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Ägyptens Opposition: Leben und protestieren am Tahrir-Platz

Foto: Hasnain Kazim

Schlagabtausch auf dem Tahrir-Platz Ägyptens Opposition kämpft um jeden Meter

Sie harren und hoffen - auf Kairos Tahrir-Platz widerstehen Ägyptens Regimegegner dem Druck der Armeepanzer. Die Riege der alten Machthaber um Mubarak setzt auf eine Zermürbungstaktik, sie will eine zentrale Schwäche der Opposition nutzen: das Fehlen einer Führungsfigur.

Kairo

Husni Mubarak

Emad Hewedy reibt sich die Müdigkeit aus den Augen. Sein Telefon klingelt, ständig rufen Freunde an und wollen wissen, wo genau er sich aufhält. Man könne sich ja treffen, es gebe Neuigkeiten. Hewedy steht auf dem Tahrir-Platz in . Seit 14 Tagen demonstrieren hier Menschen gegen das Regime von Präsident , seither wohnt Hewedy hier, unter einer Plane, zusammen mit Tausenden anderen Menschen. "Man bekommt nur wenig Schlaf", sagt er. "Aber ich werde hier bleiben. Bis Mubarak weg ist."

Ständig sickern Informationen über die neuesten Pläne der Regierung durch. Gerade soll sie mit Oppositionellen über eine künftige Machtaufteilung sprechen, mit der "Gruppe des 25. Januar", benannt nach dem Datum, an dem alles begann. Aber keiner der Demonstranten kennt diese Organisation. "Ich habe keine Ahnung, wer das sein soll", sagt Ahmed Awwad, ein Student, der auf dem Platz Erste Hilfe leistet. "Die können reden, mit wem sie wollen - meine Zustimmung hat diese Regierung sowieso nicht, solange Mubarak nicht endgültig abtritt."

Die Demonstranten haben in der Nacht zum Montag wenig geschlafen, das Militär hat Warnschüsse in die Luft gefeuert. Manche Aktivisten haben sich provozieren lassen und Steine geworfen. "Die Armee will, dass wir hier verschwinden", sagt Mohammed Alwar, der gleich neben dem Ägyptischen Nationalmuseum am Tahrir-Platz vor einem Panzer hockt. "Die haben versucht, uns einzuschüchtern." Die Stimmung war angespannt, im Laufe des Montags beruhigt sie sich wieder. In verschiedenen Zufahrtsstraßen fordern Menschen in Sprechchören den Abtritt Mubaraks und freie Wahlen. Hier und da tanzen ein paar Leute, um sie herum bilden sich Grüppchen. Es ist eine Ansammlung von Hunderten von Mini-Kundgebungen.

Plötzlich rennen Demonstranten auf drei Panzer zu, die Soldaten haben gerade die Motoren eingeschaltet. Die Protestierer schreien, rufen nach Verstärkung, im Laufen heben sie Steine vom Boden. Die Soldaten stellen die Motoren wieder ab. "Das ist typisch", sagt Alwar aus einigen Metern Entfernung. "Die versuchen, ein paar Meter Land zu gewinnen. Jeden Tag fahren sie ein paar Meter weiter Richtung Tahrir-Platz, bis sie ihn irgendwann eingenommen haben. Aber wir haben gelernt, uns zu wehren. Wir lassen nicht zu, dass sie auch nur einen Zentimeter weiter vorankommen." Vor den meisten Panzern haben Demonstranten jetzt Decken ausgebreitet, sie hocken dort, unterhalten sich, lesen, lachen, manche halten Mittagsschlaf.

Mal Schauplatz von Gewalt, dann Freizeitparkstimmung

Die Soldaten stehen auf ihren sandfarbenen Militärfahrzeugen, manche haben Gewehre geschultert. Viele von ihnen sehen verunsichert aus - sie ahnen wohl, dass man sie auf eine sinnlose Mission geschickt hat. Junge Familien spazieren vorbei, auch sie Demonstranten, die ihr Lager auf dem Tahrir-Platz aufgeschlagen haben. Eine Frau fragt einen Uniformierten, ob er ihr Kind auf den Panzer heben würde, damit sie ein Foto machen könnte. Der Soldat blickt sich um, dann nickt er ihr zu und zieht das Mädchen zu sich. Die Frau nimmt ihr Handy und macht ein Bild. Soldat, Frau und Kind lachen - eben noch Schauplatz von Gewalt, jetzt Freizeitparkstimmung.

Was sagt der Soldat zu all dem? Würde er wirklich auf diese Menschen schießen? Wieder schaut er sich um, und als kein Vorgesetzter in der Nähe zu sein scheint, springt er vom Panzer und sagt: "Ich hoffe, dass wir bald alle friedlich nach Hause gehen können." Er ist nervös, will nicht mehr sagen. Kaum hat er diesen einen Satz gesagt, dreht er sich um und klettert wieder auf den Metallkasten. Uniform und Meinungsfreiheit, das passt in dieser Situation nicht zusammen. Die meisten Soldaten schütteln nur den Kopf, wenn man sie etwas fragt.

Das stückweise Vorrücken, die Meter-für-Meter-Taktik, funktioniert nur, wenn niemand zuschaut. Die Zugänge zum Tahrir-Platz werden deshalb kontrolliert, die meisten Journalisten werden weggeschickt. "Die Soldaten sind in Ordnung, jedenfalls tausendmal besser als die Polizei", sagt Demonstrant Alwar. "Wir sind gegen Gewalt. Ich glaube, die meisten Soldaten haben das kapiert." Er hoffe nur, dass das Interesse der Welt an den Ereignissen in Ägypten nicht nachlasse. "Denn dann gehen die hier gnadenlos gegen uns vor."

Auch Alwar telefoniert ständig. Ein Freund berichtet ihm, dass Vertreter der Muslimbruderschaft gerade betont hätten, sie würden keinen Kandidaten der Opposition bevorzugen, sondern erst einmal abwarten. Außerdem kommt die Nachricht am Tahrir-Platz an, Mubarak plane angeblich seine Flucht nach Deutschland. Alwar legt auf und sagt: "Sollen die den doch nehmen, wenn sie ihn so lieben. Dann könnte für uns endlich eine neue Zukunft beginnen."

"Keine Revolution, sondern eine langfristige Bewegung"

Wer an seine Stelle treten soll, wissen auch die Demonstranten nicht. Die politische Lage ist so unübersichtlich wie die Situation am Tahrir-Platz. Am Sonntagabend rief Ahmed Zewail, Chemienobelpreisträger von 1999 und Professor am California Institute of Technology im amerikanischen Pasadena, zu einer Pressekonferenz in ein Luxushotel. Er berichtete Journalisten von der Lage, forderte Reformen und versprach eine bessere Zukunft für Ägypten. Leute wie Zewail, prominent, aber politisch unerfahren, bringen sich jetzt für künftige Machtposten in Position.

Mohamed ElBaradei

"Was verstehen diese Leute von Ägypten, nachdem sie Jahrzehnte im Ausland gelebt haben?", schimpft Aktivist Hewedy. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen , ehemaliger Generaldirektor der Internationalen Atomenergieagentur und Friedensnobelpreisträger von 2005. ElBaradei, der in Wien lebt, fordert Neuwahlen erst für 2012. Die Opposition brauche Zeit, sich zu organisieren, schnelle Wahlen würden nur den islamistischen Muslimbrüdern nutzen, sagte er. "Plötzlich tauchen hier Leute wie ElBaradei auf, die uns vorher den Rücken gekehrt haben", sagt Demonstrant Awwad. "Was haben die gegen die Muslimbrüder? Wenn das ägyptische Volk sie in wirklich freien Wahlen an die Macht wählt, dann soll das so sein. Das müssen Leute wie ElBaradei und das muss auch der Westen kapieren."

Das Fehlen einer einigenden Führungsfigur, die die Menschen hinter sich scharen und machtvoll einen Wechsel in Ägypten einleiten könnte, schwächt die Protestbewegung. Die Wende vollzieht sich, wenn überhaupt, in kleinen Schritten: Gespräche hier, Verhandlungen dort, zwischendurch gewaltsame Zusammenstöße. Ein Name, der häufiger als andere fällt, ist Amr Musa. Der Generalsekretär der Arabischen Liga und frühere ägyptische Außenminister ist trotz seiner 73 Jahre bei den jungen Demonstranten beliebt. "Ob er wirklich das Zeug zum Präsidenten hat, muss sich zeigen", sagt Hewedy.

"Das ist ja auch keine Revolution, sondern eine Art Reform, die von den Menschen ausgeht", rechtfertigt Hewedy das Vorgehen der Protestierer. "Wir haben Ausdauer, und wir brauchen auch keine Ratschläge aus dem Ausland, schon gar nicht aus den USA. Die haben uns in der Vergangenheit nicht geholfen, sondern nur missbraucht. Ohne die hätte Mubarak nie 30 Jahre im Amt überstanden."

In die Proteste gegen Mubarak mischt sich zunehmend auch Verärgerung über Washington. Als die Nachricht von Barack Obamas Forderung nach einem "geordneten Übergangsprozess" am Montagmittag auf dem Tahrir-Platz die Runde macht, sagen manche, der solle "bitte seinen Mund halten". Alle Hoffnungen, die das ägyptische Volk auf den US-Präsidenten gesetzt habe, hätten sich nicht erfüllt. Jetzt möge er den Ägyptern "kluge Ratschläge" ersparen.

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