Neue Umfrage zur Unabhängigkeit Schotten auf Spaltungskurs

Es wird extrem knapp: Zwei Wochen vor dem schottischen Referendum holen die Separatisten rasant auf. Die Spaltung Großbritanniens ist laut Meinungsforscher nun eine "echte Möglichkeit".
Referendum in Schottland: Wohin zieht es die Schotten?

Referendum in Schottland: Wohin zieht es die Schotten?

Foto: Jeff J Mitchell/ Getty Images

"Union auf Messers Schneide", titelte die Londoner "Times" am Dienstag. Es war das zweite Mal binnen weniger Tage, dass eine Zeitung zu dieser alarmistischen Schlagzeile griff. Zum Beweis führte die "Times" eine neue Umfrage an, die einen deutlichen Stimmungsumschwung zugunsten der Unabhängigkeit Schottlands zeigt.

47 Prozent der Schotten wollen laut Meinungsforschungsinstitut YouGov für die Abspaltung von Großbritannien stimmen. Vor einem Monat waren es erst 41 Prozent. Zwar sind die Unabhängigkeitsgegner mit 53 Prozent weiterhin in der Mehrheit, aber die Separatisten holen rasant auf. Das Referendum ist am 18. September, sie haben also noch zwei Wochen Zeit.

Die Unabhängigkeit sei nun eine "echte Möglichkeit", sagte YouGov-Chef Peter Kellner. Die bislang unentschlossenen Wähler wechseln laut der Umfrage mehrheitlich ins Ja-Lager, sind also für eine Abspaltung - und zwar in einem Verhältnis von 2 zu 1. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Unabhängigkeitskampagne besser organisiert ist. 85 Prozent der Befragten gaben an, von der Ja-Kampagne kontaktiert worden zu sein. Von der Nein-Kampagne sagten dies nur 75 Prozent.

Die neuen Zahlen schreckten das Londoner Parlamentsviertel Westminster auf. Bislang war man davon ausgegangen, dass die Schotten bei dem Referendum schon für den Status quo stimmen würden. Dass nun selbst ein vorsichtiges Meinungsforschungsinstitut wie YouGov einen massiven Stimmungsumschwung feststellt, ist ein Schock.

Der Wahlkampfmanager der Nein-Kampagne, Blair McDougall, rief die "schweigende Mehrheit" der Schotten auf, sich in den kommenden Wochen stärker zu engagieren und für den Erhalt des Vereinigten Königreichs zu kämpfen.

Yes-Kampagne: Wir liegen in Glasgow vorn

Die Yes-Kampagne behauptet schon seit Wochen, dass die Umfragen der Realität hinterherhinken. Das No-Lager wiege sich in falscher Sicherheit, heißt es in der Wahlkampfzentrale in der Hope Street in Glasgow. Die Wahlkämpfer, die von Tür zu Tür gingen, meldeten einen klaren Trend, sagt Sprecher Roddy Thomson. In Glasgow liege man bereits vorn, interne Daten zeigten eine Mehrheit von 55 Prozent. Der Ballungsraum mit 1,7 Millionen Einwohnern gilt als wahlentscheidend.

Ein Votum pro Unabhängigkeit würde die britische Regierung hart treffen. Zumindest offiziell plant sie noch nicht für den Ernstfall. Man konzentriere alle Kräfte darauf, die Union zusammenzuhalten, sagte ein Regierungssprecher laut "Financial Times".

In Schottland fiebern die Bürger der Entscheidung entgegen. Abend für Abend zeigt das Fernsehen Sondersendungen zu "Scotland 2014". In endlosen Talkrunden werden die Zuschauer mit den immergleichen Argumenten bombardiert. Doch sie schalten nicht ab, im Gegenteil: Wahlkämpfer stellen eine massive Mobilisierung fest. "Die Leute registrieren sich in Scharen zum Wählen", sagt Sprecher Thomson.

Seine Yes-Kampagne freut sich über den neuen Schwung in den letzten Tagen. Trotzdem warnt Thomson vor Übermut. Am Ende stehe immer die Frage: "Wird es reichen?"