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Schottisches Dorf: Zweifel in "Tuckers Bar"

Foto: Andy Rain/ dpa

Schottische Unabhängigkeit Ein Dorf will britisch bleiben

Strichen ist ein grauer Ort an Schottlands Küste, reich gemacht vom Nordseeöl. Hier lebt First Minister Alex Salmond. Er will sein Land in die Unabhängigkeit von den Briten führen. Doch selbst seine Dorfnachbarn sind skeptisch.

Die alte Mühle von Strichen liegt in einem ländlichen Idyll, direkt neben dem grauen Gemäuer plätschert der Mühlbach durch grüne Wiesen. Hier wohnt Alex Salmond, Regierungschef von Schottland und der ambitionierteste Politiker Großbritanniens. Sein Ehrgeiz ist so groß, dass er sich im Herbst als Gründervater eines neuen Landes feiern lassen will.

Am 18. September 2014 sind die vier Millionen schottischen Wahlberechtigten aufgerufen, in einem Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien abzustimmen. Schottlands Stunde sei gekommen, sagt Salmond. Endlich könne man dem "schwarzen Loch" London, das alle wirtschaftliche Aktivität aufsauge, ein starkes "Nordlicht" entgegensetzen.

Salmond ist ein begabter Redner. Doch sein Plan stößt auf erhebliche Skepsis - selbst bei seinen Dorfnachbarn. Strichen ist ein kleines, graues Dorf im Nordosten der Insel. Dank des Nordseeöls ist der Kreis Aberdeenshire eine der reichsten Gegenden des Landes. Wenn jemand sich wegen des Alleingangs keine Sorgen machen muss, dann die Menschen hier.

"Tritt in den Hintern der Soldaten"

Doch wenn sie auf die Unabhängigkeit angesprochen werden, schütteln die meisten den Kopf. "Nein", sagt Brian Johnson. "Das ist nichts für mich. Das ist ein Tritt in den Hintern aller Soldaten, die für Großbritannien gestorben sind." Der 72-jährige Lastwagenfahrer hat selbst acht Jahre in der Armee gedient und empfindet Nostalgie beim Anblick des Union Jack.

Auch die Apothekerin auf der High Street will verhindern, dass Schottland sich von Großbritannien abspaltet. "Ich gehe nicht immer wählen", sagt sie. "Aber im September gehe ich auf jeden Fall. Ich will sicherstellen, dass die Ja-Kampagne nicht gewinnt." Sie könne keinen Sinn in der Unabhängigkeit erkennen, sagt sie. Die Schotten seien doch jetzt schon im Vorteil und müssten für Medikamente nichts zahlen - im Unterschied zu den Engländern.

Besonders groß ist der Widerstand in der älteren Generation. In ihren Augen ist die Unabhängigkeit ein unnötiges Abenteuer. Es laufe gut im Dorf, erklärt die Aushilfsbibliothekarin in der Bücherei. "Viele sehen nicht ein, warum wir Großbritannien verlassen sollten." Zahlreiche Entscheidungen würden ohnehin schon in Edinburgh getroffen, seit die britische Regierung 1998 Zuständigkeiten an das schottische Regionalparlament übertragen habe.

57 Prozent der Schotten gegen Unabhängigkeit

Dazu kommt, dass die Regierung in London erfolgreich Zweifel an Salmonds Plan sät. Die Absage von Schatzkanzler George Osborne an eine Währungsunion zwischen England und Schottland hat einigen Eindruck hinterlassen. Er werde von seiner englischen Firma in Pfund bezahlt, sagt der Elektriker Paul Mills, 50, beim Mittagsbier im Pub "White Horse". Wenn Schottland eine andere Währung hätte, wäre sein Lohn jeden Monat abhängig vom Wechselkurs. "Das würde mich nur Geld kosten."

Die Stimmung in Strichen spiegelt die nationalen Umfragen. Laut der jüngsten Ipsos-Mori-Erhebung sind

  • 57 Prozent der Schotten gegen die Unabhängigkeit,
  • 32 Prozent dafür,
  • 11 Prozent unentschieden.

Die Lager seien aber noch nicht gefestigt, sagt Meinungsforscher Mark Diffley. Es könne sich bis September noch einiges bewegen.

Darauf hofft Michael Notini. Er hat in sein Dachfenster gleich am Ortseingang einen großen "Yes"-Sticker geklebt. "Das ist kein Votum für Alex Salmond, es geht um unsere Unabhängigkeit", sagt der Unternehmer, der die Dörfler mit Feuerholz beliefert. "Wir haben in London eine konservative Regierung, die kein Schotte gewählt hat. Es gibt nur einen Tory-Abgeordneten in ganz Schottland."

"Die Engländer haben uns verkauft"

Die Aussicht auf Selbstbestimmung treibt auch John Wallace an. Der Chef der Hafenbehörde im einige Meilen entfernten Peterhead ist ein Freund von Salmond und hält große Stücke auf ihn. Die schottische Nationalpartei (SNP) habe sehr fähige Minister in die Regionalregierung geholt, sagt er. "Gib ihnen mehr Ressourcen, und sie wissen, was sie damit tun müssen."

Als Beispiel nennt Wallace die europäischen Fischfangquoten, ein großes Thema bei den Fischern in Peterhead. 85 Prozent des britischen Fischfangs finde in Schottland statt, sagt der 62-Jährige. Aber nach Brüssel fahre stets der Fischereiminister aus London. "Die Engländer haben uns verkauft", sagt er.

Beide Lager in der Unabhängigkeitsdebatte haben gute Argumente, jeder Einzelne seine eigenen Sorgen und Hoffnungen. Am Ende, sagt Wallace, werde er abstimmen wie die meisten Schotten. "Mit meinem Herzen."