Schmutziger US-Wahlkampf Gerüchtekrieg gegen McCain - Favorit in der Defensive

Jetzt geht die Schlammschlacht los: John McCain, Vorwahlfavorit der Republikaner, kämpft um seinen Ruf. Hatte er eine Affäre mit einer Lobbyistin? Sexgerüchte gehören seit je zum US-Wahlkampf und haben schon viele Kandidaturen beerdigt - die Wahrheit zählt dabei wenig.

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Hamburg - Es sind Geister der Vergangenheit, die John McCain in diesen Tagen einholen. Untreue und Prinzipienlosigkeit - das sind Vorwürfe, die jeden Bewerber um ein politisches Amt in den USA schneller aus dem Rennen werfen, als deren Wahlkampfstrategen dementieren können. Das hat sich bereits bei McCains Niederlage gegen George W. Bush im Vorwahlkampf 2000 gezeigt, und auch jetzt stehen McCains Berater mit dem Rücken zur Wand.

Wahlkämpfer McCain: "Alles nicht wahr"
AP

Wahlkämpfer McCain: "Alles nicht wahr"

2000, ausgerechnet - die neuen Vorwürfe beziehen sich auf eben jenes Jahr, in dem McCain eine der bittersten Niederlagen seiner Karriere einstecken musste. Eine Beziehung soll der Senator zu der Lobbyistin Vicki Iseman damals gepflegt haben; Berater des Politikers waren laut "New York Times" überzeugt, dass sie schon "romantisch" war - traditionell eine Umschreibung dafür, dass zwei Menschen miteinander intim geworden sind.

Die Zeitung deutete an, McCain habe Isemans Klienten bei seiner politischen Arbeit begünstigt. Die "Washington Post" zitierte einen langjährigen Berater McCains mit der Aussage, er habe Iseman im vergangenen Jahr aufgefordert, sich von McCain fernzuhalten. Iseman und McCain hätten eine Affäre dementiert, hieß es in beiden Zeitungen.

Und dabei bleibt McCain - er sieht sich als Opfer einer Rufmordkampagne. "Ich habe sehr viele Freunde in Washington", sagte der Senator heute in einer Stellungnahme. Iseman habe keinerlei Einfluss auf seine gesetzgeberische Arbeit gehabt. Das letzte Mal sei er der Lobbyistin "vor einigen Monaten" begegnet, sagte McCain. "Ich bin sehr enttäuscht über den Artikel der 'New York Times', das ist alles nicht wahr."

Die Wahrheit zählt in solchen Fällen aber mitunter weniger, als McCain lieb sein kann. Und wer wüsste das besser als er: Der Vorwahlkampf im Jahr 2000 gegen seinen Kontrahenten Bush ging als einer der schmutzigsten in die Geschichte der USA ein.

Lobbyistin Iseman: "Romantische Beziehung" mit dem Republikaner?
AFP

Lobbyistin Iseman: "Romantische Beziehung" mit dem Republikaner?

Kurz vor der Entscheidung im Bundesstaat South Carolina - die als richtungsweisend für die spätere Kandidatur bei den Republikanern galt - klingelten bei etlichen Wählern im Februar die Telefone. Die Anrufer, die sich als Meinungsforscher ausgaben, sollen laut "New York Times" gefragt haben: "Wenn Sie wüssten, dass John McCain Vater eines unehelichen schwarzen Kindes ist, würden Sie ihn dann wählen oder eher nicht?" McCains Tochter Bridget hat in der Tat eine dunklere Hautfarbe als der Rest der Familie - was allerdings daran liegt, dass das Mädchen aus einem Waisenhaus in Bangladesch stammt. Die Familie McCain hatte sie adoptiert.

Dann tauchten Flugblätter auf, massenhaft. McCain habe während der Kriegsgefangenschaft in Vietnam seine Kameraden verraten. Er sei psychisch labil. Er sei schwul. Für keine der Behauptungen gab es Beweise - und wer hinter der Schmutzkampagne steckte, ist bis heute unklar. Die Berater von George W. Bush, der von McCains Absturz direkt profitierte, haben jede Beteiligung stets vehement bestritten. Erzkonservative Radio-Talkshow-Größen wie Rush Limbaugh distanzierten sich von der Aktion allerdings nicht.

Selbst als Mitarbeiter aus McCains Stab einige Zettelverteiler auf frischer Tat ertappten, brachte das der Zeitung zufolge keine Klarheit. Ein Mann in einem roten Pick-up habe ihnen die Flugblätter gegeben und gefragt: "Wollt ihr euch 100 Dollar verdienen?" Die Jugendlichen griffen zu und klemmten die Zettel fleißig hinter Scheibenwischer, drückten sie Wählern in die Hand, legten sie an öffentlich zugänglichen Orten aus.

Für die Wahrheit schien sich kaum jemand mehr zu interessieren. Und Gerüchte hin oder her - die Kampagne zeigte Wirkung. McCain verlor South Carolina - und er verlor das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur bei den Republikanern. Im November 2000 zog Bush ins Weiße Haus ein.

Die Geliebte nach Japan verschifft

Schnüffeleien im Privatleben des politischen Gegners haben in den USA eine lange Tradition. 1802 wurde Präsident Thomas Jefferson mit Vorwürfen konfrontiert: Er habe mehrere Geliebte, darunter die Sklavin Sally Hemings. Mit dieser habe er sogar ein Kind gehabt, ließen seine Kontrahenten verbreiten. Jefferson überstand die Kampagne - und die Kongresswahlen jenes Jahres. Wobei die Affäre nach Angaben der "National Genealogical Society" nicht nur ein böses Gerücht war. DNA-Analysen erbrachten kürzlich zwar keine hundertprozentige Klarheit, zeigten allerdings, dass an der Sache etwas dran war.

Beinahe ein Jahrhundert später holte eine Liebschaftsgeschichte aus früheren Tagen Grover Cleveland ein. Die Frau, mit der er ein uneheliches Kind hatte, heiratete einen anderen - das Kind wurde von einer New Yorker Familie adoptiert. Cleveland musste Häme und Spott ertragen, schaffte es dann aber doch ins Amt.

Charakterattacken mussten auch Woodrow Wilson, von 1913 bis 1921 Präsident, und sein Nachfolger Warren Harding über sich ergehen lassen. Wilson, weil er sich nach dem Tod seiner ersten Frau angeblich zu früh einer anderen zugewandt hatte; Harding, weil er eine Affäre mit der besten Freundin seiner Ehefrau anfing. Die Geliebte wurde von seinen republikanischen Parteifreunden schließlich samt Gatte und finanzieller Abfindung nach Japan verschifft. Das war genug. Harding wurde gewählt.

Für John McCain wird es nun allerdings schwieriger. In den Foren von US-Zeitungen jedenfalls brodelt es. Hatte er nun eine Affäre? Hatte er keine? Geht es überhaupt um eine Affäre? Oder vielmehr um politische Bevorzugung? Was beabsichtigt die "New York Times" mit der Veröffentlichung zu diesem Zeitpunkt? Wieso stützt sie sich so enorm auf anonyme Quellen, denen sie kürzlich doch erst abgeschworen hatte?

Für die Wähler läuft es am Ende auf die Frage hinaus: Ist John McCain wirklich der Mann der Prinzipien, als der er sich verkauft? Vor allem die Antwort auf diese Frage wird entscheidend sein für den weiteren Verlauf der Vorwahlen. Eigentlich ist die Nominierung McCain nicht mehr zu nehmen. Eigentlich.

Denn wilde Spekulationen gibt es schon jetzt zuhauf. "Alle drücken sich um die wahre Geschichte herum, weil niemand offen darüber reden darf", schreibt ein User namens "hugues da mousse" im Forum des "Wall Street Journal". "Die wahre Geschichte", orakelt er, "hat nichts mit einer Lobbyistin zu tun, sondern ausschließlich mit der Gattin des Kandidaten - eine Menge Leute kennen die Wahrheit, und das wird sich auch nicht ändern." Was genau er meint, lässt er offen.

Manchmal reicht das schon.



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