Schönheitsindustrie in Südkorea Was stimmt mit meinem Gesicht - und was nicht?

Schönheit ist wichtig in Südkorea, sie entscheidet angeblich über Erfolg in Liebe und Job. Kann man sich dem Druck entziehen? Katharina Graça Peters hat Experten in Seoul gefragt, was sie an ihrem Gesicht ändern würden.

Katharina Peters in einer Schönheitsklinik in Seoul
Suhwa Lee/ SPIEGEL ONLINE

Katharina Peters in einer Schönheitsklinik in Seoul

Von , Seoul und Suhwa Lee (Fotos)


"Ich finde dein Glück", verspricht das Holzschild über Sim Hyeon. Er sitzt an dem Schreibtisch, der am Ende seines schmalen Büros steht, das Licht von der gläsernen Eingangstür scheint nur schwach bis hierher. Sim trägt ein graues buddhistisches Gewand. Er mustert mich. Er wird mir verraten, was mit meinem Gesicht stimmt, oder eben nicht. Und was das für mein Glück bedeutet.

Sim ist eine Art spiritueller Berater, der in Südkoreas Hauptstadt Seoul Horoskope erstellt und in allen Lebensfragen Rat weiß. Und er "liest" in Gesichtern. Die Gesichtszüge spiegelten den Charakter eines Menschen, sogar die Zukunft sei in ihnen angelegt, so erklärt es mir Sim.

Die Stirn verrate, wie erfolgreich jemand bei der Arbeit sei. Die Höhe des Nasenrückens bedeute Unabhängigkeit. Je höher sie sei, desto unabhängiger der Mensch. Ein Verkäufer brauche keinen hohen Nasenrücken, ein Politiker schon. Er sieht mich an. Mein Nasenrücken sei hoch, "aber die Nasenflügel sind zu schmal. Wenn sie breiter wären, könntest du mehr Geld verdienen."

Harmonie und Proportionen seien wichtig im Gesicht, erklärt Sim.
Suhwa Lee/ SPIEGEL ONLINE

Harmonie und Proportionen seien wichtig im Gesicht, erklärt Sim.

"Wenn ich meine Augen operieren lasse, finde ich dann mein Glück in der Liebe?", möchten Sims Kundinnen wissen. Meist kommen Frauen ab Mitte 20 zu ihm. Später höre ich eine junge Koreanerin sagen: "Ich denke über eine Nasen-OP nach. Meine Nasenlöcher stehen hoch, sodass die Leute hineinschauen können." Sim antwortet: "Ja, das kannst du machen. Aber du hast größere Probleme. Siehst du diese Narbe bei deinen Augen? Die würde ich entfernen. Und du hast Grübchen beim Lachen, das ist nicht gut fürs Geldverdienen."

"Gwansang" - die Kunst, das Gesicht zu lesen - wird in Südkorea seit Jahrhunderten praktiziert. Während er mich betrachtet, liegt vor Sim die Zeichnung eines Gesichtes, das mit Strichen und Zahlen unterteilt ist. Über Generationen weitergegebenes Wissen, sagt er. Dass meine Zähne gerade seien, sei gut, "das bringt Erfolg im Job". Im Stillen danke ich meiner Mutter, dass sie für mich als Kind eine gute Kieferorthopädin gesucht hat.

Das Gesicht verrät viel über die Gegenwart und die Zukunft, das Äußere spiegelt das Innere, doch das Schicksal kann man beeinflussen - mit Schönheitsoperationen. In Seoul prallen Moderne und Tradition aufeinander und gehen eine eigentümliche Verbindung ein.

Sim Hyeon lebte zwei Jahre als buddhistischer Mönch in Klöstern, bevor er seinen Laden im Viertel Gangnam der südkoreanischen Hauptstadt Seoul eröffnete.
Suhwa Lee/ SPIEGEL ONLINE

Sim Hyeon lebte zwei Jahre als buddhistischer Mönch in Klöstern, bevor er seinen Laden im Viertel Gangnam der südkoreanischen Hauptstadt Seoul eröffnete.

Von draußen dringt gedämpft das Brausen der Motorräder und das Quietschen der Busse herein. Nicht zufällig berät Sim seine Kundinnen mitten in Gangnam, dem Edel-Viertel von Seoul und zugleich Hochburg der Schönheitschirurgie. Überall Hochhäuser mit verspiegelten Fassaden und dem Versprechen von Perfektion. In fast jedem Gebäude lockt eine Klinik. Eine schmalere Nase, ein niedliches Kinn, alles möglich, nichts Besonderes. Es gibt immer etwas, das man an sich verbessern kann.

In einer Stadt wie Seoul, die an vielen Stellen hässlich sein kann, ist die Schönheit der Menschen unübersehbar. Die meisten Koreanerinnen sind akkurat geschminkt, sie haben reine weiße Haut, die Haare sind glänzend und glatt, die Kleidung ist makellos. Fast jede Frau erzählt, dass Kollegen, Freundinnen oder Verwandte das Aussehen kommentieren.

Ich habe hier zwar keine Tanten, die mich auf meine dunklen Augenringe hinweisen. Aber schon nach wenigen Monaten in der Stadt würde ich nicht mehr ungeschminkt auf die Straße gehen. Das ist auch eine Frage der Höflichkeit: Wer nicht gepflegt zu einem Termin erscheint, dem mangelt es an Respekt.

In Gangnam lassen sich einige Menschen von einem sogenannten "Gesichtsleser" beraten, bevor sie eine Schönheitsoperation vornehmen.
Suhwa Lee/ SPIEGEL ONLINE

In Gangnam lassen sich einige Menschen von einem sogenannten "Gesichtsleser" beraten, bevor sie eine Schönheitsoperation vornehmen.

Es gibt Koreaner, die einen operativen Eingriff als sinnvolle Investition in die Zukunft sehen. Der Arzt einer Klinik wirbt für die beliebte Operation der Lidfalte mit den Worten: "Menschen mit herabhängenden Lidern und kleinen Augen werden oft von anderen hören, dass sie schläfrig, müde und traurig aussehen. Selbst wenn sie lauter und heller sprechen, wird es schwierig für sie sein, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen."

Und welchen Eindruck hinterlasse ich? Vitalität und Jugend auszustrahlen ist wichtig in Korea, graue Haare sind genauso verpönt wie der Eindruck, nicht immer das Beste aus sich herauszuholen. Das "richtige" Gesicht kann zum Erfolg verhelfen, im Job und in der Liebe.

Umfragen belegen das: Demnach bewerten 80 Prozent der einstellenden Manager das Aussehen von Bewerbern als wichtig. Aber dabei geht es doch nicht um eine Karriere als Model, sondern um einen Bürojob? Gesichtsleser Sim meint: "Wer gut arbeitet und hässlich ist, kann nicht erfolgreich sein. So denken viele."

Lehrbuch über "Gwansang", die Kunst, das Gesicht zu lesen. Sie wird in Südkorea seit Jahrhunderten praktiziert.
Suhwa Lee/ SPIEGEL ONLINE

Lehrbuch über "Gwansang", die Kunst, das Gesicht zu lesen. Sie wird in Südkorea seit Jahrhunderten praktiziert.

Harmonie müsse das Gesicht ausstrahlen und über ausgewogene Proportionen verfügen. Weitgehend harmonisch findet er auch mein Gesicht, aber er hat eine schlechte Nachricht. Allgemein sei mein Aussehen in Ordnung, sagt er. "Aber..."

Dieses "Aber…" lässt mich an die jungen Koreanerinnen denken, die sich vergangenes Jahr radikal freigemacht haben von dem Druck, gut auszusehen. Sie schnitten sich die Haare und zerstörten ihre Kosmetika. Ausdauernde Gesichtspflege und Schminken waren für sie zum Zwang geworden, und nun machten sie sich Mut nach dem Motto: "Befrei dich aus dem Korsett." Sie wollten damit das ständige Zweifeln beenden.

"Aber", sagt Sim. "Dein Kinn ist dein Schwachpunkt. Es ist zu klein."

Mein Kinn? Wenn ich in den Spiegel sehe, ärgere ich mich meist über die Falte an meiner Nasenwurzel. Definitiv noch nie habe ich über mein Kinn nachgedacht. Aber nun scheint es Unglück zu bringen. "Das Kinn müsste größer sein und mehr vorstehen. Wenn du daran nicht etwas änderst, wird es dir nicht gut gehen im Alter."

Mein Kinn. Es ist schon das zweite Mal an diesem Tag, dass mein Kinn missfällt. Am Morgen habe ich einen Schönheitschirurgen gefragt: "Wenn Sie mich sehen, was fällt Ihnen auf? Was würden Sie verändern?" Der Arzt schrieb mein Alter auf und kringelte es ein. Ich dachte: Mitte 30 und wahrscheinlich schon zehn Jahre zu spät hier. Dann schob er einen kleinen runden Spiegel vor mich.

Einige U-Bahnhöfe im Seouler Reichenviertel Gangnam sind voll von Werbung für die Schönheitskliniken.
Suhwa Lee/ SPIEGEL ONLINE

Einige U-Bahnhöfe im Seouler Reichenviertel Gangnam sind voll von Werbung für die Schönheitskliniken.

"Sie lachen viel. Lachen Sie noch einmal", sagte er und zeigte auf die Falten an meinen Augen, "sie ziehen sich weit über das Gesicht." "Aber ich mag Lachfalten." "Deswegen würde ich die Falten mit Botox auch nur verkürzen." In Südkorea gehe es darum, weiter natürlich auszusehen - nur eben in einer besseren Version seines Selbst. Botox wäre übrigens auch bei der Stirn ratsam.

100.000 koreanische Won, umgerechnet 76 Euro, würde alles zusammen kosten, rechnete der Chirurg vor, und drei oder vier Monate halten. "Möchten Sie das jetzt gleich machen?" Dann rollte er auf seinem Stuhl heran. "Ihr Kinn ist nicht optimal." Filler hier und da, das würde es voluminöser machen und damit das Gesicht harmonischer erscheinen lassen. Am Morgen hatte ich das Haus noch zufrieden verlassen. Jetzt lachte ich unsicher, sah mein Spiegelbild, und hörte auf. Die Falten.

Als ich danach durch Gangnam ging und die Anzeigen der Schönheitskliniken sah und ihre austauschbar schönen Models mit ihren Kulleraugen, zierlichen Nasen und wohlgeformten Kinnpartien, ertappte ich mich, wie ich auch Passanten musterte und mich fragte: Hat die was gemacht? Hat der Botox genommen?

Das Ideal, das die weiblichen Models propagieren: Porzellanhaut, schmale Nase, große Augen, ein niedliches Kinn.
Suhwa Lee/ SPIEGEL ONLINE

Das Ideal, das die weiblichen Models propagieren: Porzellanhaut, schmale Nase, große Augen, ein niedliches Kinn.

Eine Antwort suche ich noch bei Sim, dem Lebensberater. Er war zwei Jahre lang Mönch gewesen und hatte in Klöstern gelebt, bevor er sein Geschäft öffnete in dem schmalen Haus, das sich zwischen die anderen Gebäude in Gangnam gezwängt zu haben scheint.

Steht dieses Bedürfnis, das Äußere zu optimieren, nicht im Kontrast zur buddhistischen Lehre, die innere Stärke predigt? Dass dauerhaftes Glück nicht in äußeren Dingen zu suchen ist? "Ja, eine Religion wie Buddhismus ist wichtig", antwortet Sim. "Aber die Realität ist anders. Die Kunden haben reelle Probleme. Da kann ich helfen."

Als ich später nach Hause komme, betrachte ich mein Kinn im Spiegel. Würde ich es richten lassen, könnte ich das Schicksal austricksen. Einen Chirurgen hätte ich schon.

Ich mag es so, wie es ist.

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