Schlusswort vor Gericht Chodorkowski rechnet mit Russlands politischem System ab

Notfalls bis zum Tod - so lange wolle er im Gefängnis um Gerechtigkeit kämpfen, sagte der inhaftierte Kremlgegner Michail Chodorkowski. Sein Schlusswort vor einem Moskauer Gericht nutzte der frühere Öl-Magnat zur Abrechnung mit dem politischen System in Russland.

Michail Chodorkowski hofft auf einen Freispruch: "Hoffnung ist das Wichtigste im Leben."
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Michail Chodorkowski hofft auf einen Freispruch: "Hoffnung ist das Wichtigste im Leben."


Moskau - Ein Freispruch scheint unwahrscheinlich, doch der seit 2003 inhaftierte Michael Chodorkowski will die Hoffnung nicht aufgeben. Notfalls sei er auch bereit, für seine Überzeugungen im Gefängnis zu sterben, sagte der 47-Jährige in seinem Schlusswort vor einem Moskauer Gericht. "Mein Glaube ist mehr wert als das Leben", so Chodorkowski.

In leidenschaftlichen Worten sagte der frühere Öl-Magnat, von dem Urteil hänge das Schicksal der Nation ab. Sein Fall sei ein "Symbol für Justizwillkür". Es werde entschieden, ob Russland ein faires Justizsystem und eine freie Gesellschaft bekomme oder ob es weiterhin korrupt und undurchsichtig bleibe. "Er appellierte an Richter Viktor Danilkin, unter den Augen der Weltöffentlichkeit "unabhängig und mutig" einen Freispruch zu verkünden. Nur so könnten die Menschen in Russland hoffen, eines Tages in Freiheit zu leben und der Justiz des Landes zu vertrauen.

"Auch wenn niemand glaubt, dass vor einem Moskauer Gericht ein Freispruch möglich ist, so will ich dennoch darauf hoffen. Hoffnung ist das Wichtigste im Leben", so Chodorkowski. Zuhörer im Gerichtssaal applaudierten und forderten die Freilassung des Inhaftierten.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine neue Gefängnisstrafe für den Inhaftierten gefordert. Damit käme der frühere Chef des inzwischen zerschlagenen Konzerns Yukos erst 2017 auf freien Fuß. In dem international umstrittenen Verfahren wegen Unterschlagung von 218 Millionen Tonnen Öl will das Gericht am 15. Dezember das Urteil verkünden. Der Prozess steht in der Kritik, politisch gesteuert zu sein.

Die Verteidigung beantragte einen Freispruch, weil sie die Anklage für eine politische Inszenierung und freie Erfindung hält. Chodorkowski ist einer der schärfsten Kritiker von Regierungschef Wladimir Putin, der den Vorwurf einer politischen Steuerung des Verfahrens stets zurückgewiesen hat. Allerdings hatte der ehemalige Präsident das frühere Yukos-Management zuletzt wiederholt mit Auftragsmorden in Verbindung gebracht. An deren Händen klebe Blut, hatte Putin gesagt. Chodorkowski hatte stets geäußert, dass er wohl im Gefängnis bleiben müsse, solange Putin an der Macht ist.

Der frühere russische Regierungschef Michail Kasjanow lobte Chodorkowski nach Angaben der Agentur Interfax dafür, dass er sich trotz der Jahre im Gefängnis nicht habe brechen lassen von den Machthabern. Russland, warnte er, drohe bei einer Verurteilung des Regierungsgegners erneut ein internationaler Ansehensverlust. Bereits am Montag hatte Bundesaußenminister Guido Westerwelle "sehr ernsthafte Besorgnis" über das Verfahren geäußert.

sko/hut/dpa/dapd



insgesamt 9 Beiträge
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rabenkrähe 02.11.2010
1. Politischer Gefangener
Zitat von sysopNotfalls bis zum Tod - so lange wolle er im Gefängnis um Gerechtigkeit kämpfen, sagte der inhaftierte Kremlgegner Michail Chodorkowski. Sein Schlusswort vor einem Moskauer Gericht nutzte der frühere Öl-Magnat zur Abrechnung mit dem politischen System in Russland. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,726773,00.html
..... Schön, daß er das getan hat. Nur wird sein Urteil nur um so herber ausfallen. Schließlich ist er der namhafteste politische Gefangene eines real-diktatorischen Regimes. rabenkrähe
genesys, 02.11.2010
2. Mal nachdenken
Wie ist Herr Chordorkowski eigentlich so schnell an die vielen Öl-Milliarden gekommen? Durch ehrliche harte Arbeit doch wohl eher nicht.
silenced 02.11.2010
3. <->
Nun, wer sich die Geschichte Chodorkowskis anschaut, wird sicher ins Grübeln kommen, der eine ist 10 Pfennig wert und der andere einen Groschen, alles Pack oberhalb einer bestimmten 'Grenze'.
vantast64 02.11.2010
4. Rußland sollte sich schämen
Ein so großes Land, mit so vielen hervorragenden Menschen, Musikern, Künstlern, Dichtern, Mathematikern, Metallurgen, Ingenieuren, unter einer niederträchtigen Führung durch einen halbstarken, nicht erwachsen gewordenen Hell-Angel namens Putin, und es hat ein durch und durch korruptes Justizsystem, hoffen wir, daß die große Gier dieses Land nicht ganz zerfrißt.
Mueller-Luedenscheid 03.11.2010
5. Ausgerechnet Kasjanow, na denn
Was muss ich da lesen? "Der frühere russische Regierungschef Michail Kassjanow lobte Chodorkowski nach Angaben der Agentur Interfax dafür, dass er sich trotz der Jahre im Gefängnis nicht habe brechen lassen von den Machthabern."? Dazu muss man wissen, dass der seinerzeit unter der Ägide des von seinem Amtsvorgänger Jelzin ernannten Übergangspräsidenten Putins zur Macht gekommene Kassjanow, der auch einmal das Amt des Ministerpräsidenten inne hatte, unter den Eingeweihten und in der Bevölkerung als "Michael 1%" bekannt war und ist. "Michael 1%" deswegen, weil von jedem öffentlichen Auftrag der über seinen Tisch ging - und es gingen viele - 1% der Auftragssumme bei Kassjanow hängengeblieben sein soll. Kassjanow wurde unter dem nunmehr gewählten Präsidenten Putin geschasst. Protestrufe hat das in der russischen Bevölkerung nicht ausgelöst und das nicht nur deshalb, weil, wie ja mancher gleich befürchten könnte, man für diesen Protest nach Magadan verfrachtet worden wäre. Man war in der Bevölkerung einfach froh den Mann vom Stamme "Nimm" loszusein. Dass das Lamm Kassjanow auch sonst gute "Nehmerqualitäten" aufweißt, wird klar, wenn man weiterhin weiß, daß die einstige Datscha des Sekretärs des ZK der KPdSU Michail Andrejewitsch Suslow nach dessen Tod auf welchem Wege auch immer in die Hände von Kassjanow kam. Die mußte er dann auch wieder rausrücken. Insgesamt kann bezüglich Kassjanow feststellen, na wenn das kein "gut beleumundeter" Kronzeuge für Khodorkovski ist, dann weiss ich mir auch nicht weiter zu helfen.
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