SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

10. November 2005, 09:35 Uhr

Schwarzeneggers Absturz

Ende einer Romanze

Von , New York

Der Honeymoon ist vorbei: Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger, der einstige Nachwuchsstar der Republikaner, ist bei den Wählern unten durch. Seine Popularität ist niedriger als die George W. Bushs. Nach dem verlorenen Referendum steht seine politische Zukunft in Frage.

New York - In Krisenzeiten klammert sich US-Präsident George W. Bush gerne an den Mantel der Geschichte. Zum Beispiel neulich, als er eigens nach Kalifornien flog, um Ronald Reagans alten Regierungsjet als Museumsstück einzuweihen. Die Boeing 707 sei ein "Symbol amerikanischer Stärke und Durchhaltekraft", deklamierte Bush. Das Publikum klatschte beglückt, darunter die VIP-Garde der kalifornischen Republikaner: Nancy Reagan, Ex-Gouverneur Pete Wilson, diverse Kongressabgeordnete und Bürgermeister.

Nur einer fehlte: Arnold Schwarzenegger. Der Herr Gouverneur ließ sich beim hohen Besuch entschuldigen, denn er sei "sehr beschäftigt".

Schwarzenegger: Schlechtere Popularitätswerte als Bush
REUTERS

Schwarzenegger: Schlechtere Popularitätswerte als Bush

Schwarzenegger steckt bis zum Hals in seiner eigenen Krise. Mehr noch: Er verübelte dem ungeliebten Parteifreund Bush, dass dieser ausgerechnet jetzt in seinem Revier wilderte, da sich Schwarzenegger doch selbst mitten durch einen aussichtslosen Wahlkampf schlug. Denn Bush erledigte bei seiner Stippvisite gleich noch einen weiteren Botengang, ein privates Fundraising-Dinner in Beverly Hills, bei dem über eine Million Dollar für die Parteikasse in Washington zusammenkamen - Dollar, die der Gouverneur selbst dringend gebraucht hätte. Verständlich, dass Schwarzenegger auch da unpässlich war.

Vorbei sind die Flitterwochen. Zwei Jahre, nachdem Schwarzenegger triumphierend als Schlichter und Reformer ins Kapitol von Sacramento einzog, steht seine Polit-Zukunft auf einmal in Frage. Der 58-jährige Actionheld a.D., lange der erfolgreichste Newcomer im Republikaner-Stall und noch auf dem Wahlparteitag 2004 Bushs bestes Zugpferd, gilt plötzlich als abgehalftert. Mit der riskanten Volksbefragung vom Dienstag, die er zum Referendum über seinen Amtsverbleib machte, setzte er alles auf eine Karte - und verlor.

Sturz eines Wunderkinds

Schwarzeneggers Popularitätsquote, anfangs bei 70 Prozent, ist auf 35 Prozent abgestürzt - tiefer als Bushs. In einer Umfrage gaben 56 Prozent der Befragten jetzt an, sie würden ihn bei der nächsten Gouverneurswahl 2006 nicht wiederwählen, nur 36 Prozent waren für ihn. Im hypothetischen Rennen verlor er sogar gegen die obskursten Herausforderer.

Schwarzenegger, schimpft sein Hollywood-Kumpel Warren Beatty, sei von einem, den selbst die Demokraten lieben konnten, zum "rechtsextremen Werbeträger" mutiert. Er regiere "mit Show, Spin, Make-up und Photo-Ops, mit unechten Events, unechten Themen und unechten Menschenmengen". Der Recall (Abwahl) seines Vorgängers Gray Davis rufe jetzt nach einer "Fortsetzung - einem neuen Recall". Als demokratischer Gegenkandidat am heißesten im Gespräch: Warren Beatty.

Was ist geschehen? Dem gestürzten Wunderkind ist sein eigenes Talent zum Verhängnis geworden - das Talent, sich wie einen Kassenmagneten zu inszenieren, seinen politischen Durchmarsch wie einen Film und seine Auftritte wie ein "Terminator"-Drehbuch. Politik ist Entertainment, war sein Motto. Jetzt merkt er: Politik muss auf Dauer mehr sein.

"Hör auf, die Leute zu belügen!"

Schwarzenegger-Widersacher Warren Beatty: Rufe nach einem neuen Recall
REUTERS

Schwarzenegger-Widersacher Warren Beatty: Rufe nach einem neuen Recall

Schwarzeneggers frühe Errungenschaften sind unumstritten. Er wickelte die Gewerkschaften um den Finger. Er tarierte den Haushalt aus. Er setzte sich für die Farmer ein. Er bezog liberale Positionen. Er umgarnte Umweltschützer. Er nahm vier Demokraten in sein Kabinett auf.

Doch nach einem Jahr kippte die Stimmung. Daran war Schwarzeneggger selbst schuld. Seine spitzen Tiraden auf die Gegner beim New Yorker Bush-Parteitag ("Girlie Men") hatten sie noch locker weggesteckt. Als er dann aber eine kompromisslose "Year of Reform"-Agenda vorlegte, in der er dem Volk brutale Sparmaßnahmen verordnete, sich selbst dabei aber mehr Macht zuweisen wollte und das Ganze auch noch mit einem Ultimatum an die Opposition verband, da war Schluss mit Lustig.

Auf einmal wurde er bei seinen Auftritten nicht mehr mit "Ar-nold! Ar-nold!" begrüßt, sondern ausgebuht. Am schlimmsten traf ihn das im Juni an seiner Alma Mater, dem Santa Monica College. Dort hielt er, im schwarzen Talar und Doktorhütchen, die traditionelle Ansprache vor der Abschlussklasse. Seine Worte ertranken in Gebrüll und Geschrei. "Hör endlich auf, die Leute zu belügen!", skandierten die Studenten.

Schweigegeld für die Kritiker

Krankenschwestern gegen Schwarzenegger: Buh-Rufe statt Begeisterung
REUTERS

Krankenschwestern gegen Schwarzenegger: Buh-Rufe statt Begeisterung

Eine regelrechte Anti-Schwarzeneggger-Front formiert sich. Selbst in geschlossene Fundraiser schmuggeln sich die Gegner ein. Bürgergruppen haben eine neue Recall-Initiative angeleiert - gegen Schwarzenegger.

"Die Romanze dauerte nur einen Nachrichten-Cycle", schrieb das linke Wochenblatt "Nation". Auch Schwarzeneggers Strategenteam verlor das Gespür. Sein Beschluss, sich gegen illegale Einwanderer zu profilieren, ging nach hinten los: Prompt rückten die Latinos von ihm ab - die stärkste Wählergruppe in Kalifornien.

Auch Schwarzeneggers private Händel sorgten für Unbill. Seine Kungelbeziehung zum Großverlag American Media (AMI), der die Klatschpostille "National Enquirer" und diverse Bodybuilding-Magazine herausgibt, stank nach Vetternwirtschaft. Nicht nur, dass er mit AMI ein lukratives "Berater-Deal" hatte. Auch stellte sich heraus, dass AMI potentiellen Kritikern des Gouverneurs Schweigegeld zahlte: "Wir wollten ihn nur beschützen."

Tingeltour durch Late-Night-Talkshows

Im Erfolgsrausch scheint Schwarzenegger das politische Feingefühl verloren zu haben - und das Gleichgewicht im Seiltanz zwischen den Parteien, seine alte Kunst. "Seine Operation hat es versäumt, die Lehren aus dem Recall zu ziehen", sagt der demokratische Wahlstratege Bill Carrick. "Er ist in die alten Republikaner-Methoden abgedriftet - ein großes Problem."

Mit der Volksbefragung setzte Schwarzenegger nun aufs Ganze: Er stellte seine komplette Agenda zur Abstimmung - und hat, um das Risiko zu erhöhen, parallel seine Kandidatur für eine zweite Amtszeit schon jetzt angemeldet, ein Jahr vor dem eigentlichen Wahltermin. "Teil II" nennt er das, in der Hoffnung, an den Erfolg anknüpfen zu können.

Doch schon von Anfang an standen die Zeichen auf Sturm: Die Mehrheit der Kalifornier lehnte Schwarzeneggers Vorab-"Spezialwahlen" in Umfragen als unnütz ab. Die meisten wussten nicht mal, worum es ging. Daran konnte auch Schwarzeneggers übliche Tingeltour durch die Late-Night-Talkshows nichts ändern.

"Nuklearkrieg" und "Armageddon"

Alles oder nichts. Schwarzenegger ließ die Wähler über jedes seiner Reform-Rezepte einzeln abstimmen: die Befugnis des Gouverneurs, Etatkürzungen ohne das Parlament vorzunehmen, das Neuziehen von Wahlbezirksgrenzen, Medikamentenhilfe für Arme, elterliche Meldepflicht für Abtreibungen bei Minderjährigen, ein strikteres Parteispendengesetz für Gewerkschaften.

Vor allem Schwarzeneggers Einsatz für die Einschränkung der Gewerkschaftsspenden - der finanzielle Todesstoß für die kalifornischen Demokraten - ließ die Lage vollends eskalieren. 100 Millionen Dollar gaben die Gewerkschaften aus, um das Gesetz zu verhindern. Die Pharma-Industrie steckte 80 Millionen Dollar in ihre Anti-Schwarzenegger-Kampagne. Der wiederum investierte über 50 Millionen Dollar, darunter 7,2 Millionen aus eigener Tasche. Insgesamt überschritt das Fundraising die 250-Millionen-Dollar-Marke. "Armageddon", sagte die Politologin Sherry Bebitch Jeffe dazu. Fabian Nuñez, der demokratische Sprecher des Parlaments, sprach von einem "Nuklearkrieg".

Jubeln in Disneyland

Alles umsonst. Mit überwältigender Mehrheit schmetterten die Kalifornier alle Bestandteile der Volksbefragung ab. "No, no, no, no, no, no, no, no", schlagzeilte die "Los Angeles Times" hämisch. Schwarzeneggers Image ist lädiert, sein "Terminator"-Mythos der Unzerstörbarkeit dahin, die Wähler haben der Promi-Politik Hollywods klare Grenzen gezeigt. "Seine Show wird langsam abgestanden", mäkelte selbst ein republikanischer Stratege.

Unterdessen zeigt der einstige Anti-Bush Schwarzenegger die ersten Bush-Symptome: Seine Veranstaltungen werden immer strenger choreografiert und kontrolliert. Zum Beispiel neulich seine Rede vor dem Landesparteitag der Republikaner. Da schien alles wie in alten Tagen; die Delegierten sprangen auf die Füße und skandierten begeistert: "Ar-nold! Ar-nold!" Schauplatz: das Marriott-Hotel in Anaheim - gleich neben der Fantasiewelt von Disneyland.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung