Schuldfrage Kreml will Stalin-Kritiker mundtot machen

Historikerstreit auf russisch: In Moskau ist ein Streit darüber entbrannt, welche Schuld das Stalin-Regime am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs trägt. Konservative Kräfte im Kreml wollen die Debatte um jeden Preis unterbinden.

Kreml in Moskau: Kampf gegen die "Geschichtsfälscher"
Yuri Kochetkov/ DPA

Kreml in Moskau: Kampf gegen die "Geschichtsfälscher"


Moskau - Es wird ein Balanceakt für Wladimir Putin. Wenn der russische Regierungschef und Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Dienstag in Polen des Kriegsbeginns vor 70 Jahren gedenken, dürfte nicht nur in Moskau jedes seiner Worte auf die Goldwaage gelegt werden.

Denn konservative Kräfte im Kreml fürchten sieben Jahrzehnte nach Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes mehr denn je, in Mithaftung für den Kriegsbeginn am 1. September 1939 genommen zu werden. Putins Worte dürften dabei von der russischen Elite als Richtschnur für den Umgang mit der eigenen Geschichte gedeutet werden.

Russlands liberale Historiker beklagen dagegen schon lange Rückschritte in der Aufarbeitung sowie eine Verherrlichung der Stalin-Zeit, die eben nicht nur den Sieg über den Faschismus brachte.

Russland ist aus der Perspektive konservativer Historiker und Politiker zunehmend von "Geschichtsfälschern" umzingelt, die aus politischen Gründen den Verdienst des Landes bei der Befreiung Europas in Frage stellten. Eine Strömung, der auch Putin und Kremlchef Dmitri Medwedew durchaus folgen. Medwedew rief bereits im Mai eine Kommission ins Leben, um diesen "immer zäheren und aggressiveren Versuchen" etwas entgegenzusetzen. "Nach dem Zerfall der Sowjetunion haben einige der neuen Staaten begonnen, die Geschichte ihren eigenen Zwecken anzupassen und die historischen Ereignisse zu verfälschen", meint der Duma-Abgeordnete Konstantin Satulin, der in der staatlichen Kommission mitarbeitet.

Das Gremium, das eigentlich mit Blick auf die 2010 geplanten Siegesfeiern zum 65. Jahrestag des Kriegsendes gegründet wurde, sieht sich aber gerade vor Putins Polen-Besuch mit einer schwierigen Debatte um eine mögliche Mitschuld Stalins am Krieg konfrontiert. Denn während Moskaus liberale Historiker den sowjetischen Pakt mit Hitler als zusätzlichen Anstoß für den Überfall auf Polen am 1. September 1939 verurteilen, verteidigt die offizielle Geschichtsdarstellung Stalins Vorgehen heute wieder als "genialen Schachzug".

Der vom sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow und seinem deutschen Kollegen Joachim von Ribbentrop am 23. August 1939 unterzeichnete Nichtangriffspakt habe Moskau mehr Zeit gegeben, sich auf einen Krieg, der 1941 mit dem Angriff Deutschlands begann, vorzubereiten. Doch gegen diese in Russland gängige These, die auch in der Schule so vermittelt wird, spricht aus Sicht unabhängiger Forscher einiges. Stalin habe Hitler sogar "ein wenig" beim Kriegführen geholfen, schrieb der Moskauer Historiker Wladimir Ryschkow unlängst in einem Beitrag für die Agentur Ria Nowosti.

Dank eines deutsch-sowjetischen Handelsabkommens von 1939 habe Hitler von der UdSSR "Metalle, Erdölprodukte, Getreide und andere wichtige Rohstoffe" für seinen Krieg erhalten, stellt Ryschkow fest.

Moskau habe sich im Gegenzug den Zugriff auf deutsche Technologien gesichert. Ryschkow wirft den staatlichen Geschichtsdeutern vor, sich heute aus falsch verstandenem Patriotismus heraus als "Anwalt des Stalinismus" in Szene zu setzen und so bei Russlands Nachbarn Ängste vor einer neoimperialen Politik zu schüren.

Das kremlkritische Nachrichtenmagazin "The New Times" zeigt Hitler und Stalin auf seiner jüngsten Titelseite als Brautpaar in einer Karikatur von 1939 - der Kommunist trägt das Hochzeitskleid. Die Autoren der Ausgabe verdeutlichen, wie sich die Sowjetunion damals von ihrer antifaschistischen Politik verabschiedete und Kritik an den Deutschen per Zensur aus dem öffentlichen Leben und in Büchern verbannte. Die Zusammenarbeit der kommunistischen Sowjetunion mit dem faschistischen Deutschland führte nicht zuletzt zu einer Krise in der internationalen Arbeiterbewegung, heißt es da.

Stalin habe das "zynische Spiel mit dem Faschismus" vor allem genutzt, um in einem dem Pakt beigelegten Geheimprotokoll seine "imperialen Ansprüche" etwa auf das Baltikum festzuhalten, schreibt das Magazin unter Berufung auf eine 1989 in Moskau gegründete Kommission zur Bewertung des Hitler-Stalin-Pakts. Viele liberale Kräfte trauern heute der Zeit von "Glasnost und Perestroika" unter dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow nach, als Archive geöffnet oder Debatten offen geführt worden waren.

Vor Putins Besuch in Polen beklagen auch Menschenrechtler, dass sowjetische Verbrechen wie der Massenmord an polnischen Offizieren in Katyn vom Staat heute wieder totgeschwiegen würde. Sie sehen die zunehmende Heroisierung des Diktators Stalin mit großer Sorge.

Jüngstes Beispiel ist die neue Enthüllung einer nach Stalins Tod in der politischen Tauwetterperiode zunächst gelöschten Inschrift in der Moskauer Metro. Im Sinne patriotischer Geschichtshüter heißt es da: "Stalin hat uns zur Treue gegenüber der Nation erzogen."

Von Ulf Mauder, dpa



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