Schuldenstaat Griechenlands große Depression

Sie räumen ihre Konten leer, verzichten auf Urlaub, fahren Bus statt Auto und sorgen sich um ihre Jobs: Die Griechen ächzen unter der schweren Krise ihres Landes. Auch ihr Selbstwertgefühl leidet - vor allem von Deutschland fühlen sie sich gedemütigt.

Streikender Lehrer in Athen: "Hat Frau Merkel das vergessen?"
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Streikender Lehrer in Athen: "Hat Frau Merkel das vergessen?"

Aus Athen berichtet


Ilias Lestaris schickt seine Kunden am liebsten in die weite Welt: Thailand, Mauritius, Indien, Marokko - aber im Moment ist er schon froh, wenn ein Grieche überhaupt an das Wort Reise denkt.

Das Telefon des 65-Jährigen bleibt seit Tagen merkwürdig still, in das Büro in der Athener Innenstadt kommt selten jemand. Also schaut Lestaris mal auf die Weltkarte an der Wand, mal auf den Monitor und zieht an seinen Karelia-Zigaretten.

Das letzte Pauschalpaket hat er vorletzte Woche vermittelt. Lesbos, drei Tage für ein Pärchen, das war es auch schon. "Die totale Flaute, es bewegt sich nichts", sagt Lestaris. Dabei hat er auch günstige Reisen im Programm. Etwa mit dem Bus nach Istanbul, sieben Tage Halbpension für 390 Euro, aber es sind noch Dutzende Plätze frei.

Lestaris ist schon lange im Geschäft, einen solchen Einbruch bei den Reisebuchungen hat er seit Jahrzehnten nicht erlebt. Mit seinen Einnahmen kann er gerade die Kosten für die Miete des Reisebüros decken. Zwei Worte hat er für sein derzeitiges Lebensgefühl. Unsicherheit ist das eine. Das andere: Wut.

Wut darüber, dass es jetzt die griechischen Bürger sind, die für die Fälschungen der Defizitstatistik durch die frühere Regierung gerade stehen müssen. Es schmerze ihn aber auch, dass Griechenland jetzt in anderen EU-Ländern den Ruf genieße, ein Land fauler Menschen zu sein, die viel Geld verdienen, es schnell verprassen und auf die Hilfe anderer setzen. Er selbst hat 37 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt und bekommt dafür 617 Euro netto. "Sagen Sie das Frau Merkel", empfiehlt er dem Besucher aus Deutschland.

Obwohl die EU und der Internationale Währungsfonds ein milliardenschweres Hilfsprogramm für das vom Bankrott bedrohte Griechenland beschlossen haben, ist das Selbstwertgefühl der Griechen empfindlich gestört. Vor allem das lange Taktieren und zögerliche Auftreten von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Griechen verletzt.

Sarkozy feiern die Griechen, Merkel kann ihnen gestohlen bleiben

"Angela Merkel? Nein, danke", schrieb zuletzt die Athener Tageszeitung "To Vima" auf ihrer ersten Seite. Dazu druckte sie eine Rangliste internationaler Politiker ab: auf Platz eins Nicolas Sarkozy. Der repräsentativen Umfrage zufolge sagten 76,6 Prozent der Griechen, dass sie eine positive Meinung zum französischen Staatspräsidenten hätten - Sarkozy hatte bereits im März erklärt, dass Frankreich den Griechen zur Seite stünde, wenn das Land Hilfe benötige. In dem Ranking folgen auf Sarkozy Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin (73,7 Prozent), US-Präsident Barack Obama (68,2 Prozent), der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan (32,9 Prozent) - und dann abgeschlagen Kanzlerin Merkel (18,4 Prozent).

Ein schlechteres Zeugnis hätten die Griechen der deutschen Regierungschefin kaum ausstellen können. 79,9 Prozent erklärten, eine negative Meinung über Merkel zu haben. Die Kanzlerin sei ein "rotes Tuch" für die Griechen, so das Blatt.

Der Wert für Erdogan erscheint daneben fast wie eine Liebeserklärung. Denn der Türke ist für die Griechen nicht irgendein Politiker, sondern der Regierungschef des langjährigen Erzfeindes - auch wenn sich das Verhältnis zuletzt entspannte und Erdogan Mitte des Monats zu einem Staatsbesuch nach Athen kommt.

Elena Spilotis formuliert ihre Merkel-Abneigung diplomatischer: Sie sei sehr verwundert, sagt die 39-Jährige, die in einem Laden für Damentaschen in Athens feinem Stadtteil Kolonaki arbeitet. Griechenland sei die Wiege der europäischen Kultur. "Hat Frau Merkel das vergessen?"

Jede Regung Deutschlands wird in Griechenland derzeit genau verfolgt. So thematisieren zahlreiche Medien die Aktion "Ich kaufe griechische Staatsanleihen" des "Handelsblatts". Die Wirtschaftszeitung hatte dazu aufgerufen, griechische Staatsanleihen zu zeichnen, um den hochverschuldeten Staat zu unterstützen - als ein Zeichen der Mitverantwortung, "auch unter eines nicht bestreitbaren finanziellen Risikos".

RWE-Chef Jürgen Großmann, der die Aktion unterstützt und für 100.000 Euro Anleihen kaufen will, wurde in der konservativen Zeitung "Kathimerini" mit einem großen Foto gewürdigt.

Wird Griechenland den rigiden Sparkurs verkraften?

Aber wie geht es weiter mit dem Land? Manche Ökonomen zweifeln, ob es den rigiden Sparkurs verkraften kann. Sie erwarten eine Verschärfung der Rezession, weil die sinkenden Löhne und steigenden Steuern die Binnenkonjunktur treffen werden.

Die bereits Anfang des Jahres beschlossenen ersten Sparpakete - dort wurde etwa die Anhebung der Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent verfügt - haben offenbar bereits erste Konsequenzen. Die Griechen schränken ihren Konsum ein. Händler werben mit Rabatt- und Sonderaktionen. "Beim Kauf im Wert von mindestens 70 Euro gibt es eine Tasche als Geschenk", wirbt etwa der Modeladen Kamoulakos. Der Leerstand von Geschäftsräumen nimmt zu. Das betrifft inzwischen auch immer mehr die prestigeträchtige Emou-Straße, die Haupteinkaufsmeile in Athen. "Enoikiazetai" ist dort häufig auf Aufklebern an Glasfassaden zu lesen - zu vermieten. Vor Jahren wäre das undenkbar gewesen.

"Ich kaufe mir jetzt eben keine Bluse, auch wenn mir danach ist", sagt Marianna M., ihren Urlaub hat die 34-jährige Verkäuferin gestrichen. Auch auf Autofahrten zur Arbeit verzichtet sie. Die Regierung hat die Steuer auf Benzin in ihrem jüngsten Sparpaket um zehn Prozent angehoben. Marianna M. hat jetzt eine Monatskarte für den Bus. Sorgen macht sie sich zudem um ihren Job in einem Kosmetikgeschäft. "Es kommen jetzt deutlich weniger Kunden."

Viele Griechen sorgen sich, dass alles noch schlimmer kommen könnte. Auch den Banken wird längst nicht mehr vertraut: Sparer und Unternehmen haben in den vergangenen Monaten rund zehn Milliarden Euro abgezogen und zu Hause versteckt oder ins Ausland transferiert.

Auf der Straße wächst der Protest. Am Dienstag streikten bereits die Beamten. Vor dem Parlament in Athen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen demonstrierenden Lehrern und der Polizei. Es flogen Steine und Flaschen, die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Rund 200 kommunistischen Gewerkschaftern gelang eine spektakuläre Protestaktion: Direkt an der Akropolis entrollten sie zwei Transparente mit dem Aufruf "Völker Europas, erhebt euch!"

Manche Sicherheitskräfte sind spürbar gereizt. Ein Polizist der Sondereinheit MAT stellte die Fotos eines ausländischen Journalisten sicher. "Keine Aufnahmen von Polizisten", lautete die Ansage, entsprechende Bilder mussten gelöscht werden. "Löschen oder Schnellgericht, das ist die Alternative", drohte der Sicherheitsbeamte.

Griechenland kommt vorerst nicht zur Ruhe. An diesem Mittwoch wollen sich auch die Gewerkschaften der Privatwirtschaft am Streik beteiligen. Es soll der größte Protesttag der vergangenen Wochen werden.

Mitarbeit: Ferry Batzoglu

insgesamt 2767 Beiträge
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Seite 1
kdshp 04.05.2010
1.
Zitat von sysopNach der Krise ist vor der Krise: In ganz Europa hat die Debatte darüber begonnen, wie die Eurozone künftige Staatspleiten effektiver bekämpfen kann. Muss Europa sich ändern?
Hallo, wir brauchen endlich eine EU regierung die auch macht hat. Gleichzeitig sollten wir die nationalen regierungen abbauen.
grauer kater 04.05.2010
2.
Zitat von sysopNach der Krise ist vor der Krise: In ganz Europa hat die Debatte darüber begonnen, wie die Eurozone künftige Staatspleiten effektiver bekämpfen kann. Muss Europa sich ändern?
Wir brauchen die politische Union Europa mit einheitlicher Wirtschafts-, Finanz-, Steuer- und Abgabenpolitik, mit proportionaler Standortverteilung der Produktion auf die jeweils geeigneten Standorte mit den besten Produktionsbedingungen, soziale Anpassungen und einheitlicher Außenpolitik. Wir brauchen ein energisches Handeln der EZB zur Geldwertstabilität! Die EU braucht einen Regierungschef mit demokratischer Legitimation, eine gewählte Regierung und ein Parlament, das die Souveränität der Mitgliedsstaaten und Europas insgesamt ausübt! Der Lissabon-Vertrag wird den Anforderungen der Zeit an die weitere Integration Europas in keiner Weise gerecht! Europa muss seine Interessen geschlossen vertreten und durchsetzen!
rhawik 04.05.2010
3.
Das Thema Griechenland-Krise, Euro und Europäische Union ist viel zu komplex. Was für eine Frage, ob Europa sich ändern muss ? Selbstverständlich. Alle und jeder muss sich ändern ! Die Pleite-Serien in Europa werden sich fortsetzen. Portugal, Irland und Spanien werden wohl folgen. Ungarn war doch kürzlich auch Pleite. Von Ungarn spricht im Moment kein Mensch mehr.
grauer kater 04.05.2010
4.
Zitat von sysopNach der Krise ist vor der Krise: In ganz Europa hat die Debatte darüber begonnen, wie die Eurozone künftige Staatspleiten effektiver bekämpfen kann. Muss Europa sich ändern?
Wir brauchen die politische Union Europa mit einheitlicher Wirtschafts-, Finanz-, Steuer- und Abgabenpolitik, mit proportionaler Standortverteilung der Produktion auf die jeweils geeigneten Standorte mit den besten Produktionsbedingungen, soziale Anpassungen und einheitlicher Außenpolitik. Wir brauchen ein energisches Handeln der EZB zur Geldwertstabilität! Die EU braucht einen Regierungschef mit demokratischer Legitimation, eine gewählte Regierung und ein Parlament, das die Souveränität der Mitgliedsstaaten und Europas insgesamt ausübt! Der Lissabon-Vertrag wird den Anforderungen der Zeit an die weitere Integration Europas in keiner Weise gerecht! Europa muss seine Interessen geschlossen vertreten und durchsetzen!
Monsieur Rainer 04.05.2010
5. Besser hätte ich es auch nicht schreiben können !
Zitat von grauer katerWir brauchen die politische Union Europa mit einheitlicher Wirtschafts-, Finanz-, Steuer- und Abgabenpolitik, mit proportionaler Standortverteilung der Produktion auf die jeweils geeigneten Standorte mit den besten Produktionsbedingungen, soziale Anpassungen und einheitlicher Außenpolitik. Wir brauchen ein energisches Handeln der EZB zur Geldwertstabilität! Die EU braucht einen Regierungschef mit demokratischer Legitimation, eine gewählte Regierung und ein Parlament, das die Souveränität der Mitgliedsstaaten und Europas insgesamt ausübt! Der Lissabon-Vertrag wird den Anforderungen der Zeit an die weitere Integration Europas in keiner Weise gerecht! Europa muss seine Interessen geschlossen vertreten und durchsetzen!
Verehrter Forist, Sie haben all das ausgedrückt, was mir gerade aus auf der Zunge lag. Wir brauchen die Vereinigten Staaten von Europa mit nationalen Gouverneuren und einer demoktaisch legitimierten Europa-Regierung. Der Präsident der EU muss vom Volk gewählt werden, die Kommissare sind von ihm zu bestellen und vom EU - Parlament bestätigt werden. Die EU-Abgeordneten werden vom Volk im Direktmandat gewählt und zwar ohne Listenplätze der Parteien. Den Rest haben Sie schon beschrieben, denn das ist dann die Conclusio!
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