraker kommen schwere Sandstürme, die mit Sichtweiten unter zwei Metern und Temperaturen von bis zu 50 Grad den alliierten Soldaten schwer zu schaffen machen. Auch das empfindliche Material wird in Mitleidenschaft gezogen: Die feinen Sandkörner blenden die "elektronischen Augen" von Lenkwaffen, blockieren die Luftfilter von Panzer- und Hubschraubermotoren und können gefährliche Defekte in der Mechanik auslösen. Auch zahlreiche Kampfjets der Kriegskoalition mussten am Boden bleiben, so das Pentagon.

Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon sagte, ein Teil der alliierten Trupen stehe weiterhin rund 100 Kilometer vor Bagdad. Er meldete am Mittwoch im Unterhaus jedoch kein weiteres Vorrücken der Verbände auf Bagdad. Dies deckt sich mit Angaben der irakischen Führung, die behauptete, der Alliierte Vormarsch sei zum Erliegen gekommen.

USA bestätigen Einsatz experimenteller Waffen

Unterdessen setzte die US-Luftwaffe bei der Bombardierung von irakischen TV-Sendern erstmals eine experimentelle Waffe ein. Regierungsvertreter wollten keine Details nennen, sagten jedoch, dass sie in den vergangenen Monaten eine Bombe entwickelt hätten, die einen elektromagnetischen Puls (EMP) aussendet, um elektronische Anlagen des Gegners zu zerstören.

Zudem wächst die Angst der US-Truppen vor einem irakischen Giftgasangriff. Amerikanische Marines wollen in einem Krankenhaus große Vorräte an Gasmasken, Schutzanzügen und Nervengas-Gegenmitteln gefunden haben.



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