Schuss auf gefesselten Palästinenser Umstrittener Offizier fällt durch Lügendetektortest

Es wird eng für Omri F. Der israelische Offizier hatte ausgesagt, der Schuss auf einen gefesselten Palästinenser sei ein Missverständnis gewesen. Doch ein Lügendetektortest legt nun nahe: Der Vorfall war geplant.


Jerusalem - Es waren Bilder, die weltweit für Empörung sorgten: Ein junger Palästinenser steht neben einem Militärjeep. Er hat die Hände hinter dem Rücken gefesselt, seine Augen sind verbunden. Unsicher tritt er auf der Stelle. Ein israelischer Soldat, etwa einen Meter entfernt, hält zögerlich sein Gewehr auf den Mann gerichtet. Ein Offizier scheint zu seinem Untergebenen zu sprechen, er schiebt den Gefangenen am ausgestrecktem Arm in die Schusslinie. Daraufhin zielt der Soldat, er schießt. Der 27-jährige Aschraf Abu Rahma wird am Bein getroffen, die Kamera verreißt das ohnehin wackelige Bild. Kurz darauf sieht man, wie Abu Rahma am Boden liegt.

Nun scheint sich bestätigt zu haben, was der Schütze, Feldwebel L., schon während der ersten Befragungen durch die israelische Militäranwaltschaft angegeben hatte: Sein Befehlshaber, Oberstleutnant Omri F., habe ihm den Befehl gegeben, auf den Gefesselten zu schießen. Dreimal habe er wiederholt "Schieß! Schieß auf ihn!" Der vorübergehende festgenommen Soldat war ob dieser Aussage wieder freigelassen worden und zu seiner Einheit zurückgekehrt.

F. hatte behauptet, der Schuss mit einem Gummimantelgeschoss, der Abu Rahma eine Prellung am Fuß beibrachte, sei das Ergebnis eines Missverständnisses gewesen. Er habe seinem Untergebenen nur befohlen, sein Gewehr vor den Palästinenser zu schwenken, um diesen einzuschüchtern, hatte F. den Ermittlern gesagt. Diese Version - ohnehin nicht recht glaubwürdig, schließlich hat Abu Rahma die Augen verbunden und hätte die Drohgebärde mit der Waffe gar nicht sehen können - erwies sich am Montag als nicht haltbar: F. bestand den abschließenden Lügendetektortest der Militärpolizei nicht. Letzte Woche hatte er einen ähnlichen Test in einem privaten Institut noch bestanden.

Sein Untergebener L. fühlt sich nach israelischen Medienberichten betrogen. "Er ist ein exzellenter Soldat, der nie gelogen hat und nun zum Sündenbock gemacht werden soll", sagte ein Vertrauter L.s dem israelischen Internet-Portal Ynetnews. L. hat beide seiner Lügendetektorentests bestanden, in beiden gab er an, den Befehl zum Schuss von F. erhalten zu haben.

"Misshandlungen sind die Regel"

Die Filmaufnahmen des Vorfalls waren vor zehn Tagen von der israelischen Menschenrechtsorganisation B'Tselem veröffentlicht worden. Sie waren am 7. Juli am Rande einer Demonstration gegen den Bau der israelischen Sperranlage im Dörfchen Nilin im Westjordanland entstanden. Die 17-jährige Saalam Amira hatte gefilmt, was sich vor dem Wohnzimmerfenster ihres Elternhauses abspielte. Die Kamera hatte sie von B'Tselem bekommen: Sie ist Teil der "Zurück Schießen" Kampagne, mit der die Organisation es Palästinensern ermöglichen will, Menschenrechtsverletzungen seitens israelischer Siedler und Soldaten per Video zu dokumentieren. Dazu verteilte B'Tselem im vergangenen Jahr mehr als hundert Kameras an Einwohner des Westjordanlands.

"Misshandlungen von festgenommenen Palästinensern sind nicht die Ausnahme, sie sind die Regel", sagte Sarit Michaeli, Sprecherin von B'Tselem, SPIEGEL ONLINE. Schläge und Beschimpfungen seien Routine, die Palästinenser seitens des israelischen Militärs über sich ergehen lassen müssten. Die Empörung, die der Verteidigungsminister Ehud Barak anlässlich des gezielten Schusses auf einen Gefesselten gezeigt hatte, sei geheuchelt.

"Dies ist nicht typisch, es ist nicht akzeptabel und repräsentiert weder die israelische Armee noch deren Werte", hatte Barak nach Veröffentlichung des Videos gesagt. "Das ist die Ausrede, die immer kommt", sagt Michaeli: "Bei jedem Vorfall heißt es, dass sei bloß der eine verdorbene Apfel im Korb."

Saalam Amira, deren Video weltweite Aufmerksamkeit erregte, hat sich über ihren Scoop vermutlich nur kurze Zeit gefreut. Vor fünf Tagen wurde ihr Vater vom israelischen Militär abgeholt. "Wir wissen nicht, warum. Er ist noch nicht angeklagt worden", sagt Michaeli. Ihr Mitarbeiter Iyad Hadad, Rechercheur vor Ort in Nilin, ist sich sicher: "Das ist natürlich eine Strafe dafür, dass seine Tochter das Militär bloßgestellt hat."

Bezahlter Urlaub?

Michaeli ist zurückhaltender. Die Inhaftierung sei exemplarisch für die Parteilichkeit der militärischen Gerichtsbarkeit, der sowohl Soldaten als auch Palästinenser im Westjordanland unterliegen, sagt sie. "Der Soldat, der seinem Untergebenen den Befehl gab, auf einen Wehrlosen zu schießen, bekommt zehn Tage Urlaub, ich vermute mal: bezahlten Urlaub", sagt Michaeli. Die gleiche Gerichtsbarkeit lasse den Vater von Saalam nun schon fünf Tage im Gefängnis sitzen, ohne dass er einen Richter zu Gesicht bekommen hätte.

Seit Monaten kämpfen die Einwohner von Nilin gegen den Bau der israelischen Sperranlage, die nach Angaben der Dorfbewohner auf ihrem, palästinensischem Land gebaut wird. Die Mehrheit der Palästinenser stört sich Umfragen zufolge nicht am Bau einer Sperranlage, so lange Israel sie auf eigenem Territorium errichtet. In zahlreichen von Menschenrechtsgruppen dokumentierten Fällen nutzt Israel den Bau jedoch dazu, sich Land anzueignen.

Im Zuge Dutzender Demonstrationen kam es in den vergangenen Monaten in Nilin wiederholt zu Zusammenstößen zwischen Protestierenden und israelischen Soldaten. Zwischenzeitlich verhängte Jerusalem mehrtägige Ausgangssperren über das gesamte Dorf. Israel gibt an, dass der Sperrzaun Israel gegen Selbstmordattentäter aus dem Westjordanland schützen soll. In ländlichen Gebieten besteht er aus einem Zaunsystem, in besiedeltem Gebiet aus einer bis zu acht Meter hohen Mauer. Nach Ansicht des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag und der Uno-Vollversammlung ist die Sperranlage - ob nun Mauer oder Zaun - illegal.



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