Schröder in Indien Der Kanzler als Globalisierungskritiker?

Eigentlich wollte der Bundeskanzler bei seinem Staatsbesuch in Indien gute Laune für die Wirtschaft verbreiten. Doch durch den Krieg in Afghanistan schlittert er in dem Riesenstaat nun über heikles politisches Parkett - und entdeckt sein Herz für die Dritte Welt.


Schröder und Vajpayee in Neu Delhi
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Schröder und Vajpayee in Neu Delhi

Neu-Delhi - Die Kranzniederlegung am Grab des Pazifisten Mahatma Gandhi war der friedlichste Moment bei Gerhard Schröders Staatsbesuch in Indien. Direkt aus Pakistan kommend, vom Besuch bei Indiens Erzfeind, mühte sich Schröder, die Verstimmung des Gastgebers zu dämpfen. Da die internationale Anti-Terror-Allianz jedoch auf die gute Laune des pakistanischen Militär-Machthabers Pervez Musharraf angewiesen ist, hatte Schröder politisch wenig Erfreuliches anzubieten. So gab der Kanzler in Neu-Delhi den selbstlosen Anwalt Indiens im globalen Wirtschaftsgefüge.

Er kündigte an, sich bei den Industrienationen für "substanzielle Zugeständnisse" im Welthandel an die Entwicklungsländer einsetzen zu wollen. In Neu-Delhi sagte er vor deutschen und indischen Wirtschaftsführern, Deutschland werde sich künftig zum Anwalt dieser Länder machen, wenn es darum gehe, Schutzwälle abzubauen, die Importe aus den Entwicklungsländern erschweren. Schröder, der beim Weltwirtschaftsgipfel in Genua noch das harte Vorgehen gegen Demonstranten guthieß, plötzlich ein Globalisierungskritiker?

Nicht ganz. Mit 47 hochrangigen Managern aus Deutschland im Schlepptau will er auch bei der heimischen Wirtschaft für gute Stimmung sorgen und damit der Konjunkturmisere entgegenwirken. Deutschlands Wirtschaft sieht in Indien, der nach China volkreichsten Nation der Welt, einen der kommenden Großmärkte. Um dort einen Fuß in die Tür zu bekommen, will Schröder nun Indiens bester Freund werden und sich künftig jedes Jahr mit dem indischen Regierungschef treffen.

Öffentlich argumentierte Deutschlands erster Wirtschaftslobbyist natürlich anders. Eine der Lehren aus den Terroranschlägen vom 11. September müsse sein, "die internationale Zusammenarbeit nicht zurückzunehmen, sondern zu fördern und zu vertiefen", sagte der Kanzler. Denn freier Handel sei eine wertvolle Kulturtechnik.

Und dann sprach er wieder wie ein Mitglied des globalisierungskritischen Bündnisses Attac: Die Politik habe darauf zu achten, dass dabei die Menschenrechte und der Schutz der Natur gewahrt würden. Er werde sich dafür einsetzen, die Welthandelsrunden um diese Themen zu erweitern. Zugleich versprach Schröder, den Sorgen Indiens und anderer Länder entgegenzuwirken, dass diese Ergänzungen als Schutzwälle gegen Importe genutzt werden.

Doch Indien hat auch andere Sorgen. Auf die zwischen Indien und Pakistan strittige Kaschmir-Frage angesprochen, wiederholte Schröder die Auffassung, dass beide Parteien an den Verhandlungstisch zurückkehren sollten. Das hatte er schon am Sonntag beim Besuch des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf gesagt. In der indischen Presse stieß das teilweise auf Befremden, da in Neu-Delhi etwa nach einem Bericht der "Hindustan Times" der Standpunkt vertreten wird, dass ein Dialog mit Pakistan so lange ausgesetzt bleiben müsse, bis das Nachbarland mit Feindseligkeiten an der Grenze aufhöre.

Im Einzelgespräch mit Schröder kritisierte der indische Premierminister Atal Behari Vajpayee den Deutschen. Er wolle den Terror bekämpfen? Bitte schön, Indien habe bereits 32.000 Menschen im Kaschmir-Konflikt verloren durch Anschläge muslimischer Extremisten, die in Pakistan ausgebildet worden seien und mit der Billigung Pakistans handelten. "Dieser Terror hat die internationale Gemeinschaft nie interessiert", soll der Premier nach Erzählung eines Delegationsmitglieds gesagt haben. Und jetzt würde genau dieses Pakistan, das ja auch die Taliban gepäppelt habe, mit Samthandschuhen angefasst. Schröder denkt da wohl eher, wie die "Frankfurter Allgemeine" kommentierte: "Schwamm drüber".

Der vorsichtige Vorstoß des Kanzlers, er würde es begrüßen, wenn Pakistan und Indien wieder miteinander verhandeln würden, ging ins Leere. Vajpayee beschied dem Deutschen kühl: Erst müsse Pakistan verhindern, dass Extremisten in Kaschmir Terror ausüben dürfen. Dann könne man sich gerne wieder an den Verhandlungstisch setzen. Abends beim Bankett, im offiziellen Teil, mochten sich die beiden dann wieder und lobten die guten bilateralen Beziehungen. Der Abend war schnell vorbei und Schröder freute sich wohl schon auf den folgenden Tag. Heute fuhr er nach Bangalore, das Hightech-Zentrum Indiens, um für den Standort Deutschland zu werben und seine Green Card anzupreisen. Wirtschaftsförderung ist für den Genossen der Bosse eben ein vertrauteres Terrain als internationale Krisenpolitik.



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