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09. Februar 2012, 16:27 Uhr

Schlag gegen Atomprogramm

Mögliche Attacke auf Iran entzweit Israel und USA

Muss Iran angegriffen werden? Ist das Atomprogramm schon bald so weit fortgeschritten, dass es für Attacken zu spät ist? Die Vereinigten Staaten und Israel streiten über die Dringlichkeit eines Militärschlags. Die US-Regierung müht sich zunehmend frustriert, die Falken aus Jerusalem zu bremsen.

Washington - Die US-Regierung bemühte sich zuletzt, Berichte über einen möglicherweise bald bevorstehenden Militärschlag Israels gegen Iran zu entkräften. Israel habe noch keine konkreten Pläne für einen Angriff auf iranische Atomanlagen gefasst, erklärte Präsident Obama vor drei Tagen. "Ich glaube nicht, dass Israel eine Entscheidung getroffen hat". Obamas Berater Dennis Ross sagte im SPIEGEL-Interview, ein Krieg mit Iran stehe nicht unmittelbar bevor, er sei noch vermeidbar. Die diplomatischen Möglichkeiten seien nicht ausgeschöpft.

Diese neuen Einschätzungen sind möglicherweise das Ergebnis kontroverser Diskussionen zwischen amerikanischen und israelischen Regierungsvertretern. Denn noch kurz zuvor hatte US-Verteidigungsminister Leon Panetta nach Angaben amerikanischer Zeitungen erklärt, er sehe eine "starke Wahrscheinlichkeit" dafür, dass ein Angriff Israels auf Iran im April, Mai oder Juni erfolge. Panetta wollte die Berichte weder bestätigen noch dementieren.

Die "New York Times" berichtet jetzt, dass es in den vergangenen Tagen und Wochen heftige Auseinandersetzungen zwischen Jerusalem und Washington bezüglich eines Militärschlags gegen das iranische Atomprogramm gegeben habe. Dabei geht es laut der Zeitung besonders darum, wann die rote Linie überschritten ist und ab welchem Zeitpunkt das iranische Nuklearprogramm zu weit fortgeschritten ist, um es mit einem Angriff noch zu zerstören.

USA will Argumente Israels widerlegen

Zahlreiche hochrangige israelische Regierungsmitglieder, darunter Außenminister Avigdor Lieberman sowie der Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad, seien in den vergangenen Wochen nach Washington gereist, um die US-Regierung davon zu überzeugen, dass der Zeitpunkt, zu dem ein Angriff zu spät komme, schnell näher rücke. Israels Verteidigungsminister Ehud Barak hatte dafür den Begriff "zone of immunity" geprägt. Iran sei dabei, seine Atomanlagen immer besser gegen Angriffe zu schützen. Wer "später" zu einem Angriff sage, laufe Gefahr, dass "später zu spät" sein könnte, so Barak jüngst auf einer Pressekonferenz.

Im Gegenzug versuchten amerikanische Politiker laut "New York Times", den Israelis in Gesprächen beizubringen, dass der Westen noch mehr Zeit habe und weiter versuchen müsse, Iran durch Sanktionen vom Bau einer Atombombe abzuhalten. In einem Telefongespräch mit Israels Premier Benjamin Netanjahu habe Präsident Obama im vergangenen Monat versucht, dessen Argumente für einen Militärschlag zu widerlegen. Das berichtet die Zeitung unter Berufung auf einen Mitarbeiter der US-Regierung. Die Amerikaner seien nach dem Gespräch davon überzeugt gewesen, dass Netanjahu wirtschaftlichen Sanktionen und anderen Schritten Zeit geben wolle zu wirken. Die Amerikaner glauben fest an die Wirkung der Sanktionen. Die iranische Währung sei bereits abgestürzt, argumentieren sie, ihr Öl finde keine Käufer mehr und es gebe Anzeichen, dass die iranische Führung immer stärker zerstritten ist.

Netanjahu untersagt Äußerungen zu einem Angriff auf Iran

In Washington wächst laut der Zeitung dennoch die Frustration über Jerusalem. Die israelische Regierung habe einen zu engen Blickwinkel auf den Konflikt und habe sich auf den Gedanken versteift, dass Iran die Urananreicherung so tief unter der Erde unter mehreren Granitschichten vornehmen wolle, dass auch die beste Bombe dagegen nicht mehr helfe. Im Zentrum der israelischen Argumentation stehe demnach, dass es, sobald Iran einen unterirdischen geschützten Platz zum Bombenbau hat, egal sei, ob die Fertigstellung der Atomwaffen dann sechs Monate oder fünf Jahre dauere.

Experten gehen davon aus, dass Iran inzwischen ausreichend Uran für den Bau von mindestens vier Atombomben besitzt, die Anreicherung aber würde noch Monate dauern. Außerdem müssten die Iraner dafür entsprechende Sprengköpfe herstellen - was mehrere Jahre in Anspruch nehmen könnte.

Inzwischen hat Israels Premier Netanjahu angeordnet, dass Regierungsmitglieder nicht mehr öffentlich über einen möglichen Angriff auf Iran reden sollten. Solche Äußerungen verursachten enormen Schaden, zitierten israelische Medien den Regierungschef. Sie vermittelten den Eindruck, dass Israel eine Offensive betreibe und damit die Sanktionspolitik untergrabe.

Israels Präsident Schimon Peres rief am Mittwoch die Einwohner Irans zur Versöhnung auf. "Wir sind nicht von Geburt an Feinde und es gibt keinen Grund, als solche zu leben", sagte Peres bei einer Rede anlässlich des Jahrestags der Gründung des israelischen Parlaments. "Euer Volk ist ein kluges Volk, das Freundschaft und Frieden anstrebt, nicht Konflikte und Krieg." Die Regierung in Teheran verurteilte Peres indessen scharf. "Der Iran ist nicht nur eine Bedrohung für Israel, sondern eine wirkliche Gefahr für die gesamte Menschheit", sagte der Friedensnobelpreisträger. "Das derzeitige iranische Regime ist hungrig nach Imperialismus und will zum obersten Führer der Region werden."

anr

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