Schüsse auf Sgrena Bush entschuldigt sich bei Berlusconi

Die Schüsse von US-Soldaten auf das Fahrzeug mit der gerade im Irak freigelassenen Journalistin Giuliana Sgrena sorgen für eine tiefe Verstimmung zwischen Rom und Washington. US-Präsident Bush bedauerte den Vorfall und sagte eine umfassende Untersuchung zu. Die Opposition in Rom rief zu Demonstrationen auf.


Berlusconi: "Jemand muss die Verantwortung übernehmen"
AP

Berlusconi: "Jemand muss die Verantwortung übernehmen"

Rom - George W. Bush bedauerte in einem Telefonat mit dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi den schwersten diplomatische Zwischenfall in den italienisch-amerikanischen Beziehungen seit 1999, als ein US-Militärflugzeug in Norditalien im Tiefflug die Kabel eines Ski-Lifts durchtrennte und 20 Menschen tötete. Er sagte Berlusconi eine umfassende Untersuchung des Zwischenfalls zu, wie ein Sprecher des Weißen Hauses mitteilte.

Auch der in Rom einbestellte US-Botschafter Mel Sembler versicherte, dass die US-Regierung keine Mühe scheuen werde, den Zwischenfall aufzuklären, wie das Büro Berlusconis mitteilte. Die Unterredung des Ministerpräsidenten mit Sembler habe rund eine Stunde gedauert. Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, wünschte Sgrena eine rasche Genesung und sprach der Familie des getöteten Geheimdienstbeamten sein Beileid aus.

Die Freude habe sich in Trauer verwandelt, hatte zuvor Berlusconi im Fernsehen gesagt. "Wir sind wie versteinert. Wir suchen die Verantwortlichen. Für einen so schwerwiegenden Vorfall muss jemand die Verantwortung übernehmen."

Laut "Repubblica" hat die italienische Geheimpolizei Sismi mit zwei Teams gearbeitet. In Bagdad hielt der später erschossene Nicola Calipari Kontakt mit den Entführern. In einem arabischen Nachbarstaat, Kuweit oder Saudi-Arabien, stand das zweite Team mit Lösegeld bereit. Gestern Vormittag kam die Nachricht, dass Giuliana Sgrena aus ihrem Versteck in der Nähe von Ramadi, 200 Kilometer westlich von Bagdad, in die Hauptstadt gebracht worden sei. Nach etlichen Verzögerungen habe der Austausch dann erst nachmittags, gegen 17 Uhr, in der Nähe einer Moschee stattgefunden. Weil es bereits dunkelte, entschied Calipari, sofort zum Flughafen zu fahren.

Es ist bislang nicht bekannt, ob dem Wagen der Geheimdienstleute ein zweites Sicherheitsfahrzeug zur Seite gestellt war. Ebenso ist unklar, ob die Italiener das Centcom-Hauptquartier der Amerikaner von ihrer Ankunft am Flughafen informierten, bzw. ob diese Nachricht von den Amerikanern rechtzeitig an die Posten weitergegeben wurde. Die US-Soldaten am Checkpoint vor dem Flughafen waren erst kurz zuvor im Irak eingetroffen. Es waren Neulinge, denen noch ein Angriff eine Woche zuvor an der gleichen Stelle in den Knochen steckte.

So scheinen drei unglückliche Faktoren zusammengetroffen zu sein: Dunkelheit, Kommunikationsfehler und die Unerfahrenheit der Kontrollposten. Der Checkpoint befand sich etwa einen Kilometer vor dem Flughafengelände, nach einer Kurve, quasi der letzten Kurve vor der Geraden nach Rom.

Der Wagen, mit dem Sgrena im Schutz von italienischen Spezialagenten zum Flughafen gebracht werden sollte, sei mit hoher Geschwindigkeit auf eine Straßensperre zugefahren und habe Aufrufe zum Bremsen mehrfach ignoriert, heißt es in der Erklärung, die die 3. US-Infanteriedivision in Bagdad veröffentlichte. "US-Soldaten haben einen Zivilisten getötet und zwei weitere verletzt, als (der Fahrer) ihres Auto sich bei hoher Geschwindigkeit weigerte, an einem Checkpoint zu stoppen", hieß es darin.

Der Fahrer sei zunächst mit Handzeichen und Blinklicht zum Bremsen aufgefordert worden. Anschließend hätten die Soldaten Warnschüsse abgegeben und erst danach auf den Motorblock des Autos gezielt.

Der Weg zum Flughafen in Bagdad gilt als die gefährlichste Straße im Irak. Fast täglich kommt es hier zu Zwischenfällen und Angriffen durch Heckenschützen, die auf Autofahrer zielen. Die US-Soldaten an den Kontrollpunkten an dieser Straße sind dementsprechend nervös.

Sgrena landete gegen 11 Uhr in Rom. Sie hatte die Nacht in einem amerikanischen Militärkrankenhaus in Bagdad verbracht, wo ihr Munitionssplitter aus der Schulter entfernt wurde. Der Geheimdienstbeamte Nicola Calipari, der sich bei der Schießerei schützend über die Journalistin geworfen hatte, wurde getötet. Er hatte der italienischen Regierung zufolge entscheidend zu den Verhandlungen für die Freilassung Sgrenas beigetragen. Neben der Journalistin wurde noch mindestes ein Geheimdienstbeamter verletzt. Nach italienischen Medienberichten befand er sich nach einem Lungenschuss in kritischem Zustand.

Italiens Opposition demonstriert

Giuliana Sgrena: Freilassung nach einem Monat Geiselhaft
DPA

Giuliana Sgrena: Freilassung nach einem Monat Geiselhaft

Mit scharfer Kritik reagierte die italienische Opposition auf den Zwischenfall. Der kommunistische Senator Gianfranco Pagliarulo rief zu einer Protestkundgebung vor dem US-Konsulat in Mailand auf. Man werde Flugblätter mit der Aufschrift "Schämen Sie sich, Bush" drucken, sagte der Senator der italienischen Nachrichtenagentur Ansa.

"Ein weiteres Opfer eines absurden Kriegs", kommentierte der Grünen-Vorsitzende Alfonso Pecoraro Scanio den Tod des Geheimdienstbeamten. Der Chef der italienischen Linksdemokraten, Piero Fassino, erklärte, es sei unglaublich, dass ein Mann bei der Rettung eines Menschenlebens "von denen getötet wird, die sagen, sie seien im Irak, um das Leben von Zivilisten zu schützen".

Sgrena, die für die linksgerichtete Zeitung "Il Manifesto" sowie für die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" arbeitet, war am 4. Februar in Bagdad verschleppt worden. Am Freitag wurde sie von ihren Entführern schließlich freigelassen. "Il Manifesto", die den Irak-Einsatz Italiens von Anfang an kritisiert hat, titelte heute: "Giuliana Sgrena ist frei. Die Amerikaner schießen. Ihr Befreier wurde ermordet. Er hieß Nicola Calipari."

Unter welchen Umständen Sgrena frei kam, blieb zunächst unklar. In einem am Abend vom arabischen Fernsehsender al-Dschasira ausgestrahlten Video bedankte sich Sgrena bei ihren Entführern für die "gute Behandlung" während ihrer Gefangenschaft. Wer hinter der Entführung steckte, war ebenfalls weiter unklar. Mehrfach hatten sich vermeintliche islamistische Gruppen per Internet zu Wort gemeldet und den Rückzug der italienischen Truppen verlangt. Eine Gruppe behauptete sogar, Sgrena getötet zu haben.

Mitte Februar war ein Video verbreitet worden, auf dem die Journalistin die Regierung in Rom unter Tränen aufrief, den Forderungen der Kidnapper nachzugeben und die 3000 italienischen Soldaten aus dem Irak abzuziehen. Die italienische Regierung lehnte dies stets ab.

Erst am 19. Februar hatten Hunderttausende Menschen in Rom für die Freilassung der Geisel demonstriert. Auch Papst Johannes Paul II. hatte zur Freilassung der Journalistin aufgerufen. Der im Krankenhaus liegende Kirchenführer sei sehr glücklich darüber, dass die Reporterin wieder frei sei, berichtete das italienische Fernsehen.

Das Schicksal der französischen Journalistin Florence Aubenas, die vor über zwei Monaten im Irak verschleppt worden war, war weiter unklar.



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