Schlag gegen al-Qaida Obama preist Awlakis Tod als Meilenstein

Anwar al-Awlaki war einer von al-Qaidas wichtigsten Propagandisten, er beeinflusste etliche Attentäter und Dschihadisten. Jetzt ist er im Jemen getötet worden. US-Präsident Obama preist den Schlag - warnt aber: Das Terrornetzwerk bleibt weiter gefährlich.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Wenige Stunden nachdem die Nachricht von der gezielten Tötung des Qaida-Terroristen Anwar al-Awlaki im Jemen bekannt wurde, hat US-Präsident Barack Obama den Schlag einen "wichtigen Meilenstein" im Kampf gegen den Terrorismus genannt. Der Tod des US-Jemeniten sei ein "großer Schlag" für al-Qaidas "aktivste Filiale". Awlaki sei der "Chef für auswärtige Operationen" der Gruppierung gewesen.

Anwar al-Awlaki, so Barack Obama, habe persönlich mindestens zwei Anschlagsversuche auf US-Ziele mitgeplant:

  • An Weihnachten 2009 sollte ein US-Passagierjet über Detroit zum Absturz gebracht werden.
  • Im Jahr 2010 sei er an dem Versuch beteiligt gewesen, zwei US-Frachtflugzeuge zu sprengen.

Awlakis Tod schwäche al-Qaida, aber das Terrornetzwerk bleibe gefährlich, so der US-Präsident.

Tatsächlich war Anwar al-Awlaki außerhalb des Jemens das bekannteste Gesicht von "Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel" (AQAP), auch wenn er selbst niemals einen formalen Titel für sich in Anspruch nahm. Der Enddreißiger wurde wegen seiner Propaganda und seinen Mordaufrufen gejagt - vom jemenitischen Militär, aber auch von den USA.

An diesem Freitag hatten verschiedene Medien unter Berufung auf jemenitische und US-amerikanische Regierungsbeamte vermeldet, dass Anwar al-Awlaki tot sei. Getötet wurde er demnach durch einen Luftschlag. Von wem genau, ist noch unklar. Vermutlich brachte eine US-Drohne den Tod.

Die Nachricht vom Tod Awlakis hat al-Qaidas Ableger auf der Arabischen Halbinsel allerdings bisher ebenso wenig bestätigt wie seine im jemenitischen Kontext wichtige und einflussreiche Familie.

Wichtigster Propagandist

Wenn sie stimmt, dann hat AQAP ihren wichtigsten Propagandisten verloren - und das dürfte Auswirkungen über die Arabische Halbinsel hinaus haben, denn Anwar al-Awlaki war für das gesamte Qaida-Netzwerk ein Aushängeschild.

Mit ihm wurde nach Angaben eines US-Beamten laut der Agentur AP auch Samir Khan getötet - ein junger Saudi-Araber mit US-Pass, der sich vor einigen Jahren in den Jemen absetzte, im Dunstkreis der dortigen Qaida-Filiale auftauchte und als Herausgeber des englischsprachigen Online-Magazins "Inspire" galt.

Anwar al-Awlaki dürfte so etwas wie ein Idol für Khan gewesen sein - so wie er es auch für andere Terrorverdächtige aus dem Westen war. In den USA aufgewachsen, sprach Awlaki Arabisch ebenso gut wie Englisch. Und von Letzterem hatte er jahrelang ausgiebig Gebrauch gemacht, um potentielle Rekruten und Attentäter im Namen al-Qaidas anzustacheln.

Anwar al-Awlaki, der mit seiner typischen Nickelbrille ein bisschen wie ein böser John Lennon wirkte, war dabei äußerst erfolgreich. Der US-Major und spätere Attentäter Nidal Hasan gab an, dass er mit Awlaki korrespondiert hatte, bevor er im Militärstützpunkt Fort Hood mehr als ein Dutzend US-Soldaten ermordete. Awlaki wiederum gab stolz zu Protokoll, dass er sich als Lehrer des nigerianischen Studenten Umar Faruk Abdulmutallab betrachtete, der an Weihnachten 2009 versuchte, einen US-Passagierjet über Detroit zum Absturz zu bringen. Auch der gescheiterte Attentäter Faisal Shahzad, der in New York am Times Square eine Autobombe zu installieren versuchte, stand mit Awlaki in Kontakt. Awlakis Predigten haben zudem nach eigenen Angaben eine Dschihadisten in Großbritannien dazu gebracht, einen Anschlag auf einen Abgeordneten auszuüben. Mehrere Terrorverdächtige in den USA tauschten sich mit Awlaki per E-Mail aus.

Im Februar 2011 behaupteten auch zwei deutsche Dschihadisten, sie hätten Anwar al-Awlaki ihre Terrorkarriere zu verdanken: Die beiden Bonner, die sich seit Jahren im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet aufhalten, hätten die "große Ehre" gehabt, Awlaki im Jemen kennenzulernen und hätten "kostbare Stunden" mit ihm verbracht. Awlakis Leute hätten sie dann auch nach Waziristan weitergeschickt.

Nie offizielles Qaida-Mitglied

Ironischerweise hat Anwar al-Awlaki trotzdem niemals seine formale Mitgliedschaft bei al-Qaida oder der Filiale im Jemen erklärt. Es ist unklar, ob er die dafür notwendige "Baia", den Treueeid, überhaupt geschworen hat. Erst im Mai 2010 tauchte er in einem offiziellen AQAP-Video auf - als eine Art Interviewgast.

Andererseits schrieb er bereitwillig Artikel für die AQAP-Online-Magazine. In "Inspire", einem englischsprachigen Magazin, das sich an potentielle Rekruten im Westen richtet, erklärte er, man brauche keine Fatwa, um Amerikaner zu töten. "Wir werden bomben, und wir werden morden", kündigte er an. Für Mohammed-Karikaturisten, sagte er, sei "Exekution die Medizin", eine schwarze Liste missliebiger Personen lieferte er gleich mit. Darauf standen auch Europäer, etwa der dänische Karikaturist Kurt Westergaard oder der niederländische Islamophobe Geert Wilders.

Anwar al-Awlaki wurde in New Mexico geboren - die ersten sechs Jahre seines Lebens verbrachte er dort mit "Hamburgern und Weihnachtsbaum", wie ein Bekannter SPIEGEL ONLINE berichtete. Dann ging seine Familie wieder zurück in die alte Heimat - Anwar jedoch kehrte für ein Ingenieurstudium in die USA zurück. Mit 23 Jahren wurde er Studenten-Imam, wofür ihm die Studiengebühren erlassen wurden.

Nur Lautsprecher - oder auch Anschlagsplaner?

In den Jahren darauf zählten auch zwei 9/11-Mitverschwörer zu seinen Zuhörern, doch wie eng ihr Verhältnis war, ist unklar. Nach 2001 jedoch radikalisierte Awlaki sich, er zeichnete seine Predigten auf, betrieb einen Blog, war per E-Mail erreichbar - zum Beispiel für den späteren Massenmörder Nidal Hasan.

Awlaki stammt aus einer angesehenen Familie, sein Vater war Minister. Nachdem Awlaki in den Jemen zurückkehrte, vermutlich weil ihm der Boden in den USA zu heiß wurde, tauchte er im Dunstkreis von AQAP wieder auf. Doch seine Angehörigen beharrten darauf, er sei lediglich ein erfolgreicher Missionar.

Sicher ist, dass Propaganda sein Hauptbetätigungsfeld war. Der US-Terrorexperte J. M. Berger errechnete, dass Awlaki über hundert Stunden an Predigten aufgenommen hatte - weit mehr als Osama Bin Laden.

Trotzdem vermuteten einige Experten und Geheimdienstanalysten stets, der Mann könne auch operativ an AQAP-Anschlägen beteiligt gewesen sein. Eine schlagkräftige Indizienkette stellte der norwegische Experte Thomas Hegghammer zusammen. Denn nach dem Versuch von AQAP, 2010 zwei Frachtflugzeuge in die Luft zu sprengen, beschrieb ein namentlich nicht genannter "Führer für Auslandsoperationen" die Vorbereitungen in AQAPs Online-Magazin. Hegghammer ist überzeugt, dass der Text von Awlaki stammt. Zum einen tauchen darin Anspielungen auf die muslimische Geschichte Andalusiens auf, ein bekanntes Hobby von Awlaki; zum anderen erwähnte er Charles Dickens' Buch "Great Expectations", das in einem der Sprengsätze zur Tarnung verbaut war, und das Anwar al-Awlaki wiederum Jahre zuvor in seinem Blog rezensiert hatte.

AQAP ist auch ohne Awlaki funktionsfähig

Nach dem Tod Osama Bin Ladens verlautete aus Washington zudem, im Datenfundus im Versteck des getöteten Qaida-Chefs habe sich eine Korrespondenz gefunden, derzufolge der Chef von AQAP, Nasir al-Wahaischi, Bin Laden vorgeschlagen hatte, Awlaki an seiner Stelle auf den Schild zu heben. Bin Laden soll abgelehnt haben. Aber das Angebot spricht zumindest für die Bedeutung, die AQAP Awlaki beimaß - wenn es denn authentisch war.

Trotzdem: AQAP wird auch ohne Anwar al-Awlaki funktionsfähig sein. Die Truppe verfügt über Hunderte Kämpfer, viele sind sehr erfahren. Sie hat mindestens einen nahezu genialen Bombenbauer in ihren Reihen, außerdem mehrere äußerst hartgesottene Ex-Guantanamo-Insassen. Anwar al-Awlaki war ein Gewinn für AQAP, sein Tod wäre ein Verlust - aber AQAP ist auf ihn nicht angewiesen. Schließlich hatte Awlaki nicht einmal einschlägige Kampferfahrung.

Allerdings trifft der Verlust die Propagandaarbeit besonders empfindlich - das Aushängeschild fehlt nun, der Lautsprecher ist abgeschaltet.

Der Tod Samir Khans, sollte auch der sich bestätigen, wird zudem die Arbeit von "Inspire" beeinflussen - zuletzt hatte das Magazin durchaus eine gewisse Bedeutung erreicht.

Für al-Qaidas Zentrale ist der Tod Awlakis ebenfalls ein Verlust, denn seine Propagandaerfolge strahlten auf das Netzwerk insgesamt ab. Aber hartnäckige Spekulationen, Anwar al-Awlaki sei sogar als Nachfolger Osama Bin Ladens im Gespräch gewesen, entbehren der Grundlage. Dafür war Awlaki weder wichtig noch erfahren genug - und wohl auch nicht ausreichend vernetzt.

In den USA wird der Schlag gegen al-Qaida indes nicht nur Genugtuung auslösen. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass Terrorverdächtige mit US-Pass von US-Drohnen getötet wurden - aber gleich zwei bei einem Angriff, das dürfte die Debatte befeuern, ob der US-Präsident, die CIA und das Militär eigentlich eine ausreichende Rechtsgrundlage für solch gezielten Tötungen haben.

insgesamt 207 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gani, 30.09.2011
1. Wieder einer weniger
So bekämpft man die Terroristen: ausfindig machen und umlegen. Nicht durch Angriffskriege und Invasionen. Diese Erkenntnis kann man durchaus der Obama Admnistration gutschreiben, denn unter Bush sind solche Leute kaum liquidiert worden. Man hat ja 2003 sogar bin Laden persönlich entwischen lassen, wie man heute weiss.
munkelt 30.09.2011
2. x
Zitat von sysopAnwar al-Awlaki war einer von al-Qaidas*wichtigsten Propagandisten und beeinflusste etliche Attentäter und Dschihadisten, darunter zwei Deutsche. Nun bestätigen die jemenitische und die US-Regierung, dass er getötet wurde. Ein Verlust für al-Qaida - aber das Terrornetzwerk bleibt gefährlich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,789285,00.html
..."man brauche keine Fatwa, um Amerikaner zu töten. "Wir werden bomben und wir werden morden", kündigte er an. Für Mohammed-Karikaturisten, sagte er, sei "Exekution die Medizin", eine schwarze Liste missliebiger Personen lieferte er gleich mit"... Ein Hassprediger weniger. Gut.
king_pakal 30.09.2011
3. --
Zitat von sysopAnwar al-Awlaki war einer von al-Qaidas*wichtigsten Propagandisten und beeinflusste etliche Attentäter und Dschihadisten, darunter zwei Deutsche. Nun bestätigen die jemenitische und die US-Regierung, dass er getötet wurde. Ein Verlust für al-Qaida - aber das Terrornetzwerk bleibt gefährlich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,789285,00.html
Bitte nicht vergessen von wem Al-Qaida ins leben gerufen und aufgebaut wurde!!!
bicyclerepairmen 30.09.2011
4. ..
Zitat von GaniSo bekämpft man die Terroristen: ausfindig machen und umlegen. Nicht durch Angriffskriege und Invasionen. Diese Erkenntnis kann man durchaus der Obama Admnistration gutschreiben, denn unter Bush sind solche Leute kaum liquidiert worden. Man hat ja 2003 sogar bin Laden persönlich entwischen lassen, wie man heute weiss.
Das wusste man schon damals. Nur wollte es keiner hören. Das man davor Aberhunderte Elkaida Kämpen hat ausfliegen lassen ebenso. Die musste man dann später voll ergebnisorientiert im Land unserer Verbündeten wegbomben oder andersweitig/ wärtig aussealen.
PZF85J 30.09.2011
5. -
Zitat von sysopAnwar al-Awlaki war einer von al-Qaidas*wichtigsten Propagandisten und beeinflusste etliche Attentäter und Dschihadisten, darunter zwei Deutsche. Nun bestätigen die jemenitische und die US-Regierung, dass er getötet wurde. Ein Verlust für al-Qaida - aber das Terrornetzwerk bleibt gefährlich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,789285,00.html
Sehr schön.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.