Schreckensherrschaft in Burma "Sie kommen nachts und ermorden die Mönche"

Das Morden in Rangun geht weiter. Regimegegner und Mönche werden nachts Opfer von Greiftrupps der Junta. Diplomaten vermuten, dass bereits mehrere hundert Menschen getötet wurden. Jetzt setzt sogar China die Militärs unter Druck. Von unserem Korrespondenten in Rangun.

Rangun - Es ist die Stunde, in der sich die Angst wie eine lähmende Fessel über die Stadt legt. Vor den Toren eines der wenigen Restaurants in Rangun, dass noch ausländische Gäste bewirtet, beziehen schon die ersten schwer bewaffneten Soldaten Stellung. Es ist 21.15 Uhr am Dienstagabend. Um 22 Uhr beginnt die Ausgangssperre. Dann muss jeder, der noch auf der Straße angetroffen wird, um sein Leben fürchten.

"Fahrt mit dem Fahrrad zur Straße, ein Taxi holen", ruft der Manager von L'Opera, einem italienischen Restaurant zur Küche hinaus. Die Ausländer, draußen im Hof wartend, finden keinen Mietwagen mehr. Dann rast jemand vom Gelände auf der Suche nach einer Transportmöglichkeit.

Einen Moment ist es still auf dem Parkplatz, dann tritt ein junger Mann aus der Dunkelheit hervor. Offenbar hat er darauf gewartet, allein mit den Ausländern zu sein. Er ist ärmlich gekleidet, doch sein Englisch ist halbwegs verständlich. "Bitte glauben sie nichts, was die Junta sagt", raunt er. "Die Unterdrückung geht jede Nacht weiter. Wenn es keine Zeugen mehr gibt, dann fahren sie nachts durch die Vorstädte und bringen die Leute um."

Der junge Mann hat eine kurze Geschichte zu erzählen und er weiß, dass er sich dabei nicht erwischen lassen darf, sonst könnte er bald ins Gefängnis wandern oder tot sein. Er komme aus Süd-Okalapa, dem riesigen Landgürtel im Osten Ranguns. In der Vorstadt herrscht Hunger und Elend. Deswegen kamen von dort auch die meisten Mönche, die vergangene Woche gegen das Regime demonstrierten. Als die Truppen der Junta die Unruhen im Stadtzentrum am Samstag endgültig niedergeschlagen hatten, nahmen sie am Sonntag in Okalapa grausame Rache.

200 Mönche erschlagen

Es war um Mitternacht, da sei eine lange Kolonne von Militärfahrzeugen in dem Stadtviertel vorgefahren. Es waren Polizisten der Einheit zur Aufstandsbekämpfung dabei und die sogenannten "Lome-Ten", jene Einheit von Gangstern und Haftentlassenen, die für das Regime die Drecksarbeit machen.

In der Straße "Weiza Yandar" umstellten sie ein Kloster. Alle der etwa 200 Mönche, die dort lebten, mussten sich in einer Reihe aufstellen und anschließend schlugen die Sicherheitskräfte die Köpfe der heiligen Männer gegen eine Backsteinwand. Als alle Blut überströmt und jammernd auf dem Boden lagen, wurden ihre Körper auf Lastwagen geworfen und weggeschafft. "Wir weinen um unsere Mönche", sagt der Mann noch, dann ist er weg.

Es ist Tag vier, nachdem im Zentrum Ranguns die letzten Schüsse gefallen sind. Aber Normalität ist in Burmas größter Stadt noch lange nicht eingekehrt. Die meisten Geschäfte blieben auch heute geschlossen und die Menschenrechtsverletzungen reißen nicht ab. Erschreckende Gerüchte und Nachrichten von immer neuen Unterdrückungsmaßnahmen machen die Runde.

Diese Gerüchte sind schwer zu bestätigen, den Journalisten ist das Arbeiten im Land verboten. Die wenigen Korrespondenten, die als Touristen im Land geblieben sind, werden auf Schritt und Tritt überwacht. Spione des Geheimdienstes lauern ihnen vor den Hotels auf. Und wenn es das Regime nach dem Tod des japanischen Kameramannes von letzter Woche auch nicht mehr wagen wird einen weiteren ausländischen Journalisten zu exekutieren, ist doch eine normale Nachrichtenbeschaffung und Recherche unmöglich.

Jeder Burmese, dessen Name in einem ausländischen Medium erscheinen würde, müsste um sein Leben fürchten. Selbst im Land lebende Ausländer, ziehen es aus Angst vor Verfolgung vor, zu schweigen. Aber die immer gleichen Gerüchte und Erzählungen, die in der Stadt die Runde machen, verdichten sich zu einem grausamen Bild. Offenbar hat sich Rangun fast vollkommen seiner Mönche entledigt.

In der riesigen Klosteranlage unterhalb der Shwedagon-Pagode, dem geistigen Zentrum des Landes wehen nur noch die roten und safranfarbenen Roben der heiligen Männer im Wind. Von den mehreren tausend Mönchen und Novizen, die der Anlage stets ein einzigartiges und friedliches Flair verliehen haben, fehlt jede Spur.

Internierungslager für Regimegegner

Auch in den Vorstädten Ranguns, wie Okalapa oder Takada, wo junge Mönche aus anderen Provinzen in kleinen religiösen Institutionen normalerweise Lesen und Schreiben lernen, ist Grabesstille eingezogen. Die Lerneinrichtungen haben ihre Fensterläden geschlossen, die Eingänge sind mit Eisentüren verrammelt und auf dem Gelände türmt sich der Abfall. Ansonsten sind die Klöster und Tempel, die Schulen und Waisenhäuser der Umgebung leer.

"Wir gehen davon aus, dass die Opferzahlen unter den Mönchen und Demonstranten von vergangener Woche weit in die Hunderte gehen", sagt ein Diplomat, der namentlich nicht genannt werden will. Offenbar hat es gerade in diesen beiden Vororten schwere Übergriffe der Sicherheitskräfte gegeben. Als die Schergen der Junta am Sonntag und am Wochenbeginn die Mönche abtransportieren wollten, stellten sich ihnen die Bewohner der beiden Stadtteile entgegen. Viele der Demonstranten sollen mit Gewehren niedergemacht worden sein.

"Unsere Studenten sind erst einmal in ihre Heimatdörfer zurückgegangen", sagt der Abt eines Klosters in Okalapa. Das ist nur Teil der Wahrheit. Denn Diplomaten wissen mittlerweile ziemlich genau, dass die Junta in den letzten Tagen mindestens drei Internierungslager für Regimegegner in Rangun eingerichtet hatten.

Eines davon liegt auf den Sportanlagen bei der alten britischen Pferderennbahn, zwischen der 50sten und 51sten Straße Ranguns gelegen. Ein weiteres ist nahe dem internationalen Flughafen Mingala zu finden. Die schlimmsten Verhältnisse herrschen aber auf dem Gelände des Ranguner Instituts für Technologie.

Im Nordwesten der Stadt, in unmittelbarer Nähe des berüchtigten und überfüllten Insein-Gefängnisses gelegen, wurden in den letzten Tagen etwa 300 Zellen von jeweils drei auf drei Meter errichtet. Etwa 800 Mönche wurden allein dort eingesperrt. Die hygienischen Verhältnisse sind grauenhaft und die Mönche befinden sich in einem Hungerstreik. Denn noch immer weigern sich die heiligen Männer, wie auch während ihrer Proteste, Essen von den Militärs anzunehmen. Als jedoch Anwohner aus der Nachbarschaft versucht hatten, den Mönchen Nahrung zu bringen, weigerten sich die Bewaffneten Spenden anzunehmen. Wenn die Behörden nicht bald internationalen Organisationen Zugang zu den Lagern verschaffen, ist es nur eine Frage der Zeit, wann es dort zu weiteren Toten kommt.

Doch so aussichtslos die Lage erscheint, ausgerechnet der britische Botschafter, sieht in der verfahrenen Situation, einen ersten Hoffnungsschimmer. Mark Canning sitzt in weißem Hemd, aber ohne Jacket und Krawatte in seinem hoch gesichertem Büro mit Blick auf den Hafen von Rangun. Der groß gewachsene Mann mit dem jungenhaften Gesicht, ist sicher nicht der typische Vertreter des Foreign Office. Die Lösung des Konflikts in dem Land, das einst Großbritanniens wohlhabendste Kolonie in Südostasien war und heute zum erbärmlichen Armenhaus verkommen ist, scheint gerade ein persönliches Anliegen von Canning zu sein.

Britischer Botschafter schöpft Hoffnung

Er schöpft seinen Bewegungsspielraum bis an die Grenzen dessen aus, was ihm als Diplomat möglich ist. In den Tagen des Aufstandes hat der Botschafter ständig auf BBC Live-Interviews über die Lage im Land gegeben. Jetzt sagt er: "Wenn die Ereignisse eines bewirkt haben, dann ist es, dass sich die internationale Gemeinschaft einig in der Verurteilung des Regimes ist.

Mehrmals wiederholt Canning das Wort "Abscheu", dass die ansonsten sehr zurückhaltende Gemeinschaft der Staaten Südostasiens (Asean) benutzt hat, um sein Mitgliedsland Burma wegen der Niederschlagung der Aufstände zu verurteilen.

Canning glaubt deshalb, dass der von den Uno angeregte Dialog-Prozess mit dem burmesischen Militär-Regime bald die ersten Erfolge zeigen könnte. Nachdem der Uno-Sonderdelegierte für Burma Ibrahim Gambari nach seiner Ankunft in Burma am Wochenende die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi in ihrem Hausarrest sprechen konnte, traf er heute Morgen den Mit-Junta-Führer Than Shwe im Regierungssitz Naypyidaw.

Besondere Hoffnung setzt Botschafter Canning auf die Chinesen. Ohne die wirtschaftliche Hilfe des nördlichen Nachbarn könnten die Generäle nicht mehr überleben. "Und die Chinesen", sagt der britische Botschafter, "haben Burma klar gemacht, dass sie Stabilität und Ruhe an ihrer südlichen Grenze wollen. Damit meinen die Chinesen zwar keine Demokratie, so Canning, aber vielleicht entwickle sich daraus ja ein Dialog des Militärs mit Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Hunger und Elend in Südostasiens ärmsten Land könnten so gelindert werden. Genau das hatten die demonstrierenden Mönche von der Junta eingefordert.

Hinweis: Aus Sicherheitsgründen wird der Name unseres Korrespondenten nicht genannt.