Exil-Deutsche zur Unabhängigkeit "Da ging den Schotten die Hacke hoch"

Britisch oder nicht? In zwei Wochen stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit ab, auch im Land lebende Ausländer dürfen ihr Kreuz machen. Drei Deutsche erzählen, wie sie die hitzige Debatte erleben - und was sie selbst wählen.

"Soll Schottland ein unabhängiges Land werden?" Diese Frage müssen die Schotten beim Referendum am 18. September mit Ja oder Nein beantworten. Wahlberechtigt sind auch alle EU-Bürger über 16 Jahre, die ihren Wohnsitz in Schottland haben. Zehntausende Deutsche können so über die Aufspaltung des Vereinigten Königreichs mit entscheiden - eine große Verantwortung.

Uni-Dozent Heinrich: "Bewundernswert, aber nicht gut durchdacht"

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Foto: SPIEGEL ONLINE

Anselm Heinrich, 43, Dozent für Theaterwissenschaften an der Uni Glasgow, stammt aus Schwerte, seit 2006 in Schottland

Seit einigen Tagen läuft mein Kollege Simon mit einem großen "Yes"-Button rum. Und ich dachte immer, er sei vernünftig. Ich habe schon per Brief mit Nein gestimmt. Meine Frau Anne auch. Für Nein einzutreten, ist ein bisschen peinlich. Ich würde mir nie einen "No"-Sticker auf den Kühlschrank kleben. Ich kenne keinen, der offensiv für Nein ist. Die netten, interessanten Leute sind alle für Yes.

Es ist schon ein komisches Gefühl, über die Zukunft eines Landes abzustimmen, in dem wir vielleicht nicht bleiben. Aber mein Wahlrecht hat nie jemand infrage gestellt. Die Schotten sind sehr offen gegenüber Ausländern.

Ich halte es für eine romantische Vorstellung, dass die Schotten das allein schaffen. Was für Geld soll denn reinkommen? Das Öl ist irgendwann weg. Wie soll der Lebensstandard gehalten werden? Der Vergleich mit Norwegen hinkt. Dort hat man jahrelang gespart, der Ölfonds enthält eine Billion Dollar. In Schottland wurde nichts gespart.

Das "Yes we can"-Denken ist bewundernswert, aber nicht gut durchdacht. Ich habe Angst um Schottland. Ich mache mir auch Sorgen um meinen Job. Die Universitäten sind Zuschussbetriebe, die Forschungsgelder kommen von britischen Fonds. Werden die englischen Studenten noch Studiengebühren zahlen? Meine Fakultät ist absolut darauf angewiesen. Es gibt so viele Fragezeichen.

Ein Mädchen in der Klasse meiner Tochter hat erzählt, dass ihre Familie nach England zieht, wenn Schottland unabhängig wird. Jetzt bitten alle Freundinnen ihre Eltern: Bitte stimmt mit Nein. Meine Tochter hat auch gefragt, ob dann eine Mauer zwischen England und Schottland gebaut wird.

Brauerei-Inhaberin Wetzel: "Da ging den Schotten die Hacke hoch"

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Foto: David Anderson

Ich finde es gut, dass so leidenschaftlich diskutiert wird. Jeden Tag bekennen sich irgendwelche Prominente, wie sie abstimmen werden. Es ist ein bisschen wie ein Coming-out. Es gibt auch viele gute Ideen. Der Theatermacher Kieran Hurley lädt alle Unentschlossenen zu sich nach Hause ein, um sie vom Yes zu überzeugen. Es ist ein historischer Moment, der alle elektrisiert.


Petra Wetzel, 39, Gründerin der West-Brauerei in Glasgow, geboren in Franken, seit 1994 in Schottland

Ich habe mich mit 13 bei einem Schüleraustausch in Schottland verliebt. Gleich nach der Schule bin ich dann hergezogen. Emotional bin ich für die Unabhängigkeit. Hundertprozentig Yes. Aber ich bin Unternehmerin, ich gucke gerne auf den Penny, und ich verstehe den schottischen Haushalt nicht. Ich weiß nicht, was die an Einnahmen und Ausgaben haben. Ich werde mich erst am Morgen des Referendums entscheiden.

Wenn ich heute abstimmen müsste, würde ich mit Ja stimmen. Ich bin da ein bisschen Abenteurerin, und ich habe nichts zu verlieren. Ich habe keine wirtschaftlichen Beziehungen zu England. Ich hatte immer gedacht, dass es nicht genug gute Leute hier gibt, um das Land zu regieren. Aber es gibt reichlich Talent. Die Regionalregierung macht einen guten Job.

Ein Vorteil der Unabhängigkeit wäre, dass Schottland sozialer eingestellt wäre als Großbritannien. Und ich könnte endlich meine Regierung wählen. Es hat mir immer schon gestunken, dass ich als Deutsche bei den Unterhauswahlen nicht mitstimmen darf. In Schottland ist das kein Problem.

Die Engländer sind die Debatte komplett falsch angegangen. Sie hätten den Schotten schmeicheln müssen, sie hätten sie anbetteln müssen zu bleiben. Stattdessen haben sie gesagt: Ihr dürft das Pfund nicht haben. Da ging den Schotten die Hacke hoch. Die Schotten sind da sehr eigen, ähnlich wie die Bayern. "Pfopfer" sagt man bei uns in Franken. Das ist einer der Gründe, warum ich mich hier so wohlfühle. Die Engländer haben die schottische Mentalität unterschätzt.


Dokumentarfilmer Mohaupt: "Glücklicherweise von Ja-Sagern umgeben"

Dokumentarfilmer Mohaupt: "Glücklicherweise von Ja-Sagern umgeben"

Foto: Holger Mohaupt

Holger Mohaupt, 51, Dokumentarfilmer und Fotograf, seit 1995 in Schottland

Ich finde es gut, dass Ausländer beim schottischen Referendum mitwählen dürfen. Es erlaubt allen, die hier leben, auf gleicher Augenhöhe zu diskutieren. Ich werde mit Ja stimmen. Es wird Zeit, dass die Schotten selbst Verantwortung für sich übernehmen. Dann hat endlich das Jammern ein Ende. An allem sind die Engländer schuld. Der Hass ist manchmal ziemlich unangenehm. Letztlich geht es bei dem Referendum um die Frage: England ja oder nein.

Mir geht es nicht um die Unabhängigkeit von England. Ich will in der EU bleiben. Viele Engländer wollen raus. Die Schotten sind näher an Europa, und ich bin stolz, Teil der EU zu sein.

Das Referendum hat das Land polarisiert. Eine Nachbarin meiner Schwiegereltern hat einen "Nein"-Aufkleber hinten auf dem Kofferraum. Neulich ist ihr einer reingefahren. Absichtlich, sagt sie, wegen des Aufklebers. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Das Thema ist überall, selbst in der Kneipe wird darüber diskutiert. Ich bin glücklicherweise von Ja-Sagern umgeben, in meinem Freundeskreis stimmen alle mit Ja.

Ich glaube nicht, dass Schottland unabhängig wird. Die meisten Leute wollen das Wagnis nicht eingehen. Sie sind zu konservativ und wollen ihren Alltag nicht ändern. Die schweigende Mehrheit wird mit Nein stimmen.

Aufgezeichnet von Carsten Volkery
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