Schriftsteller Jurij Andruchowytsch "Russland ist selbstverliebt und frech"

Seilschaften, Machtspiele, Heuchelei - der ukrainische Autor Jurij Andruchowytsch zeichnet ein düsteres Bild seiner Heimat. Präsident Wiktor Juschtschenko ist seine größte Enttäuschung, nicht mal die Fußball-EM 2012 werde klappen. Das politische Chaos helfe vor allem Moskau.


SPIEGEL ONLINE: Herr Andruchowytsch, Sie haben die Ukraine einmal mit einem Betrunkenen verglichen, der durch die Nacht torkelt. Warum so ein drastisches Bild?

Andruchowytsch: Betrunkene gehören leider zur ukrainischen Alltagskultur. Und dieses Torkeln zeigt unseren komplizierten Weg in die Demokratie: Den unglaublichen Aufschwung, unsere euphorischen Gefühle während und nach den Ereignissen auf dem Majdan in Kiew bei der Orangenen Revolution Ende 2004 und dann den Absturz, die Enttäuschung.

SPIEGEL ONLINE: Vor einigen Wochen hieß es, die Koalition zwischen den Parteien des Präsidenten Wiktor Juschtschenko und der Ministerpräsidentin Julia Timoschenko sei zerbrochen. Jetzt soll sie doch weitergehen. Wieso dieses Hin und Her?

Andruchowytsch: Täglich gibt es andere Nachrichten. Und das schlimmste: Timoschenko und Juschtschenko wollen mit der Partei von Wladimir Litwin eine Koalition bilden. Litwin stand dem ehemaligen Präsidenten Leonid Kutschma sehr nahe, den sie 2004 so bekämpften. Damit haben wir wieder den Ballast alter Seilschaften. Besonders wütend machen mich aber die politischen Machtspielchen der Politiker. Sie denken nur an ihre persönlichen Interessen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit persönlichen Interessen?

Andruchowytsch: Unsere Politiker sind Wirtschaftsleute, ihnen fehlt jegliche Ideologie. Das einzige, was sie interessiert, ist Macht, um damit noch mehr Geld zu bekommen, um damit dann danach noch mehr Macht zu bekommen. Ein Teufelskreis, der nichts mit Demokratie zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Im ukrainischen Parlament gibt es 450 Abgeordnete. Davon sollen 400 Millionäre sein. Können Wirtschaft und Politik überhaupt entflochten werden?

Andruchowytsch: Hoffnung kann man immer haben. Schließlich gab es schon zwei politische Wunder in der Ukraine, die ich so nicht erwartet hatte. 1991 die Unabhängigkeit und 2004 die Orangene Revolution. Aber um realistisch zu sein: Ich rechne mit Jahren der Stillstands, denn unsere Politiker sind alle völlig verbraucht.

SPIEGEL ONLINE: Dabei galt doch gerade Juschtschenko als der Heilsbringer. Warum ist der Mythos verblasst?

Andruchowytsch: Er ist für mich die größte Enttäuschung. Er hat versucht, alle mit allen zu versöhnen. Der Preis dafür war groß: keine Reformen. Heute stehen Präsident Juschtschenko die Funktionäre des ehemaligen Regimes am nächsten. Deshalb hat er nur noch wenige Anhänger. Von Janukowitsch habe ich nie etwas erwartet, damals nichts und heute nichts.

SPIEGEL ONLINE: Und Timoschenko?

Andruchowytsch: Ihr habe ich immer misstraut: Sie ist machtgierig, heuchlerisch und eine schlechte Provinzschauspielerin. Leider hat sie Erfolg mit ihren Spielchen, auch deshalb haben wir mehr Chaos als Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Die Ukraine müsse sich von unten erneuern, fordern Beobachter. Doch wo soll diese Erneuerung herkommen?

Andruchowytsch: Eine schwierige Frage. Die Jugend ist zwar enttäuscht: Die politische Situation ist nicht so gut, wie sie es sich erhofft hat, aber die Situation ist halbwegs stabil. Die jungen Leute spüren keinen Druck wie damals vor 2004, sie können heute das machen, was sie wollen. Deshalb sind sie gleichgültig.

SPIEGEL ONLINE: Die innenpolitisch schwache Ukraine nutzt vor allem einem - Russland. Als russische Truppen im August in Georgien einmarschierten, kochten die Ängste vor Russland besonders in Polen, im Baltikum und in Ihrem Land wieder hoch. Zu Recht?

Andruchowytsch: Ja, denn Russland hat damit demonstriert: Ich will mir meine Einflusssphäre sichern. Russland sieht das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und des ehemaligen Ostblocks als seines an, das es gilt zu beherrschen. Sei es mit militärischen und politischen Mitteln, wie die Beeinflussung ukrainischer Politiker wie Janukowitsch und Timoschenko. Wir haben Angst, dass dieses Putinsche Modell in die Ukraine gelangt, und dass es damit keine Demokratie mehr geben wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie die aktuelle Drohung Russlands, der Ukraine das Gas abzudrehen?

Andruchowytsch: Diese "Gasattacke", wie ich es nenne, ist Russlands Lieblingsinstrument gegenüber der Ukraine. Schuld an diesem Konflikt sind die ukrainischen Eliten selbst: Sie ermöglichen Russland, dieses Spiel erfolgreich fortzusetzen, da sie nur einander bekämpfen und wegen ihrer Zwiste keine gemeinsame Meinung gegenüber Russland vertreten. Timoschenko zum Beispiel gibt sich sogar eher als Verbündete Gasproms.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich schnell auf die georgische Seite im Georgien-Krieg gestellt, obwohl bis heute nicht geklärt ist, wer von beiden – Russland oder Georgien - angefangen hat. Waren Ihre Äußerungen vorschnell?

Andruchowytsch: Nein, denn es ist nur die technische Frage, wer angefangen hat. Es mag zynisch klingen, deshalb verzeihen Sie bitte den Ausdruck "technische Frage", aber der Aggressor war immer Russland, es hat provoziert. Russland ist unheimlich selbstverliebt, selbstbewusst und sehr frech.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss sich die Ukraine dagegen absichern?

Andruchowytsch: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Täglich bekomme ich schlechtere Nachrichten aus meinem Heimatland.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie waren es doch, der sich immer wieder für eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union (EU) ausgesprochen hat.

Andruchowytsch: Das dachte ich mal, doch der richtige Moment ist verloren.

SPIEGEL ONLINE: Wann wäre er denn gewesen?

Andruchowytsch: Damals 2005 nach der Orangenen Revolution hat die EU nicht verstanden, wie nah wir ihr waren. Jetzt ist es zu spät. Jetzt hat sich die Ukraine wieder so entfernt von der EU wie vor der Revolution, auch weil sich die EU zurückgezogen hat. Sie beschäftigt sich mit sich selbst, steckt in den Schwierigkeiten ihrer Osterweiterung. Das letzte, was die EU gebrauchen kann, sind irgendwelche ukrainischen Abenteuer. Ich sehe nichts außer der Fußball-Europameisterschaft 2012, und nicht mal die wird klappen, so wie es jetzt bei all den Skandalen aussieht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind viel in den USA und Europa umhergereist. Besonders wohl fühlen Sie sich in Berlin. Warum gerade hier?

Andruchowytsch: Zum einen spreche ich Deutsch viel besser als Englisch. Französisch leider überhaupt nicht. Zum anderen ist Berlin keine schöne Stadt, aber gerade das ist der Reiz für mich. In keiner deutschen Stadt sind so viele Extreme und unterschiedliche Menschen vereint: Da ist einerseits der Stadtteil Grunewald mit seinen Villen, andererseits Marzahn mit seinen Plattenbauten.

SPIEGEL ONLINE: Seit Oktober sind Sie Stipendiat des Berliner Wissenschaftskollegs. Welche Pläne haben Sie für Ihren zehnmonatigen Aufenthalt?

Andruchowytsch: Ich schreibe an einem neuen Buch, einer fiktiven Enzyklopädie mit 111 Städten, die ich besucht habe. Natürlich muss Berlin darin vorkommen. Gerade arbeite ich am Buchstaben C. Allerdings habe ich B zurückgestellt. Die Berlin-Geschichten schreibe ich irgendwann später: Erst einmal muss ich mich hier wieder einleben und vor allem erleben.

Das Interview führte Christina Hebel



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.