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Dundee in Schottland: Zu Besuch in der "Yes-City"

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Schottisches Dundee vor Referendum Stadt der Spalter

Eine Wohnung in der St. Andrew Street im schottischen Dundee ist die Herzkammer der Abspaltungsbewegung. Wer sind die Leute, die nur eines eint: ihr Zorn auf die Polit-Clique von Westminster?

Es ist hektisch in der Zentrale der Ja-Sager. Sie haben sich in einer engen Zwei-Zimmer-Wohnung ausgebreitet, mit dem Charme einer chaotischen Studenten-WG: Blau bemalte Holzdielen, Tassen und Getränkedosen liegen umher, aufgerissene Gummibärchentüten, Pappboxen und Kartons. "Fühlen Sie das?", fragt Colin Mackenzie und breitet die Arme aus: "Diese Energie? Ist die nicht wunderbar?"

Über sein blau-weiß-gestreiftes Bürohemd hat sich der 54-Jährige nach Feierabend ein lockeres T-Shirt gezogen, für ihn starte die Arbeit erst jetzt, sagt er. "Yes" prangt auf seiner Brust - ein Ja für die Ablösung von Großbritannien. Die drei Buchstaben sind in der Wohnung in der St. Andrew Street im schottischen Dundee überall. "Wir schreiben hier Geschichte", sagt Mackenzie.

Dundee, rund 90 Kilometer nördlich von Edinburgh gelegen, hat knapp 160.000 Einwohner - und in kaum einer anderen Stadt Schottlands gibt es so viele Befürworter der Unabhängigkeit. Als Regierungschef Alex Salmond Anfang Juni in Dundee war, verpasste er der Stadt den Namen "Yes-City". Das blieb hängen. Das mögen sie hier.

Die Schottische Nationalpartei SNP ist die stärkste Kraft im Stadtrat. Und wer durch die Straßen geht, sieht ausschließlich die Stände und Plakate der Ja-Kampagne, die Flaggen, die Sticker an Fensterscheiben, die Buttons an Jacken und Pullovern. Die Schotten können wetten , welche Stadt wohl mit dem höchsten Ja-Anteil aus dem Referendum am Donnerstag hervorgehen wird: Dundee liegt mit weitem Abstand vorne.

80 Prozent Zustimmung

Entsprechend gelöst ist die Stimmung in der Zentrale der Ja-Sager. Sie haben keinen Zweifel, dass Schottland "den Weg in die langersehnte Freiheit gehen wird". Uneinig sind sie sich nur, wenn es um die Höhe der Zustimmung geht, sie schwanken zwischen 52 und 80 Prozent.

Dieses aktive politische Leben, das Organisieren von unten, ist etwas Neues in Dundee, und es ist aufregend. "Zu uns kommen Menschen, die noch nie zuvor in ihrem Leben gewählt haben", sagt Mackenzie, während er Yes-T-Shirts in Regale räumt. "Wir sind ein stolzes Land. Und wir sind es leid, von der Regierung in Westminster zu hören, wir seien zu klein, zu unselbstständig und wertlos." Die Nationalpartei habe in den vergangenen Jahren einen guten Job gemacht, sagt Mackenzie. Sie habe den Menschen wieder Selbstbewusstsein gegeben.

Gerade in der ehemaligen Labour-Stadt Dundee ist das ein wichtiger Aspekt. Sie war einst bekannt für den Schiffsbau, für den Walfang und für die Herstellung von Jute, ein blühendes Industriezentrum an der schottischen Küste. Davon ist kaum etwas geblieben, die Stadt wirbt inzwischen mit zwei großen Einkaufszentren in der Fußgängerzone. Die Menschen auf der Straße, an den Wahlkampfständen, in der Zwei-Zimmer-Wohnung: Sie reden viel von den alten Zeiten. Und dass sich etwas ändern müsse, wenn auch die Zukunft wieder golden werden soll in Dundee.

Das Ja als kleinster gemeinsamer Nenner

Wie das funktionieren soll, wissen die Ja-Anhänger genau. Die gängige Antwort: Wenn Schottland sich erst einmal selbst verwaltet, wird alles besser. Es müsse kein Geld mehr an Westminster abgeführt werden. Und man müsse keine Bevormundungen aus dem fernen London mehr dulden.

Der Ja-Wahlkampf in Dundee ist keine durchstrukturierte Veranstaltung, er wird vielmehr von einem zusammengewürfelten Haufen aus unterschiedlichsten Gruppen geführt: Es gibt Anhänger der "Radikalen", von "Grün für Schottland" oder "Frauen für die Unabhängigkeit". Dutzende solcher Organisationen sind in Dundee aktiv. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist das Ja. Ihr Treffpunkt die Zwei-Zimmer-Wohnung in der St. Andrew Street. Dort holen sie sich Informationsbroschüren ab, T-Shirts, Buttons, Sticker. Dort schimpfen sie auf Westminster und preisen Schottland.

Es arbeiten ausschließlich Freiwillige in der Zentrale, Studenten und Rentner, Männer und Frauen. Selbst zwei Tage vor dem Referendum und trotz der Siegesgewissheit, wollen sie bis zuletzt um jede einzelne Stimme kämpfen. Mackenzie war vor vier Wochen zum ersten Mal in der Wohnung, er wollte sich eigentlich bloß informieren. Dann habe ihn die Aufbruchstimmung angesteckt und er sei hängengeblieben, sagt er. Jeden Tag kommt er inzwischen nach seinem Feierabend her, außerdem samstags. Auch für Donnerstag hat er sich als Freiwilliger gemeldet: Er wird Leute zum Wahlbüro fahren, die den Weg alleine nicht schaffen, er wird Flyer verteilen und die letzten Fragen der Unentschlossenen beantworten.

Zahlreiche Ja-Anhänger sehen in dem Referendum jetzt schon einen Sieg - egal, wie es tatsächlich ausgehen wird. Es gab Zugeständnisse aus London, es gibt vor allem ein neues politisches Selbstbewusstsein. Für Mackenzie ist das nicht genug. "Wer weiß schon, ob Westminster seine Versprechen tatsächlich hält? Das sind nur verzweifelte Versuche, uns in der Union zu halten." Die Drohungen von höheren Steuern oder einem Umzug der Royal Bank of Scotland nach London schrecken ihn nicht. "Das ist mir nicht wichtig. Mir geht es um unsere Kultur und um die Frage, welche Rolle wir in der Welt spielen wollen."

Aber was tun, sollte es doch ein Nein werden? Er wäre bitter enttäuscht, sagt Mackenzie. Er würde sich schämen. "Die ganze Welt würde uns auslachen. Und London."