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Nach dem Referendum: Frust bei den Ja-Sagern

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Schottland nach dem Referendum Die Wahl ist vorbei, die Wunden bleiben

Die Nein-Fraktion hat gewonnen, Schottland bleibt Teil Großbritanniens. Doch der Wahlkampf hat Spuren hinterlassen. Bei den Separatisten herrscht tiefer Frust.

Hamish Turnbull hat die Nachricht verstanden, er kann sie nur noch nicht akzeptieren. "Wir haben tatsächlich verloren", sagt der 22-Jährige. Mit "wir" meint er die Befürworter der schottischen Unabhängigkeit. Turnbull steht vor dem Parlament in Edinburgh, um seine Schultern hat er die Nationalflagge gehängt, an seiner Brust pinnt ein "Yes"-Button. Es regnet, es ist kalt. Und das Endergebnis des Referendums steht fest: Schottland wird Teil des Vereinten Königreichs bleiben.

Turnbull steht in Edinburgh unter Gleichgesinnten. Wie schon während des Wahlkampfes sind auch jetzt die Befürworter der Unabhängigkeit deutlich sichtbarer: Sie sind es, die nachts mit Hupkonzerten durch die Straßen gezogen sind, in Pubs auf ihr Land angestoßen haben - und sich vor dem Parlament versammelt hatten, um ihren Sieg zu feiern. Jetzt betrauern sie ihr Land. Sie halten sich im Arm. Einige weinen, andere schimpfen in die TV-Kameras. Die meisten sehen sich an und können es einfach nicht fassen (lesen Sie hier das Minutenprotokoll der Wahlnacht).

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Referendum in Schottland: Der Tag der Entscheidung

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Nachdem der erste Schock überwunden ist, beginnt für die Yes-Anhänger die Suche nach den Schuldigen für die Wahlniederlage. Sie finden sie in Westminster, in den parteiischen Medien, im Angstwahlkampf der Nein-Fraktion. "Viele Menschen haben sich nicht mehr getraut, mit Ja zu stimmen", sagt Turnbull. Die Rente, die Währung, der Verbleib in der EU - "mit diesen Themen hat die Nein-Kampagne Ängste geschürt. Und gewonnen. Das ist bitter." Es sei nur noch darum gegangen, was drohen könnte - und nicht mehr darum, was möglich gewesen wäre.

"Ich bin immer noch Schottin"

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Wie soll es nun weitergehen, wo die historische Chance vertan wurde?

"Es wird sicher noch lange dauern, bis die Wunden verheilt sind", sagt Elizabeth Pattinson. Auch die 24-Jährige steht vor dem Parlament in Edinburgh, auch sie ist eingehüllt in die schottische Nationalflagge. "Ich bin immer noch Schottin, keine Britin. Auch wenn wir verloren haben", sagt sie. Die kommenden Wochen werden ihrer Ansicht nach eine harte Zeit, die Menschen seien traurig und frustriert. Pattinson arbeitet als Kellnerin in einem Pub, seit Wochen habe es am Tresen nur ein Thema gegeben: Bis du Ja oder bist du Nein. Noch in der Nacht zu Freitag hätten sich die Befürworter der Unabhängigkeit überlegen gefühlt. Sie waren schließlich diejenigen mit der positiven Botschaft und dem Blick nach vorn. "Jetzt sind wir die Verlierer", sagt Pattinson.

Dennoch sieht sie das Referendum positiv. Wenn die Trauer erst einmal überwunden sei, würden sich die Nationalisten wieder aufraffen. Und sich darauf besinnen, dass diese Wahl extrem knapp ausgefallen ist - dass also auch ein großer Teil der Schotten für die Unabhängigkeit gestimmt hat.

"Die Ja-Kampagne hat viel bewirkt, gerade für junge Menschen", sagt Pattinson. Sie habe vereint und Menschen für Politik begeistert, die damit bisher wenig zu tun hatten - so wie sie selbst. "Das Referendum konnte man nicht ignorieren. Es geht um meine Generation, um unsere Zukunft, um die Geschichte unseres Landes." Es sind große Sätze, sie fallen in diesen grauen Morgenstunden im Minutentakt.

Nicht Ja, nicht Nein, sondern Wir

Für Jordan Scott war der Donnerstag eine Premiere: Der 18-Jährige hat noch nie zuvor in seinem Leben gewählt, beim Referendum hat er sein Kreuz bei "Nein" gemacht. Jetzt steht er selbstbewusst vor dem Parlament in Edinburgh, er ist der einzige auf dem Platz, der in einen Union Jack gehüllt ist. Er sei heute Nacht schon in dieser Aufmachung hier gewesen, erzählt er. Es seien vier Nein-Wähler gegen hundert Befürworter der Unabhängigkeit gewesen - und für ihn extrem unangenehm: "Geh nach Hause, verlass unser Land", hätten sie ihm ins Gesicht geschrien. Selbst jetzt, am frühen Morgen, rufen sie ihm noch zu: "Fuck the Union."

Als nachts die ersten Ergebnisse aus den kleineren Wahlkreisen Schottlands vorlagen, war die Stimmung im Ja-Lager noch immer positiv. Und Scott zog vom Platz, er schaute sich die Auszählung daheim vor dem Fernseher an. Erst gegen halb fünf habe er dann realisiert, dass Schottland Teil des Vereinten Königreiches bleibe - und ging wieder auf die Straße.

"Das ist eine große Genugtuung", sagt Scott. "Nachdem ich mich seit zwei Jahren für meine Meinung rechtfertigen und mich anpöbeln lassen musste, kann ich jetzt sagen: Ich habe gewonnen, ihr nicht." Doch er weiß auch, dass seine Euphorie nur von kurzer Dauer sein wird. Heute sei zwar ein guter Tag für ihn. Aber Schottland habe insgesamt verloren. "Die Gesellschaft ist nach diesem Referendum gespalten", sagt er. "Dieser Wahlkampf hinterlässt hässliche Spuren."

Das schottische Parlament werde nun sicher mehr Befugnisse bekommen, sagt Scott. Er hofft, dass bald wieder Normalität einkehrt im Alltag. Dass die vielen Flaggen, Sticker und Schilder mit den drei Buchstaben Y-E-S genauso verschwinden wie die wenigen sichtbaren "No"-Bekundungen. Auch er glaubt, dass noch einige Wochen, wenn nicht Monate vergehen werden, bis sich die Schotten wieder als eine Nation verstehen. "Aber dann geht es hoffentlich nicht mehr bloß um Ja oder Nein." Sondern um das Wir.