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Schulden-Misere der USA Euro-Hüter berufen Krisentreffen ein

Die Welt schaut nach der historischen Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit gebannt auf die Reaktion der Finanzmärkte - und Europa fürchtet den Abwärtstrend: Noch am Abend wollen sich die europäischen Notenbanker offenbar geschlossen beraten. Auch die G7 kündigen eine Stellungnahme an.
EZB-Gebäude in Frankfurt am Main: Banger Blick auf die Märkte

EZB-Gebäude in Frankfurt am Main: Banger Blick auf die Märkte

Foto: PATRIK STOLLARZ/ AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Europa ist in Alarmstimmung: Die Notenbanken der Euro-Zone wollen nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg noch am Sonntag über die heikle Lage an den Finanzmärkten diskutieren. Die Präsidenten der Notenbanken wollen demnach bei einer Telefonkonferenz besprechen, wie sie die Schuldenkrise in der Euro-Zone in den Griff bekommen können.

Die Telefonkonferenz sei für 18 Uhr MEZ angesetzt, sagte ein Notenbank-Offizieller, der wegen der Vertraulichkeit der Gespräche nicht genannt werden wollte, zu Bloomberg. Ein Sprecher der Europäischen Zentralbank (EZB) wollte die Informationen nicht kommentieren.

Bei den Gesprächen solle es vor allem darum gehen, wie die Notenbanken verhindern können, dass Italien und Spanien noch stärker unter Beschuss der Finanzmärkte kommen und deshalb auch unter den Euro-Rettungsschirm flüchten müssen.

Außerdem wollen die Währungshüter darüber beraten, wie sich die Abstufung der Vereinigten Staaten durch die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) auf die Märkte auswirken wird.

Historische Entscheidung

Die USA hatten am Freitag erstmals in der Geschichte die Bestnote für ihre Bonität bei einer Rating-Agentur verloren. Damit wankt ein Eckpfeiler des weltweiten Finanzsystems - Experten rätseln darüber, wie sich der Schritt auf die Finanzmärkte auswirken wird. Der Schritt war allerdings erwartet worden. Er kommt nach einer Woche mit den schwersten Verlusten an den Weltbörsen seit dem Herbst 2008, als die Finanzmärkte infolge der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers kollabiert waren.

US-Präsident Barack Obama hatte in einer ersten Stellungnahme seines Sprechers die zerstrittenen Parteien des Landes zu mehr Einigkeit in der Sparpolitik aufgerufen.

Der Schritt löste in der globalen Finanzwelt schwere Sorge aus, dass die ohnehin flaue US-Konjunktur weiter geschwächt werden könnte. Mit Spannung wird erwartet, wie die Märkte am Montag reagieren. Bereits am Freitag, noch vor der Herabstufung der USA, waren die Börsenkurse an der Wall Street, in Europa und Asien dramatisch abgesackt. Parallel gärt die europäische Schuldenkrise weiter.

Auf Kritik des US-Finanzministeriums, die Rating-Agentur Standard & Poor's habe sich bei der Bewertung um zwei Billionen Dollar verrechnet, konterte S&P-Direktor David Beers, angesichts des schwierigen Kompromisses im US-Kongress dürfe die Entscheidung niemanden überraschen. "Die politischen Risiken haben in diesem Fall ein höheres Gewicht gespielt als der finanzielle Aspekt", erklärte er in Anspielung auf den wochenlangen erbitterten Streit um die Anhebung der US-Schuldenobergrenze.

Erklärung der G7 erwartet

Die führenden Wirtschaftsnationen der Welt bemühen sich derweil um eine Beruhigung der Lage. Am Sonntagabend südkoreanischer Zeit (früher Sonntagmorgen MEZ) schlossen sich nach Angaben der Regierung in Seoul Vertreter der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) in einer Telefonschalte zusammen.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, der derzeit Vorsitzender der G7 und der G20 ist, hatte bereits Samstagabend mit dem britischen Premierminister David Cameron telefoniert.

Im Laufe des Sonntags wird zudem mit einer Telefonkonferenz der Finanzminister und Notenbankchefs der G7 gerechnet. Im Anschluss werde es möglicherweise eine Erklärung geben, verlautete aus japanischen Regierungskreisen. Innerhalb der G7 wird diskutiert, das für Mitte September geplante Treffen der Finanzminister vorzuziehen.

Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollten nach einem Bericht des französischen "Journal du Dimanche" zunächst keine weiteren Erklärungen veröffentlichen. Nach den vergleichsweise guten US-Arbeitsmarktzahlen vom Freitag solle die Entwicklung an den Börsen nun Montag und Dienstag beobachtet werden.

Als erstes öffnen am Montag die Finanzmärkte in China und Fernost. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Tom Mayer, rechnet mit weiteren Kurseinbrüchen an den Börsen. "Schlechte Nachrichten sind immer unangenehm für Märkte", sagte Mayer im Gespräch mit "Bild am Sonntag". Er rechne zwar nicht mit einem weltweiten Börsencrash, aber: "Es könnte Verluste geben."

amz/dpa/dapd/AFP