Plastische Chirurgie in Südkorea Zu schön, um wahr zu sein

Lippen aufspritzen in der Mittagspause, Implantate für einen runderen Kopf: Schönheitseingriffe sind in Südkorea weit verbreitet, auch bei Männern. Sie hoffen auf mehr Erfolg im Job - und bei Frauen.

Suhwa Lee/ SPIEGEL ONLINE

Von , Seoul, und Suhwa Lee (Fotos)


Die letzte Beziehung zu einer Frau ist ein paar Jahre her. Park Jae Hun hofft, dass das jetzt anders wird. Er hat nämlich einiges dafür getan.

Er hat sich die Augenlider und die Nase operieren lassen. Nun werden noch die Konturen an seinem Kinn herausgearbeitet und die Mundwinkel korrigiert. Sie sollen nach oben zeigen, er will freundlicher wirken. Er möchte gern eine schöne Freundin haben, sagt Park. "Vielleicht habe ich so mehr Chancen."

Park, 29 Jahre alt, sitzt in einem Café in Südkoreas Hauptstadt Seoul. Seine Haare lichten sich, manchmal trägt er deshalb eine Perücke, so wie heute. Nach dem Kaffee wird er zu seinem Termin in der Klinik gehen.

Der Arzt Rhee Byung Jun begutachtet das Gesicht von Park Jae Hun.
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Der Arzt Rhee Byung Jun begutachtet das Gesicht von Park Jae Hun.

Wenn man ihn fragt, was er an seinem Aussehen mag, fällt Park nichts ein. Er könne zwar besser auf Menschen zugehen, seitdem er vor zwei Jahren als Videoblogger angefangen habe, sagt er. Allerdings gefalle ihm seither sein Spiegelbild immer weniger: "Vielleicht hat mein Gesicht ein Problem."

Der Druck, gut auszusehen, ist riesig in Südkorea. Weltweit werden hier pro Kopf die meisten Schönheitseingriffe vorgenommen - das beinhaltet sowohl Operationen als auch Injektionen, etwa mit Botox. Vor allem in den Städten wird Selbstoptimierung regelrecht erwartet. Besonders gefragt sind gerade "Petit Seonghyeong" - also "kleine Eingriffe" mit Botox oder Fillern, um das Gesicht zu formen.

Koreaner gehen zum Beispiel auch in die Schönheitsklinik, um bei einer Bewerbung bessere Chancen zu haben - so wichtig ist Attraktivität selbst auf dem Arbeitsmarkt. "Das reflektiert die Haltung der Koreaner gegenüber dem eigenen Körper: Es könnte gut für mich sein, also mache ich es", sagt Joanna Elfving-Hwang von der University of Western Australia, die intensiv zu dem Thema forscht.

Auf dem Bildschirm werden die Gesichtspartien angezeigt, die behandelt werden sollen.
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Auf dem Bildschirm werden die Gesichtspartien angezeigt, die behandelt werden sollen.

"Im Westen werden die vielen Schönheitsoperationen in Seoul oft als Mangel an moralischem Kompass gesehen", so Elfving-Hwang, die auch in Frankfurt gelebt hat. "In Deutschland muss man sich vor einer solchen Operation meist ausführlich rechtfertigen, etwa dass man schon immer unter seiner Nase gelitten hat." In Seoul bieten manche Kliniken an, in der Mittagspause die Lippen aufspritzen zu lassen. 30 Minuten Vorbereitung, zehn Minuten Injektion, fertig.

Auch bei Park Jae Hun geht es schnell. Nachdem die Betäubungscreme gewirkt hat, liegt er auf einer Liege in einem cremefarbenen Raum. Zehn Stiche setzt der Arzt um die Lippen herum, nach neun Minuten sind die Mundwinkel aufgespritzt. Nach vier weiteren Minuten ist der Eingriff am Kiefer beendet.

Park setzt sich eine schwarze Atemschutzmaske auf, um sein Gesicht zu verdecken. Auf die Frage, ob er sich jetzt anders fühle, lacht er nur. Längst ist so ein Arzttermin nichts Besonderes mehr für ihn. Im Internet wird er später von der Klinik schwärmen und muss dafür den Eingriff nicht bezahlen.

Die Eingänge vieler Kliniken sind sorgfältig gestaltet, einige wirken wie Hotellobbys.
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Die Eingänge vieler Kliniken sind sorgfältig gestaltet, einige wirken wie Hotellobbys.

Die Bewertungen im Netz sind wichtig, die Kliniken konkurrieren um jeden Kunden. In einigen Straßenzügen des wohlhabenden Viertels Gangnam locken in fast jedem Hochhaus eines oder mehrere Zentren für ästhetische Eingriffe. Die Eingangsbereiche muten mit ihren Marmortresen und Ledersofas an wie Hotellobbys. Dort laufen auch besonders viele Leute mit Atemschutzmasken herum, selbst wenn die Luft sauber ist.

2330 plastische Chirurgen praktizieren in Südkorea, nirgendwo sonst kommen mehr Schönheitschirurgen auf jeden Einwohner des Landes. In Apps wie Gangnam Unnie können Nutzer vorab Fotos von sich hochladen und sich auch online von Kliniken beraten lassen.

Es sind jedoch nicht nur Einheimische, die sich in Südkorea verschönern lassen wollen. Schon am Hauptstadt-Flughafen begrüßt ein Schalter die sogenannten Medizintouristen aus aller Welt, die meisten kommen aus China. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der ausländischen Besucher, die für einen Eingriff nach Südkorea reisen, 2018 um 37 Prozent gestiegen. In einigen Paketen ist der Shuttle Service vom Airport eingeschlossen, neben der medizinischen Prozedur wird zudem eine Touristenführung angeboten. All dies hat Seoul den Titel "Welthauptstadt der plastischen Chirurgie" eingetragen.

Das Viertel Gangnam in der Hauptstadt Seoul gilt als Zentrum der Schönheitsindustrie in Südkorea.
Suhwa Lee/ SPIEGEL ONLINE

Das Viertel Gangnam in der Hauptstadt Seoul gilt als Zentrum der Schönheitsindustrie in Südkorea.

Die meisten Operationen in Südkorea werden an Nase und Auge - für eine zweite Lidfalte - durchgeführt, auch die riskante Kinnoperation wird zunehmend beliebter. Doch perfekt ist eben oft nicht perfekt genug. Der neueste Trend ist, sich den Kopf mit Implantaten rund formen zu lassen, um im Profil gut auszusehen.

"Manche Zwanzigjährige geben mir das Bild eines Popstars und sagen, dass sie so aussehen möchten", erzählt Rhee Byung Jun, der als Schönheitschirurg bei BK Plastic Surgery arbeitet. Einige Operationen habe er allerdings abgelehnt.

Das koreanische Schönheitsideal wird von niemandem so konsequent vorgelebt wie von diesen jungen Stars mit ihren feinen - oft operierten - Gesichtszügen, ihrer Porzellanhaut und den glänzenden Haaren.

Schon beim Eingang zur U-Bahnstation Sinsa ist Werbung für die die Kliniken zu sehen. Oft sind auch die Ärzte auf den Anzeigen zu sehen, die für sich werben.
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Schon beim Eingang zur U-Bahnstation Sinsa ist Werbung für die die Kliniken zu sehen. Oft sind auch die Ärzte auf den Anzeigen zu sehen, die für sich werben.

Die U-Bahnhöfe von Gangnam sind voll von Werbung für die Kliniken. Doch einigen Koreanern reicht es offenbar. Nach mehr als tausend Beschwerden, dass damit ein "ungesundes, verzerrtes Körperbild" vermittelt werde, hat die Seouler Metro die Verträge mit den Anzeigenkunden gekündigt.

Feministinnen prangern das Schönheitsideal schon länger vehement an - es sei Teil einer Kultur, die auf männliche Bedürfnisse ausgerichtet sei, die Frauen zu Objekten mache und unrealistische Körperbilder vermittle.

80 Prozent der Kunden sind laut Kliniken Frauen. Die "Älteren" orientieren sich jedoch nicht an Popstars, sondern beschäftigen sich vor allem mit dem Thema Anti-Aging: So setzen Koreanerinnen ab Mitte 30 viel auf Injektionen wie Botoxspritzen oder Filler, um jünger auszusehen.

"Die meisten Menschen wollen schön sein", sagt der Arzt Suh Dong Hoon. Hier macht er beim Patienten Park Tae Ha ein Laser-Lifting.
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"Die meisten Menschen wollen schön sein", sagt der Arzt Suh Dong Hoon. Hier macht er beim Patienten Park Tae Ha ein Laser-Lifting.

Zunehmend geraten aber auch Männer in den Sog der Schönheitsindustrie. Gerade für die Jüngeren werden gutes Aussehen und Fitness immer wichtiger, sagt Professorin Elfving-Hwang. "Die K-Pop-Ästhetik begünstigt das - junge Männer dürfen sich um ihr Aussehen kümmern." Und sie seien bereit, viel zu investieren.

So wie der 33 Jahre alte Park Tae Ha, der von sich sagt: "Ich möchte natürlich aussehen. Aber ich möchte auch besser aussehen als andere." Er macht seit Jahren immer wieder Diät, hat breite Schultern, akkurat geschnittene schwarze Haare und glatte Haut. Sehr glatte Haut.

Vor vier Jahren hat er mit Botox angefangen, seither hat er sich weitere fünf Mal spritzen lassen. 20 Mal hat er mit Laser sein Gesicht behandeln lassen. Vier Mal hat er Injektionen in die Kieferpartie bekommen.

Park Tae Ha lässt seine Haut auch mit Ultraschall behandeln.
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Park Tae Ha lässt seine Haut auch mit Ultraschall behandeln.

Anfang April sitzt er mit heißem und pochendem Gesicht im "Vip-Room" der Yonsei Nanum Clinic. Er hat wieder Injektionen bekommen, um symmetrischer, straffer und markanter auszusehen. Hat Laserblitze über seine Haut niederfahren lassen und mit Ultraschall die Haut liften lassen. Der Effekt wird ein Jahr halten. Wenn er abebbt, will Park wiederkommen, auch wenn es wehtut.

Einige Kilometer entfernt lebt sich am folgenden Tag in der Clinic Gyul der Arzt Choi Chul beim "Loc 'n Roll" aus. Er hat sich diesen Begriff ausgedacht. Es ist eine Kombination aus "V-Loc Lifting", bei dem die Haut durch Fäden geliftet wird, und "Needle Shaping", bei dem mit Akupunkturnadeln und elektrischem Strom die Gesichtshaut optisch verjüngt wird.

Auf der Liege vor ihm im Operationsraum liegt Kim Myeong Hye, 59 Jahre alt, Hausfrau aus Seoul. Fast alle ihre Freundinnen nehmen Botox gegen Falten an Augen und Stirn. Eine hat ihr zu dem jetzigen Eingriff geraten.

Kim Myeong Hye betrachtet sich nach ihrer Behandlung im Spiegel.
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Kim Myeong Hye betrachtet sich nach ihrer Behandlung im Spiegel.

"Frauen sollten sich immer Mühe mit ihrem Äußeren geben", sagt Kim vor ihrem Eingriff, "ich werde das bis zum Ende meines Lebens tun." Sie wolle die Zeit im Ruhestand genießen, Koreaner lebten schließlich sehr lang. Dazu gehöre für sie, neue Hobbies zu entdecken, Golf zu spielen - und ins eigene Aussehen zu investieren.

Mit ihrer 41 Jahre alten Tochter spreche sie oft über Schönheit, vielleicht wird sie ihr das "V-Loc Lifting" empfehlen. Schon mit Anfang zwanzig habe ihre Jüngste sich die Augenlider operieren lassen. "Je früher man die OP macht, desto besser", sagt Kim, "dann hat man länger etwas vom neuen Gesicht."

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insgesamt 11 Beiträge
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AttaTroll 26.05.2019
1.
Natürliche Schönheit war und ist ein Alleinstellungsmerkmal. Geht man durch unsere Städte und über die Dörfer, fällt die sparsame Verteilung menschlicher Schönheit durch die Natur auf. Aber wie sagt schon der Alte aus Weimar: Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen, Verziertes aber spricht der Menge zu. Johann Wolfgang von Goethe, Die natürliche Tochter, 1803. Originaltext. 2. Akt, 5. Szene, Eugenie zur Hofmeisterin
rheinufer9365 26.05.2019
2. Abgesehen davon,
dass die südkoreanischen Schönheitschirurgen längst zu den besten der Welt gehören und immer mehr Japaner, aber auch Europäer und Amerikaner dort solche Operationen durchführen lassen, sind reiche Koreaner oft gar nicht mit den Resultaten zufrieden. Inzwischen gibt es eine Menge Scheidungen die solche Eingriffe als Grund angeben. In dem sie eine schöne Frau heiraten hoffen sie, auch schöne Kinder zu bekommen, wenn dem gar nicht so ist und sie Bilder der Angetrauten wie sie vor den Operationen aussah zu sehen bekommen, die man eigentlich vernichtet glaubte, ist die Ehe oft dahin.
digade 26.05.2019
3. Schönheit
Ich denke das Problem dieser Menschen liegt ganz woanders
hegoat 26.05.2019
4.
So sieht die Zukunft aus. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser Trend - wie jeder andere auch - nach Europa und Deutschland überschwappt. Gestern schrieb SPON hier einen Artikel über K-Pop, Für Leute meiner Altersgruppe vollkommen unverständlich, aber die 13- bis 15-Jährigen füllen mitterweile ganze Stadien, wenn koreanische Boy- oder Girlgroups aufspielen.
krebs-frau 26.05.2019
5. Schönheit
ist seit Menschengedenken ein Sehnsuchtsziel. Heutzutage ist es dank der Kosmetikindustrie und der Chirurgie einfacher geworden, den viel gerühmten inneren Werten auch ein ansehnliches Äußeres zu verschaffen. Dass dabei immer häufiger auch Skurriles entsteht, liegt an den unterschiedlichen Schönheitsidealen und immer ausgefeilteren Techniken. Ob die vielfach Optimierten dann auch glücklicher sind, ist ein anderes Thema.
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